Une image peut en cacher une autre - Paris

Bilder mit doppeltem Boden

Die Ausstellung "Une image peut en cacher une autre" im Pariser Grand Palais untersucht Bildphänomene in der Kunst.

Der Künstler als Triebtäter: "Die Vergewaltigung" nennt der belgische Surrealist René Magritte einen Frauenkopf, dessen Gesichtzüge aus einem nackten weiblichen Torso bestehen. Missbrauch der Frau als Sexualobjekt, aber auch des Genres Porträtmalerei durch einen Körper, der das Gesicht verdeckt.

Das Bild im Bild als beliebte optische Spielerei, Anamorphosen als in ihre Bestandteile zerfallende Bildfragmente, die erst aus einem bestimmten Blickwinkel oder über einen Rundspiegel betrachtet Sinn ergeben, seitenverkehrt lesbare Vexierbilder oder anthropomorphe Landschaften, in denen die Natur menschliche Züge bekommt: Darum geht es in einer Pariser Ausstellung im Grand Palais, die solche Verfahren durch die gesamte Kunstgeschichte verfolgt, von mittelalterlichen Altarbildern und italienischer Renaissancemalerei über Impressionismus und Surrealismus, bis hin zur Gegenwartskunst.

Mit rund 250 Beispielen aus Malerei und Skulptur, aber auch Zeichnung, Grafik, Fotografie und Film untersucht die Pariser Ausstellung "Une image peut en cacher une autre" ("Ein Bild kann das andere verstecken") Kunst mit doppeltem Boden. Kurator Jean-Hubert Martin hatte dieses Thema bereits 2003 als damaliger Direktor des Düsseldorfer Museums Kunstpalast in kleinerem Rahmen behandelt, jetzt aber geht er zurück bis zu den geistlichen Darstellungen der präkolumbischen Maya-Indianer, zeigt Federzeichnungen von Albrecht Dürer und Michelangelo, konfrontiert die Früchte- und Gemüseporträts des Mailänders Giuseppe Arcimboldo aus dem 16. Jahrhundert mit zeitgleichen Miniaturen von Sittenszenen aus den Palästen indischer und persischer Mogule und die utopische Architektur von Giovanni Battista Piranesi oder M. C. Escher mit scheinbar eindeutigen Seelandschaften von Paul Gauguin oder Edgar Degas.

Immer geht es um künstlerische Bilderrätsel, um das Zusammenspiel des Offensichtlichen mit dem Versteckten, was in den weit verbreiteten Vexierbildern des 19. Jahrhunderts ein populärer Denksport war und in der "Kritische Paranoia" genannten Methode von Salvador Dalí als Schlüssel zum Unbewussten galt. Dalís "Metamorphose des Narziss" von 1937 gehört daher ebenso zu den Schlüsselwerken der Ausstellung wie eine Holztafel von Hans Memling von 1490, auf welcher der Schlund eines tierischen Monsters zum Menschen fressenden Fegefeuer wird. Selten gezeigte Bergpostkarten von Emil Nolde, auf denen Schweizer Gipfel menschliche Züge annehmen, sind in Paris neben Filmausschnitten von Sergej Eisenstein, Alfred Hitchcock oder Jacques Tati zu sehen. Den Bogen in die Gegenwart schlagen Annette Messager, James Coleman und vor allem der Schweizer Markus Raetz, der mit einem guten Dutzend Arbeiten präsent ist, darunter seine "Métamorphose II" von 1991/92, bestehend aus einer sich drehenden Skulptur mit der typischen Silhouette von Joseph Beuys, natürlich mit Hut, die im Spiegel zu Beuys’ Kulttier wird, einem Hasen.

"Une image peut en cacher une autre"

Termin: bis 6. Juli, Grand Palais, Paris
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