La Force de l’Art - Grand Palais

Echte Leistungsschau oder falsche Kunstmesse?

Die Ausstellung "La Force de l’Art" im Pariser Grand Palais, angeblich Frankreichs neue Triennale, ist vielmehr eine skurrile Mischung aus Landwirtschaftsmesse und FIAC. "Die Kraft der Kunst" zeigt viel Oberfläche und reichlich Netzhautschmeichler, aber kaum Reflexion oder gar Emotion.

Bei der ersten Ausgabe 2006 sprachen böse Zungen noch von der "Villepin-Ausstellung". Der Schöngeist und damalige Premierminister hatte die gigantische Schau im Pariser Grand Palais quasi per Dringlichkeitsverfügung und im Alleingang beschlossen – Frankreich sollte der ganzen Welt zeigen, wozu die heimische Kunstszene von La Grande Nation in der Lage ist.

Nun wurde gestern die zweite Ausgabe der "Kraft der Kunst" eröffnet, und das Kulturministerium spricht pötzlich stolz von Frankreichs Triennale – die nichts anderes ist als eine nationale Leistungsschau, die alle drei Jahre wieder der internationalen Szene zeigen soll, wozu Frankreichs Kunstszene fähig ist. Eine staatlich finanzierte Messe für künstlerischen Nachwuchs, eine Shopping Mall für Museumskuratoren.

Oder anders gesagt – eine skurrile Mischung aus Landwirtschaftsmesse und FIAC. Das ist zumindest der erste Eindruck dieser weltweit einzigen Kunstschau, die man mit Sonnenbrille begehen muss. Denn wenn die Pariser Frühlingssonne durch die Glaskuppeln fällt und sich in der unbescheiden "weiße Geologie" genannten Ausstellungslandschaft spiegelt, hat die Kunst es schwer, sich gegen überirdische Lichtquellen, monumentale Ambiente und politischen Ehrgeiz durchzusetzen. Im Grand Palais muss geklotzt werden – das mag einem Anselm Kiefer oder Richard Serra gelingen, der Sammlung Yves Saint-Laurent oder 120 Kojen internationaler Galerien. Schwieriger wird es bei nur 36 jungen Künstlern oder Künstlerpaaren, erst recht, wenn deren Kunst trotz aufgeblasener Dimension meist kleinteilig bleibt und sich aus den intellektuellen Untiefen der Massenkultur, etwa Comic, Pop, Modeschau und People-Presse, nährt.

Auffällig, dass fast alle Künstler multimedial arbeiten

Bis auf einen Teilnehmer, den in Dublin und Paris lebenden Iren James Coleman, dank seines internationalen Status eine Art Alibifigur, dessen – ältere - Filmarbeit aus dem Jahre 2001 hier völlig deplatziert wirkt, sind die im Grand Palais gezeigten Künstler deutlich unter 50. Sie kommen zumeist aus Paris, aber auch aus Lyon, Nizza, Montpellier oder Dijon, wo es starke Kunsthochschulen gibt, und repräsentieren eine französische Generation, die es international schwer hat, sich zu behaupten. Warum das so ist, wird in "La Force de l’Art" auf den ersten Blick klar: Jungstars wie Boris Achour, Michel Blazy, Alain Bublex, Fabrice Hyber oder Didier Marcel erschöpfen sich einer Frankreichs Kunst schon seit den sechziger Jahren vorgeworfenen formalen Selbstverliebtheit, die durch das grelle Weiß der Ausstellungsbauten noch verstärkt wird. Anders gesagt – viel Oberfläche und reichlich Netzhautschmeichler, aber kaum Reflexion oder gar Emotion.

Auffällig, dass fast alle Künstler multimedial arbeiten. Selbst brave Maler, ohnehin in der Minderzahl, bauen schell noch einen Videomonitor in ihre Kabinette, und kaum ein Bildhauer mag auf Lautsprecher für Toneffekte verzichten. Dabei sind gerade die Installationen am stärksten, die ihre Energie auf ein einziges Werk konzentrieren – ein pathetisch goldglänzender "Bogen des Triumphs" des 32-jährigen Mircea Kantor etwa, der an die Dörfer seiner rumänischen Heimat erinnert. Die gigantische Schneeflocken-Skulptur des in Lyon lebenden Gentil Garçon alias Julien Amouroux. Oder der silbern glitzernde, leise atmende Spiegelballon des in New York lebenden Bruno Peinado, mit seinem den Radaukünstlern der legendären Gruppe Einstürzende Neubauten entliehenen Titel: "Silence is sexy".

Sicher wäre es besser gewesen, hätten die drei Kuratoren gestandene Künstlerpersönlichkeiten der Teilnehmerliste, wie Bertrand Lavier, Daniel Buren, Annette Messager oder Pierre et Gilles, zur Verstärkung des Nachwuchses in den Grand Palais geladen. Statt dessen darf Messager im nahe gelegenen Palais de la Découverte die Planeten tanzen und Lavier den Eiffelturm zu den unmöglichsten Zeiten blinken lassen. Körperkünstlerin Orlan bespielt das Wachsmuseum Grevin und das exzentrische Fotografenpaar Pierre et Gilles die Kirche Saint-Eustache. Womit "Die Kraft der Kunst" just da zu funktionieren beginnt, wo sie nicht mehr kollektive Verkaufsmesse für die Produktion der Grande Nation, sondern Ausstellung von individuellen Persönlichkeiten ist – an ausgewählten Plätzen der Stadt Paris, die nun mal die grösste Trumpfkarte ist, die Frankreichs Kunst zu bieten hat.

"La Force de l’Art"

Termin: bis 1. Juni, Grand Palais, Paris
http://www.laforcedelart.fr/02/