Cecily Brown, Herbert Brandl - Deichtorhallen Hamburg

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Auf die Suche nach Details und eine Wanderung durch die Natur schicken die Deichtorhallen ihre Besucher mit zwei parallelen Ausstellungen von Cecily Brown und Herbert Brandl. Brown, wegen provokanter Sexdarstellungen ausgiebig diskutiert, widmet sich zunehmend Naturformen und begibt sich damit auf das Terrain des österreichischen Malers Herbert Brandl. Zusammen führen sie durch ein Wechselspiel von gegenständlicher und abstrakter Malerei.

Was haben die medienwirksame Cecily Brown und der zurückgezogene Österreicher Herbert Brandl gemeinsam? Was verbindet provokante Öl-Orgien und atmosphärische Berg-Abstraktionen? Zum Nachdenken über diese Fragen laden seit Samstag die Deichtorhallen ein und zeigen parallele Einzelausstellungen der beiden zeitgenössischen Maler, die sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen: die Gratwanderung zwischen Abstraktion und Figuration.

Robert Fleck, Kurator beider Ausstellungen, sieht viele weitere Parallelen: "Die beiden Künstler verbindet eine unorthodoxe Malweise, wobei sie trotzdem Vollblutmaler sind. Sie gehen Risiken ein, indem sie ungewöhnliche Elemente einbauen. Beide sind außergewöhnlich begabte Maler, die neue Möglichkeiten der Malerei geöffnet haben." Arbeite Brown dabei aus dem Detail heraus, gehe Brandl den umgekehrten Weg und male vom Bild ausgehend große Formate in einem Zug, sagt Fleck. An der Grenze zwischen Ungegenständlichkeit und Figuration treffen sich beide wieder. Die Deichtorhallen zeigen mit diesen Werken die erste große europäische Werkschau der in New York lebenden Cecily Brown und die erste große Werkschau Brandls vor deutschem Publikum. Für Fleck zwei neuartige Positionen: "Beide haben sich freigearbeitet von den malerischen Vorbildern der vorherigen Generation und bringen damit Frische in die Malerei."

Direkt zu Beginn der Ausstellung stoßen Browns detailreiche Arbeiten, genau wie erwartet, mit pornografischer Bildsprache an die Grenzen des wohlerzogenen Geschmacks: Verkohlte Gestalten springen dem Besucher in eindeutiger Pose entgegen, einen Raum weiter lässt eine Orgie mit pinkfarbenen und gelben Pinselstrichen nur erahnen, wie viele Körper an der expressiven Ekstase beteiligt sind. Zwischen unschuldiger Naturliebe, pinkfarbenen Orgien und Hardcoreszenen, kündigt eine versteckte Schlange den Sündenfall an. Doch es sind nicht diese Motive, die provozieren. Es ist der ständige Wechsel zwischen voyeuristischer Darstellung und Auflösung des Bildes in der Abstraktion, der die Wahrnehmung vor Herausforderungen stellt. Vielleicht liegt es an der neuen gesetzten Lebenssituation der Künstlerin, heute verheiratet und seit zwei Wochen Mutter, dass sich ihre jüngeren Arbeiten weniger mit provokanten Motiven als mit abstrakten Naturformen beschäftigen.

Naturliebe, Orgien und abstrakte Landschaften

Dabei verstecken sich jedoch immer figurative, erotische Elemente in den rauschenden Landschaften. "Ich will eine menschliche Präsenz in den Bildern, ohne diese ganz ausformulieren zu müssen", sagte Brown einmal. So jagen ihre Bilder den Betrachter vom Gegenständlichen ins Abstrakte und wieder zurück. Dabei muss er auf der Hut sein, nicht zu übersehen, was sich zwischen wilden Pinselstrichen zu erkennen gibt. Die Hängung der Arbeiten führt durch das Wechselbad der Wahrnehmung und macht den Museumsbesucher zum Voyeur: Denn zwischen gestischen Landschaften wartet hinter der nächsten Ecke schon wieder eine Liebesszene, auf die im Vorbeigehen noch schnell ein Blick erhascht werden muss. Ein ständiger Wechsel zwischen eindeutigen Gegenständen und "Suchbildern", die mit fleischfarbenen Linien Körperteile erahnen lassen, sowie nahezu völliger Ungegenständlichkeit.

Erschöpft vom "Ich-sehe-was,-was-du-nicht-siehst" in den unruhigen Arbeiten Browns, entführen Herbert Brandls Großformate auf eine sinnlich ästhetische Wanderung durch die Natur und lassen den Besucher vor riesigen Bildern von Bergen aufschauen und regelrecht zu Luft kommen: Fast bekommt man das Gefühl, durch eine Schlucht zu wandern und Bergluft zu atmen. Die Bilder und die Räume wirken großzügig und erlauben dem Blick, sich vom hektischen Suchen und Finden in Browns Arbeiten zu erholen. Doch auch hier ist niemand vor dem Hin und Her zwischen Abstraktion und Figuration sicher.

"Bei Brown springt die Medienmaschinerie an"

Zwischen giftig grünem Gras, düsteren Hyänen, atmosphärischen Bergen und zu erahnenden Sonnenuntergängen machen wenige Pinselhiebe klar, um welchen Gegenstand es sich handelt. Kleine Elemente lassen Farben zu Bergen werden, dann wieder völlig abstrakte Großformate. Brandl widersetzt sich damit den scharfen Gegensätzen figurativer und abstrakter Malerei. Seine Arbeiten lassen trotz ihrer Größe Raum und erlauben, den Farben und Assoziationen zu folgen. Die Hängung leitet den Blick und lässt dabei Platz für Entdeckungen. "Die meisten von Brandls Arbeiten sind mit der räumlichen Auseinandersetzung in den Deichtorhallen entstanden", sagt Fleck. Der Künstler habe sich auch mit der Wirkung des Lichts zu verschiedenen Tageszeiten auseinandergesetzt. Tatsächlich müsste man die Ausstellung eigentlich achtmal sehen: Einmal morgens, mittags, nachmittags und abends und das bei gutem wie bei schlechtem Wetter, um die volle Wirkung der Arbeiten zu erleben. Das Licht taucht jeden Raum in eine ganz eigene Stimmung und der Besucher in immer neue Bildwelten ein.

Zuweilen wirkt das Changieren zwischen den verschiedenen malerischen Polen und das Suchen nach versteckten Details in den Brownbildern etwas uneindeutig bis überfordernd. Doch es macht den Besuch zu einem sinnlichen Erlebnis, das der eigenen Wahrnehmung viel abverlangt aber auch einiges bietet. Das ist mal bedrückend, mal erheiternd, auch beschämend, aber nie eintönig. Ob sich die Frage nach Gemeinsamkeiten beider Künstler wirklich klären lässt oder nicht, es bleibt der Besucher, der selbst entscheidet, ob er erkennen oder einfach wahrnehmen möchte. "Es erfordert von den Künstlern viel Mut, sich auf zwei parallele Ausstellungen einzulassen. Man liefert sich dem Werk des anderen aus. Wir hoffen, dass sie einander unterstützen, beleuchten und sich aneinander reiben, und dass daraus ein interessanter Gegensatz entsteht," erklärt Fleck. Herbert Brandl ist zufrieden mit der Wahl: "Ich mag die Farbigkeit und die Details in Browns Arbeiten. Sie sind eine tolle Ergänzung zu meinen Bildern und inspirieren mich enorm. Ich befürchte, ich muss bald ein Cecily-Brown-Werk malen." Die mediale Überpräsenz seiner Kollegin nimmt er gelassen: „Das passt zu ihr einfach viel besser als zu mir. Ich bin mit den Medien nicht so verbunden und verabschiede mich lieber ab und zu aus der Gesellschaft. Bei Brown springt die Medienmaschinerie natürlich an. Das ist doch ein Vorteil für die Deichtorhallen und für meine Ausstellung."

"Herbert Brandl, Cecily Brown"

Termin: bis 30. August, Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2, zu beiden Ausstellungen ist ein Katalog erschienen
http://www.deichtorhallen.de/

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