John Neumeier - Vaslaw Nijinsky

Tanz der Farben

Dass Vaslaw Nijinsky nicht nur ein Ausnahmetänzer war, sondern auch ein bildender Künstler, davon kann man sich ab dem 20. Mai im Hubertus-Wald Forum der Hamburger Kunsthalle überzeugen. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der "Ballets Russes" leiht Choreograf John Neumeier der Kunsthalle einige seiner Schätze: Bilder, die der Star des russischen Balletts selbst malte. Die Ausstellung "Tanz der Farben – Nijinskys Auge und die Abstraktion" stellt die Zeichnungen des Tänzers Werken von Künstlern seiner Zeit und Arbeiten, die ihn zum Motiv haben, gegenüber.
Tanz der Farben:Vaslaw Nijinsky in der Kunsthalle Hamburg

"Woher er seine malerische Technik hat, ist ein Mysterium" – John Neumeier über Vaslaw Nijinsky

Herr Neumeier, wie kam es dazu, dass Sie die Bilder eines Tänzers sammeln?

John Neumeier: In Milwaukee, meiner Geburtsstadt, gab es kein Ballett-Ensemble und keine Ballettschule. Ich fühlte mich immer schon zu dieser Kunstform hingezogen. Ein, zweimal im Jahr habe ich Vorstellungen von Ensembles gesehen, die durchgereist sind. Für mich war aber wichtig, etwas in der Hand zu haben, um es immer wieder anzuschauen und zu wissen: Diese Welt gibt es wirklich irgendwo.

Die Sammlung begann dann mit Büchern. Mit neun Jahren habe ich mein erstes Ballettbuch gekauft. Ich habe versucht, diese Kunstform, die nur in der Gegenwart sprechen kann, irgendwie festzuhalten und mehr darüber zu lernen. Ich las die Biografie "The Tragedy of Nijinsky", die mich sehr gerührt und beeindruckt hat. Vaslaw Nijinsky faszinierte mich nicht nur, weil er so ein beeindruckender Tänzer war, sondern auch als Mensch. Später habe ich Darstellungen von Künstlern aus dem 19. Jahrhundert gesammelt. 1972 kam ich nach Hamburg und habe hier die wichtigsten Käufe gemacht. Hier begann meine wirkliche Nijinsky-Sammlung. Ich sehe sein Leben als Puzzle-Spiel. Ich sammle Eindrücke, wie verschiedene Menschen ihn gesehen haben, und rücke ein Bild zusammen, das sich ständig verändert. Das bleibt für mich faszinierend.

Und wie haben Sie den bildenden Künstler Nijinsky entdeckt?

Seine Zeichnungen tauchten ab zu in bei Auktionen auf. Damals waren sie für mich aber eher Kuriositäten. Dann habe ich den großen Nachlass der Nijinsky-Familie mit 78 Bildern zu Gesicht bekommen. Das hat mir die Augen geöffnet. Wer seine Bilder sieht, merkt, dass sie mehr sind als ein emotionaler Ausdruck: Sie zeigen Formgefühl und künstlerische Vision.

Was für Bilder besitzen Sie?

In erster Linie Zeichnungen. Er hat auch mit Tusche, Farbe, Wachs und Pastell gearbeitet. Seine Bilder sehen gemalt aus, bestehen tatsächlich aber aus verschiedenen Schichten Tinte. Die Bilder sind stark in der Form reduziert. Seine Zeichnungen sind erstaunlich in ihrer Feinheit und Genauigkeit der Striche. Alles in allem sind seine Arbeiten eine große Kunst-Entdeckung.

Was bedeuten Ihnen als Tänzer und Choreograf Bilder?

Ich habe mich immer schon dafür interessiert und sogar Kunst studiert, bevor ich mich für den Tanz entschieden habe. Früher dachte ich mal, ich würde bildender Künstler. Das war eine Art innerer Kampf in diesen Jahren. Nijinskys Bilder sind für mich so etwas wie seine Gegenwart. Sie zeigen etwas ganz anderes, viel moderneres, als die verschiedenen Sichten von außen auf ihn. In seinen Bildern sieht man das, was vor seinem inneren Augen lag.

Was glauben Sie, warum hat er gemalt?

Ich glaube, er war voller fortschrittlicher Ideen, die er in St. Moritz um 1918 nicht ausleben konnte. Deshalb brauchte er eine andere Ausdrucksform, die in den limitierten räumlichen Verhältnissen eine andere Darstellungsmöglichkeit bot. Woher er seine malerische Technik hat, ist ein Mysterium.

Sind seine Bilder also nicht die eines Geisteskranken?

Nein, und das zu zeigen ist der Sinn dieser Ausstellung. Es gibt späte Zeichnungen, die als Ausdruck eines gestörten Menschen gesehen werden können. Aber das betrifft nicht die Bilder, die wir zeigen werden. Sein In-sich-Gehen und die daraus entstandenen Visionen waren ein wichtiger Teil von ihm. Wie diese Visionen ausgedrückt sind, das ist die Arbeit eines Künstlers. Deshalb zeigt die Ausstellung seine Bilder neben denen anderer Künstler, die zur gleichen Zeit gearbeitet haben. Die Bilder werden in diesem Rahmen zum ersten Mal von Kunstwissenschaftlern analysiert – nicht als die Arbeit eines Wahnsinnigen, sondern als Kunst.

Was ist die besondere künstlerische Qualität seiner Bilder?

Seine Arbeiten zeigen eine sehr modern reduzierte Vision, die sich ausdrückt in einer Auseinandersetzung mit einfachen Formen. Eine seiner Hauptformen war der Kreis. Er hat sehr dynamische Bilder entwickelt und immer wieder mit einfachen Kompositionen experimentiert. Das finde ich so fortschrittlich bei ihm. Und er war technisch sehr gut: präzise Striche in den figürlichen Zeichnungen und kraftvolle Wachsstifte in seinen kreisdynamischen Bildern.

Übertrug er die Dynamik des Tanzes auf den Bildgrund?

Nicht wirklich. Vielleicht kann man die Erinnerung an Tanz in ein Bild bringen, aber nicht die Essenz. Aber es gibt bestimmte Elemente, die an Tanz erinnern: In Nijinskys Bildern kann man beispielsweise erkennen, wie die Wiederholung einer Bewegung zu einem Rhythmus wird. Man sieht auch, dass er wahrscheinlich mit zwei Händen gezeichnet hat. Die besondere Symmetrie in den Bildern könnte aus seiner tänzerischen Fähigkeit resultieren. Sein Bild "Die Tänzerin" beispielsweise zeigt eine Tänzerin aus Kreisbewegungen. In diesem Bild sieht man tatsächlich, dass Bewegung dargestellt wird. Bei den meisten Bildern denkt man aber nicht unbedingt an Tanz. Die sind eher abstrakt.

Und wie kam schließlich die Zusammenarbeit mit der Kunsthalle zustande?

Vor zwei oder drei Jahren sprachen der Leiter Hubertus Gaßner und ich über das Jubiläumsjahr der "Ballets Russes" 2009. Uns war klar, dass Hamburg keine große "Ballets-Russes"-Ausstellung organisieren könnte. Als ich die Möglichkeit bekam, die Nijinsky-Bilder zu ersteigern, habe ich vorgeschlagen, sich auf ihn zu konzentrieren und damit einen Aspekt des großen Themas zu beleuchten. Gaßner hatte die Idee, andere Künstler dieser Zeit im Kontext zu zeigen, bei denen durch die Dynamik im Bild und die Verwendung der Kreisform eine Nähe zum Tanz zu sehen ist, und die Nijinskys Arbeiten ähnlich sind. Daher hat er den Titel "Tanz der Farben" entwickelt. Es geht dabei um den Gedanken, dass durch die Entwicklung des Tanzes zwischen 1912 und heute der Tanz sogar zu einer Quelle für die Entwicklung der Abstraktion in der Malerei geworden ist. Mir war der Aspekt des Auges wichtig, um die Differenz von Innen- und Außensicht bei Nijinsky und damit seine unbedingte Modernität anzudeuten.

Warum gehört Nijinsky denn in ein Museum?

Durch die vielen Facetten seines Wesens ist er einer der faszinierensten Künstler des 20. Jahrhunderts. Für mich der faszinierendste! Er war der Star des russischen Balletts und ist von vielen großen Künstlern gemalt worden. Außerdem war er ein bahnbrechender Choreograf. Und er war menschlich sehr faszinierend: Seine Tagebücher zeigen, dass er nie das egozentrische Denken eines Künstlers hatte. Für ihn gab es Dinge in der Natur und in zwischenmenschlichen Beziehungen, die wichtiger waren. Darüber hat er viel geschrieben. Er war auch ein Philosoph. Und dann sind da natürlich seine Bilder. Das alles zusammen ergibt einen Menschen, der wirklich faszinierend ist.

Bisher leben Sie Tag und Nacht umgeben von Nijinsky und seinen Zeichnungen. Fällt es ihnen schwer, die Bilder zu verleihen?

Ja, es ist sehr schwer für mich, die Bilder weiterzugeben. Erst im Jahr 2000, zum 50. Jahrestag nach Nijinskys Tod habe ich seine Bilder verliehen, alle anderen Anfragen hatte ich bis dahin abgelehnt. Aber ich denke, es ist wichtig, dass andere Menschen seine Vielschichtigkeit kennen lernen. Dazu wollte ich auch ein eigenes Kunstwerk beitragen. Deshalb habe ich 2000, als die ersten Nijinsky-Ausstellungen losgingen, das Ballett "Nijinsky" choreografiert. Diese Jubiläumsjahr ist einerseits ganz wunderbar, andererseits tut es mir als Sammler weh: Die Bilder werden nicht nur in der Kunsthalle gezeigt, sondern auch in München, Wien, Mailand sowie nächstes Jahr in London. Ich sehne mich schon nach der Zeit, wenn alle Bilder wieder zu Hause sind. Das Leben mit ihnen ist ein Teil von mir. Ihre ständige Präsenz, dass ich mich unbewusst immer mit ihnen auseinandersetze, ist Teil meines Daseins. Das werde ich sehr vermissen. Jetzt habe ich lauter Nägel ohne Bilder an den Wänden.

"Tanz der Farben – Nijinskys Auge und die Abstraktion"

Termine: 20. Mai bis 16. August, Hubertus-Wald Forum der Kunsthalle Hamburg – eine Kooperation der Hamburger Kunsthalle mit John Neumeier und seiner Stiftung. Weitere Veranstaltungen im Kontext der Ausstellung und des "Ballets Russes"-Jubiläums: 19. Mai: Nijinsky – Jubiläumsvorstellung "100 Jahre Ballets Russes" in der Hamburgischen Staatsoper; 9. Juni: Podiumsdiskussion "Tanz der Farben" in der Hamburger Kunsthalle; 28. Juni: Premiere "Hommage aux Ballets Russes" in der Hamburgischen Staatsoper; 28. Juni bis 12. Juli: 35. Hamburger Ballett-Tage
http://www.hamburger-kunsthalle.de/start/start.html

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