Das Neue Bauhaus - Dessau

Boomtown war gestern

Nirgends kann man die reine Idee des Neuen Bauens so gut studieren wie in Dessau – und was der Alltag des 20. Jahrhunderts daraus gemacht hat.
Boomtown war gestern:Die Idee des Neuen Bauens und was der Alltag daraus hat

Vision von einem zwangbefreiten Leben: Die Meisterhäuser sind begehbare Skulpturen, elegant und offen

Verfallende Lokschuppen und dämmernde Industrieruinen in wucherndem Gebüsch. Hinter den Bruchbuden schieben sich gerade die vormontierten Teile einer neuen Brücke über die Elbe. Am Bahnhof: Multiplexkino, Shoppingcenter, Monsterkreuzung. Nagelneue Infrastruktur, kaum Menschen. Die Läden heißen "Centfuchs" und "Pfennigpfeiffer". "Man kommt sich hier manchmal vor, als wäre eine Neutronenbombe eingeschlagen", stöhnt die Führerin im Bauhaus.
Dessau 2009 ist eine Stadt in Dauerkrise, wie viele in Ostdeutschland, ein Fünftel der Einwohner ist weg, praktisch die gesamte Industrie abgewickelt: Waggonbau, Tonbänder, Gasgeräte – ganz abgesehen von den Junkers-Werken, wo die ersten zivilen Ganzmetallflugzeuge der Welt produziert wurden. "Das war das Silicon Valley der zwanziger Jahre", sagt Philipp Oswalt, 44, neuer Chef der Stiftung Bauhaus. Der Architekt ist Experte für schrumpfende Städte, eine Ausstellung 2004 hat ihn bekannt gemacht und für den Job empfohlen. Er hat weltweit recherchiert, was mit Städten passiert, denen Sinn und Menschen abhanden kommen, weil die Industrie abwandert. Er hat einen Werkzeugkasten für solche Fälle entwickelt: Extensivieren ("bestehende Aktivitäten ausbreiten"), Abreißen ("ein gestalterischer Akt"), Umschichten ("innerstädtische Brachen reaktivieren"), Einfrieren ("Sicherung der Bausubstanz bis zu ihrem zweiten Frühling"). Dazu kommen noch Binden und Stimulieren. Mit solchen Konzepten ist er der richtige Mann für Dessau. Die blühenden Landschaften kommen nicht mehr, aber auch mit der Dürre lässt sich umgehen: "Man kann nicht sagen, dass Schrumpfung per se negativ ist. In dieser Transformation und auch dauerhaft eine gute Lebensqualität für die Menschen zu erreichen, das ist die Herausforderung." Herausforderung, so nennt man heute Schwierigkeiten.

Dessau wurde im Krieg fast völlig zerstört, dann hat man sich auf dem Trümmerfeld wieder eingerichtet: Das ganze Arsenal der DDR-Architektur, vom Zuckerbäcker-Klassizismus der Stalinzeit bis hin zu den Plattenbauten aller Generationen, die kreuz und quer zum alten Straßenraster stehen, dazwischen die protzighässliche Nachwendearchitektur. 2258 Wohnungen wurden schon abgerissen. Aufbruch, Scheitern, schon wieder. Eigentlich müsste Oswalt jetzt seine Vision ausmalen: Kletterwände an Industrieruinen, Bungeejumping an begrünten Hochhäusern, kulturelle Entrepreneure als Plattenpioniere. Macht er aber extra nicht. Er hat sich noch gar nicht richtig eingerichtet in dem Büro gleich neben dem historischen der echten Bauhauschefs, die eine hochtourige Innovationsmaschine leiteten, keine Stiftung zur Erbeverwaltung und Urbanismusforschung. Er ist in der Orientierungsphase. Die Lage ist seltsam: Die Thüringer Museen haben in einer konzertierten Aktion das aktuelle Bauhausfestjahr eröffnet, das zum 90. Gründungsjubiläum stattfindet, nachdem zum Beispiel das 75. klanglos verstrichen ist, weil sich die Sammlungen von Weimar, Dessau und Berlin nicht grün waren. Sein Vorgänger Omar Akbar hat sich ganz auf die Ausstellung im Berliner Gropiusbau konzentriert, wohin das ganze Geld aus Dessau fließt, von den Leihgaben zu schweigen. Oswalt hat noch ganz schnell ein Buch über die Geschichte der Bauhauskontroversen angeschoben, damit die Feier nicht zu kuschelig wird: "Etwas Speed muss sein." Trotzdem: Es ist Bauhausjahr, aber es findet woanders statt, sehr unbefriedigend. Dabei kann man nirgends die reine Idee des Neuen Bauens so gut studieren wie hier. Die Bauhausbauten, über die ganze Stadt verteilt, sind fast sämtlich akribisch restauriert, außen weiß und innen so bunt, dass mancher Purist vom Glauben abfällt. Die Tageskarte für alle Bauten kostet zwölf Euro, Führung inklusive.

Das Laboratorium der Moderne

Etliche Städte hatten sich, als 1924 die Schließung des Staatlichen Bauhauses in Weimar anstand, um die berühmte und umstrittene Kunstschule beworben, die den akademischen Drill nach historischen Mustern durch Experiment und Gemeinschaft ersetzt hatte: Alles sollte hier von Grund auf neu gedacht, erfunden und gelebt werden. Aber nur Dessau eröffnete dem vertriebenen Propheten Walter Gropius und seinen Jüngern solche Chancen: Bürgermeister Fritz Hesse, ein progressiver Liberaler, reiste mit dem Industriellen Hugo Junkers im März 1925 in die thüringische Residenz und bot dem Bauhaus eine Million Reichsmark Kapital für den Neubau einer Schule – und die Aussicht, mit der Industrie zusammen endlich Massenprodukte zu entwickeln, keine handgefertigten Teppiche und Tonkrüge mehr. Hier erst wurde das Bauhaus zum Laboratorium der Moderne, wo wie in einem alchimistischen Akt "Kunst und Technik eine neue Einheit" bilden sollten. Vielleicht hat es nie einen fruchtbareren Moment der Architektur gegeben, als diese Zeit im Interimsquartier in der Dessauer Kunstgewerbeschule, wo das Bauhaus Zuflucht fand. Nur anderthalb Jahre brauchte Gropius, um die Architektur neu zu erfinden. Das gesamte Vokabular von der Villa über das soziale Wohnprojekt bis zum Zweckbau wurde in Musterbeispielen umgesetzt, die bis heute prägend sind.

Ein Trip nach Utopia

Zur Eröffnungsfeier am 4. Dezember 1926 ließ Industriepate Hugo Junkers die Promis aus Berlin mit seinen Aluminium-Maschinen einfliegen. Sicher hatten viele die Welt noch nie von oben gesehen. Man muss sich vorstellen, wie sie über den Wörlitzer Park auf das brummende, rauchende Dessau einkurvten, eine Schleife zum neuen Schulgebäude mit seinen schimmernden Glaswänden zogen, um dann gleich hinter den weiß durch die Kiefern leuchtenden Meisterhäusern auf der Rollbahn der Flugzeugwerft zu landen: ein Trip nach Utopia, wo Wohnungen für Arme am Fließband entstehen, Häuser mit der Familie wachsen können, die Reichen in kubistischen Skulpturen wohnen und Wände aus Glas bestehen. Das Ungeheuerlichste war das Schulgebäude selbst: Wohnturm für Studenten, eine Fachschule und der Werkstatttrakt gruppieren sich frei in der Fläche, eine Straße führt mitten hindurch. Es gibt keine Schauseite – außer vielleicht die Dachlandschaft, Gropius liebte Flugbilder seiner Bauten. Auch innen sind die neuen Konzeptionen (Farbsystem zur Orientierung, Studentenbuden mit Balkon ...) und eleganten Lösungen alter Probleme (Wohin mit dem Knauf bei offener Tür? Verschwindet in einer Mulde der Laibung!) so dicht gepackt, dass den Zeitgenossen schwindlig werden musste vor so viel geballter Innovation. Allein die Aula: Hier sahen sie das erste Stahlrohrgestühl der Welt. An der Decke war die Farbe mit Glimmerplättchen versetzt, um die Lichtwirkung der Soffittenlampen zu steigern. Die Fenster ließen sich wie in einer Fabrik mit Handrädern öffnen. Noch heute wirkt der Zauber des bahnbrechenden Geniestreichs unfehlbar. Die Meisterhäuser baute Gropius in Gehweite. Heute heißt die Straße dorthin Gropiusallee, vorher waren Ernst Thälmann und der Nazi-Märtyrer Schlageter die Namenspaten dieser Magistrale der Moderne, die von Wohnblocks der dreißiger und fünfziger Jahre gesäumt ist: mit Ziegeldächern und etwas Stuck fürs Gemüt. Gropius drapierte seine exklusiven Dienstwohnungen als Vision von einem zwangbefreiten bürgerlichen Leben in ein Kiefernwäldchen gleich beim Park Georgium, mit dem das Gartenreich des aufgeklärten Fürsten Franz von Anhalt-Dessau in die Stadt hinreicht. Die Doppelhäuser der Meister sind aus Modulen zusammengesetzt, die Teile aber auf so smarte Weise gespiegelt und variiert, dass jede Monotonie vermieden wird: das Gleiche immer neu. Auch hier hat fast jedes Zimmer Zugang zu einem der vielen Balkone oder einer Terrasse, kein Zaun trennte die Meister in ihrer Kommune.

In der Nazizeit hat man die Glasfronten der Ateliers herausgebrochen und durch biedere Fenster ersetzt, nur die Wohnungsnot der Volksgenossen verhinderte den Abriss. Heute kann man die zweieinhalb Doppelhäuser, die den Krieg überstanden haben, besichtigen wie Rokoko-Schlösser, nur dass man keine Filzpantoffeln tragen muss. Wassily Kandinskys goldene Fensterrahmen und das silberrosa Zimmer für seine sehr junge Frau Nina, Paul Klees Pastelltöne: Man verliert sich in diesem Wunderwerk der Rekonstruktionskunst wie in den Kulissen eines Films über die goldenen zwanziger Jahre. Daneben stehen abgerückt die Reste der Gropius-Villa, die besten Stoff für eine typisch deutsche Debatte um den richtigen Umgang mit der Geschichte bieten. Eine Fliegerbombe hatte das Haus bis auf Keller und Garage zerstört, eigentlich wollte der Nachkriegsbesitzer das Haus wieder aufbauen, das wurde verboten, weil das Bauhaus nun, in den stalinistischen fünfziger Jahren, als formalistisch verteufelt wurde. Heute steht auf den historischen Mauern ein Satteldacheigenheim und darf weder leben noch sterben. Die Gropius-Villa war das beste Marketing-Instrument des Bauhauses gewesen. Hier ließ der Direktor mit Hilfe seiner Frau Ise filmen, was er damit meinte, dass Bauen "Gestaltung von Lebensvorgängen" sei: Komplettausstattung im Bauhausstil, dazu gab es sogar eine Heißwasser-Soda-Dusche fürs Geschirr. Das Haus ließe sich nach Plänen und Fotos perfekt rekonstruieren, aber nun ist der Nachkriegsbau quasi selbst ein Denkmal: für den zwischenzeitlichen Umgang mit dem Bauhauserbe. Das Dilemma beschäftigt Fachleute, Politik und Öffentlichkeit seit Jahren; Lösung offen. Philipp Oswalt hat erst einmal die Schweizer Planer zurückgepfiffen, die zwar die Außenwände, nicht aber das Innenleben für ein Besucherzentrum wieder aufbauen wollten. Bezeichnenderweise nicht auf der Welterbeliste sind die Bauten, die Gropius für das Volk entwickelt hat – und die eigentlich am einflussreichsten waren. Kaum ein Besucher verirrt sich nach Dessau-Törten, wo der Wohnungsbau am Fließband erfunden wurde: Reihenhäuser mit Selbstversorgergärten zum Festpreis von 10 000 Reichsmark, erschwinglich für Arbeiter und kleine Angestellte. Die Steine und Betonbalken wurden vor Ort gegossen, jeder Handgriff so geplant und getaktet, dass auch ungelernte Maurer sie in Normzeit zusammensetzen konnten – und zwar in 0,67 Arbeitstagen pro Haus. Die Eigenheime waren begehrt, aber nicht beliebt. Wer es sich leisten konnte, mauerte bald Ziegel vor die dünnen Schlackenwände, um die Isolierung zu verbessern. Dabei wurden meistens gleich Holzrahmen eingesetzt, statt der Fensterbänder aus Eisenprofilen, die zwar mehr Licht hereinließen, aber niemals richtig schlossen. Außerdem hatte Gropius sie direkt unter der Decke angebracht, um einen Fenstersturz zu sparen. Nicht jede Designidee besteht den Stresstest von 80 Jahren im selbst genutzten Wohneigentum.
Die größten ästhetischen Verwüstungen aber hat die Nachwendezeit angerichtet, als die Häuser mit Kassettentüren und Plexiglasvordächern aus dem Baumarkt ausstaffiert wurden. Der Schönheitswettbewerb im Arbeiteridyll ist beendet: Heute gibt es eine Gestaltungssatzung, die jeden weiteren Umbau reglementiert. Ganz am Rand der Siedlung Törten steht vor einem großen Plattenbau das unscheinbare graue "Stahlhaus", ein Experiment des Bauhaus-Meisters Georg Muche und des Gropius-Assistenten Richard Paulick. Es sollte wandelbar sein, flexibel wie ein Container – und war von Anfang an ein Sorgenkind, undicht, rostend, heiß im Sommer, kalt im Winter.

"Shrinking City" statt Boomtown

Paulick war Sozialist, im chinesischen Exil leitete er das Stadtplanungsamt von Shanghai, später organisierte er den Bau der Berliner Stalinallee und den der Trabantenstadt Halle-Neustadt. Bauhäusler prägten die Bauakademie der DDR, die den industriellen Massenwohnungsbau zur tristen Vollendung trieb. Die Lösung wurde im Lauf der Jahrzehnte zum Problem, weil der Mangel dauerhaft die Gestaltung diktierte. 1990 wollte die DDR das "Wohnungsproblem als soziale Frage gelöst" haben, den Arbeitsstab für die kreative Zeit nach der Platte installierte man am Dessauer Bauhaus, das man in den siebziger Jahren wieder hergerichtet hatte. Sogar internationale Architekten wurden eingeladen. Es kam bekanntlich anders. Was ist schiefgelaufen nach der Wende? "Man hätte der Suburbanisierung nicht Vorschub leisten dürfen", sagt Oswalt. "Und man hat den Kommunen nicht gestattet, ihre Entwicklung selbst zu gestalten. Man hat mit Geldtransfers eine Stille-Transformation erkauft." Im nächsten Jahr findet in Sachsen-Anhalt eine Internationale Bauausstellung statt. Thema für Dessau: Stadtinseln – urbane Kerne und landschaftliche Zonen. Viel Arbeit für Oswalts Werkzeugkasten. Was er tun würde mit dem Äquivalent der Gropius-Million, jetzt wo Dessau keine Boomtown, sondern "Shrinking City" ist? Oswald lacht kurz, so utopisch ist das. Er würde endlich ein pädagogisches Gesamtkonzept entwickeln, die Bauhausbauten mit der Stadt verknüpfen. Die reine Lehre des Neuen Bauens und was der Alltag daraus gemacht hat. Die Inititative, Dessau umzubenennen in "Bauhausstadt Dessau" findet Oswalt "eigentlich eine gute Idee". Marketing ist heute die Lösung.