Sergej Volokhov - Soz-Art II

Das Volk wird zu einer formlosen Masse

Es war ein perfekter Coup, und Marina Sandmann ist noch immer stolz darauf: Der Berliner Galeristin gelang es, zwei fast unbekannte Schlüsselwerke der sowjetischen Dissidentenkunst in ihren Räumen auf der Linienstraße zu vereinen. Es handelt sich um den 18 Meter langen Leinwandfries "Geschichte der UdSSR" (1975) von Vitali Komar und Alexander Melamid (*1943/ *1945) und das Polyptychon "Russland" (1976-1980) von Sergej Volokhov (*1937).
"Das Volk wird zu einer formlosen grauen Masse":Interview mit Sergej Volokhov

Sergej Volokhov: "Russland", 1976 - 1980, Tempera, Öl/Leinen, Holz, Metallrahmen, 192 x 260 cm

Vier Jahre lang malte Sergej Volokhov (*1937) im Geheimen an seinem mehrteiligen Gemälde "Russland", von 1976 bis 1980. Auf dem Mittelteil des Polyptychons ist eine hochschwangere Frau zu sehen, deren Körper auf einer stilisierten Landkarte der Sowjetunion liegt. Die Karte wiederum setzt sich aus diversen Textfetzen in russischer Sprache zusammen und wird außerdem von Linien durchzogen, die sowohl an Flüsse wie auch an Blutgefäße oder Elektrokabel erinnern. Umgeben wird dieses monströse "Mütterchen Russland" von 24 Tafeln, auf denen piktogramm- und slapstickartig provokative Kommentare zur politischen Lage Ende der Siebziger Jahre in der SU abgegeben werden. Dass sein Bild enormen Sprengstoff enthielt und sogar seine Existenz als Künstler gefährden könnte, war Sergej Volokhov klar.

Susanne Altmann: Herr Volokhov, wie war dieses Bild aufbewahrt? Ich habe gehört, dass es viele Jahre vor der Öffentlichkeit verborgen wurde.

Sergej Volokhov: Ich wohnte damals im Zentrum von Moskau. Früher gehörte diese Wohnung meiner Familie, aber dann hat man sie zu einer Kommunalwohung umfunktioniert. Zuerst hatte ich nur ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer, dann zog eine Familie aus und dann bekam ich ein weiteres Zimmer von 18 Quadratmetern. Ich studierte damals, nahm Kurse beim Fernsehen und habe einen Antrag auf vergrößerten Wohnraum gestellt. Das Gemälde hat fast die ganze Wand in Anspruch genommen. Ich habe es in Einzelteilen geschaffen und sie dann zusammengesetzt.

Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Sergej Volokhov: Ich habe 1976 damit angefangen und bis 1980 daran gearbeitet. Es gab zwar vorher schon Einzelteile, aber das Konzept entstand 1976. Diese Arbeit ist dem 100-jährigen Jubiläum der Sowjetmacht gewidmet.

Ich habe mich schon gewundert, was die Jahreszahl 2017 da oben zu bedeuten hat. Es handelt sich also um eine Zukunftsvision.

Sergej Volokhov: Als ich diese Arbeit schuf, hätte ich nicht einmal davon träumen können, dass sie jemals öffentlich gezeigt worden wäre. Es grenzt an ein Wunder, das sie heute in dieser Ausstellung zu sehen ist.

Marina Sandmann: Das ist kein Wunder, ich habe sie ausgewählt, weil ich sie 1988 gesehen habe und so davon überwältigt war.

Sergej Volokhov: In Zentrum sehen wir eine Frauengestalt und Text in Form der Karte Russlands, einschließlich von Sachalin und den Kurilen. Der Text besteht zum großen Teil aus der Verfassungserklärung von Leonid Breschnew. Diese Konstitution war in der Theorie relativ progressiv, in der Praxis natürlich immer noch restriktiv. Auf der linken Seite sieht man Auszüge aus Dostojewskis Buch "Die Brüder Karamasow" und zwar die berühmte Passage vom "Großinquisitor". Ich brachte Altes und Neues zusammen und trotzdem ist alles Russland.

Marina Sandmann: Für mich ist diese Arbeit wirklich eine Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – im Unterschied zur der "Geschichte der UdSSR" von Komar und Melamid, die sich eigentlich nur mit der Vergangenheit und der damaligen Gegenwart auseinandersetzt. Vielleicht auch deswegen, weil sie zu diesem Zeitpunkt schon ins Ausland gehen wollten. Und Sergej war ja im Lande geblieben. Darum beschäftigte ihn auch, wie sich das Land weiter entwickeln könnte.

Sergej Volokhov: Die Texte sind in Blau, Rot, Grau und Schwarz geschrieben. Als ich sie aussuchte, habe ich Rot gewählt, um Bestimmtes besonders hervorzuheben. Aber das letztendliche Symbol für Russland ist diese schwangere Gestalt. Das hatte etwas mit Hoffnung zu tun. Doch leider verändert sich sehr wenig, es wird immer etwas Neues geboren, aber es gibt keine entscheidenden Veränderungen. Auch die Glühbirnen, das Licht und die blaue Farbe stehen für die Hoffnung, dass sich etwas verbessert.

Es gab ja in den Zwanziger Jahren diese Parole, dass Sojwetmacht plus Elektrifizierung zum Kommunismus führt. Aber diese Verkabelungen in Rot und Blau erinnern auch an sehr Blutgefäße.

Sergej Volokhov: Es geht auch um die Existenz, um Leben und Tod, das Gute und das Böse...

Also um jene Dualismen, die Vitali Komar bereits als typisch für das russische Geschichtsbild angesprochen hat.

Sergej Volokhov: Die umgebenden Tafeln haben ebenfalls einen wichtigen Bezug zur russischen Tradition. In der Ikonenmalerei ist das Hauptmotiv ja auch von kleineren, kommentierenden Bildern umgeben. Ich ordnete sie hier verschiedenen gesellschaftlichen Kategorien oder Themen zu – das konnte Kultur sein,Werte, Fortschritt, Ruhm, Schönheit oder etwas Negatives.

Für mich ist interessant, dass die historischen Bildfolgen in der Ikonemalerei, die man "Letopis" nennt und die Dokumente der Geschichtsschreibung sein können, auch etwas von Comics haben. Diese narrative Qualität griffen Sie mit der bildlichen Rahmenhandlung und den sehr vereinfachten Aussagen auf, wo sich Bild mit Textfetzen mischen.

Sergej Volokhov: Ja, ja, natürlich. Diese Referenzen sind in meinem Werk enthalten.

Die Textkommentare sind in einem für die Zeitgenossen vetrauten typografischen Propagandastil gehalten sind. Sie enthalten für damalige Zeiten sehr brisante politische Botschaften. Sie kombinieren oben beispielsweise das Wort "Regierung" (Gosudarstwo) mit "Angst" (Strach). Das ist eine sehr kühne Aussage.

Sergej Volokhov: Es gibt dort auch noch die Worte "Volk" und "Gesetz". Zusammen zeigt das, wie das System, der Staatsapparat funktionierte. Das Volk wird zu einer formlosen grauen Masse degradiert; zu einer abstrakten, organischen Form.

Auf der rechten Bildleiste haben Sie Statussymbole gemalt, die etwas mit Konsum zu tun haben, und interessanterweise hat sich im Westen fast zeitgleich die Pop Art entwickelt, die sich ja auch mit der Verbildlichung von Konsum beschäftigt hat – mal mehr, mal weniger kritisch. Wie war die Lage in den 1970er Jahren in der Sowjetunion, wurden solche Entwicklung auch bewusst wahrgenommen?

Sergej Volokhov: Ich habe hier Symbole wie Schmuck oder Wodka verwendet. Es geht um Reichtum und Erfolg, den eine gewisse Schicht, die Nomenklatura durchaus erlangen konnte, der den meisten anderen aber vorenthalten war. Besonders uns Künstlern, die bettelarm waren. Wissenschaftler etwa, die es zu etwas gebracht hatten, waren sehr viel besser gestellt als wir. Ich habe damals auch sehr bescheiden gelebt. Ich hatte eine kleine Anstellung in einem medizinischen Stützpunkt, die es in jedem Moskauer Stadtteil gab. Dort habe ich irgendwelche Wandzeitungen oder Drucksachen gemacht, nicht als freischaffender, sondern als angewandter Künstler. Erst Mitte der achziger Jahre fingen dann langsam Ausländer an, die Werke der subversiven Künstler zu kaufen. Da ging es dann besser. Hier unten habe ich dann die Begriffe "Freiheit" und "Gleichheit", die ja wichtige Revolutionsparolen waren, typografisch verfremdet und in Frage gestellt. Der Wodka ist ja das Zeichen dafür, was der Staat machte, um die Unterschichten ruhig zu stellen. Nicht "Brot und Spiele", sondern "Brot und Wodka".

Vitaly Komar hat in unserem Gespräch sehr ausführlich darüber gesprochen dass der Suprematismus mit seinen Protagonisten Malewitsch, El Lissitzky oder Rodtschenko die Bildsprache damals enorm beeinflusst hat – bei seinem Werk betrifft das eher die Farben, bei Ihnen sieht man aber deutlich, dass es auch die konstruktivistischen Formen und die leicht verständliche, plakative Propagandasprache betrifft. Das hätte damals jeder verstehen können...

Marina Sandmann: ...wenn er das Bild hätte sehen können.

Sergej Volokhov: Diese Arbeit war aber absolut perspektivlos, weil sie zur Zeit der Sowjetmacht entstanden ist. Im Vergleich mit Vitalys abstrakten Werk ist meines mehr mit Inhalten und offenen Symbolen belegt. Das ist alles viel konkreter. Hier gibt es einen Nachttopf für Kinder, mit Flügeln, unter dem Titel "Kultur". Der Nachttopf taucht dann noch einmal auf, in Verbindung mit einem Ruhmeskranz – als Symbol für die Eitelkeit. Das Wort "Progress" wird von einem Jagdflieger, als Zeichen für den militärischen Fortschritt kommentiert.

Manche von den kleinen flankierenden Tafeln könnte man fast herauslösen und im Kontext der politischen Agitationen der zwanziger Jahre lesen. Wieviele Menschen haben Ihr Werk eigentlich damals sehen können?

Sergej Volokhov: Es gab schon Leute, die zu mir nach Hause kamen. Das Bild hing normalerweise hinter einem Vorhang. Es gab sogar befreundete Parteimitglieder, die es gesehen haben. Sie fanden es sehr beeindruckend, meinten jedoch, dass es so nicht ginge und dass es viel zu stark für die Öffentlichkeit wäre. Es wurde aber auch danach nur einmal ausgestellt und zwar im Jahr 2000 auf der Art Moskwa.

"Komar & Melamid und Sergej Volokhov (Arbeiten 1975-1985)"

Termin: bis 6. Juni, Galerie Marina Sandmann, Berlin
http://www.artsandmann.de

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