60 Jahre - 60 Werke - Berlin

Der größte Flop des Jahres

Die Ausstellung "Sechzig Jahre. Sechzig Werke", die im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt wird, erhitzt die Gemüter- art-Korrespondent Kito Nedo findet die Schau schlicht peinlich:
Peinlich:Kritik der Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke"

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"Wenn Sie etwas über das Land erfahren wollen, in dem Sie leben" sagt Walter Smerling, der Kurator von "Sechzig Jahre. Sechuig Werke", dann "sollten Sie sich diese Ausstellung ansehen". Die Schau läuft zum Gründungsjahr der Bundesrepublik im Berliner Martin-Gropius-Bau und erwartet demnächst ihren 40 000. Besucher. Die Idee ist simpel: Jedem Jahr der Bundesrepublik wird ein Kunstwerk zugeordnet. Die Reise durch die Geschichte beginnt mit Werner Heldts "Stillleben mit Häuserblick oder Berlin am Meer" (1949) und endet mit einer Licht-Installation von Tobias Rehberger, "Anderer" (2002/2009). So entsteht ein Zeitstrahl der BRD-Geschichte, bunter als in jedem Schulbuch. Zudem führt täglich Bazon Brock Besuchergruppen durch die Ausstellung. Der 73-jährige Ästhetikprofessor ist selbst ein lebendes Fossil der Kunstvermittlung, seine Documenta-Besucherschulen schrieben Kunstgeschichte.

Eine merkwürdige Liason

Walter Smerling und sein Team von 14 Subkuratoren, darunter so angesehene Persönlichkeiten wie Robert Fleck, Chef der Bonner Bundeskunsthalle, oder Ingrid Mössinger, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, haben sich viel Mühe gegeben, einen repräsentativen Querschnitt durch 60 Jahre Westkunst zusammenzustellen. Wie in einem DuMont-Schnellkurs reihen sich die Bilder der Großen aneinander: Sogar ein eigentlich nicht entleihbarer
Filz-Flügel von Joseph Beuys kam aus dem Pariser Centre Pompidou nach Berlin. Dass diese Ausstellung dennoch schon jetzt als der größte Flop des Jahres gelten darf und eigentlich allen Beteiligten sehr peinlich sein muss, liegt vor allem am Verhältnis von männlichen zu weiblichen Künstlern von 52 zu sieben, dem rigiden Ausschluss der DDR-Kunst und der merkwürdigen Liason mit der "Bild"-Zeitung, die dem Projekt in Form einer Serie für die Dauer der Ausstellung täglich eine halbe oder dreiviertel Seite widmet und so den Eindruck erweckt dass es sich bei der Gropiusbau-Ausstellung um eine Begleitschau zur Serie im Boulevardblatt handelt – und nicht umgekehrt.

So kündigte die Zeitung die Schau im Gropiusbau am 30. März wie ein Surplus zum Abdruck der Bilder auf den eigenen Seiten an: "Um Ihnen, liebe Leser, die Werke auch im Original zeigen zu können, werden wir sie in einer Ausstellung präsentieren." Das geht weit über das übliche Maß einer "Medienpartnerschaft" hinaus, wie Smerling das Verhältnis zum Blatt bezeichnet. Mit Springer im Boot war es auch nicht schwer, vom Energiekonzern RWE reichlich finanzielle Unterstützung in unbekannter Höhe zu erhalten und die Kanzlerin Angela Merkel für die Eröffnungsrede zu gewinnen. Schließlich ist das Jubiläumsjahr auch Wahljahr. So macht Smerlings Bildungsangebot Sinn. Denn so altmodisch und regressiv der Künstlerkanon von "60 Jahre" auch ist, im Sinne der Verzahnung von Wirtschaft, Politik und Kultur ist den Organisatoren der Ausstellung ein durchaus richtungsweisendes Stück gelungen. Das zeigt, wie man die Kunst zum Werbeträger für Politik und Wirtschaft degradiert und so nachhaltig beschädigt.

"Sechzig Jahre. Sechzig Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland von `49 bis`09"

Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 14. Juni
http://www.gropiusbau.de

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