Marcel van Eeden - Interview

Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden

Kritiker nannten Marcel van Eeden schon Zeichnungs-Apparatschik, verführerischen Konzeptkünstler, Bildarchäologen und experimentellen Schriftsteller. Seit 1993 zeichnet der niederländische Künstler Vorlagen aus Zeitschriften und Büchern, die alle aus den Jahren vor seiner Geburt, also vor 1965, entstanden sind, und verbindet so reale Biografien mit fiktiven Geschichten. Von Sonntag an bis zum 27. September ist sein neuer Bilderzyklus in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. art sprach mit Marcel van Eeden über Ruhm, Langeweile und Ironie.
"Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden":Interview mit Marcel van Eeden

"Vergangenheit ist für mich wie eine große Box mit Bausteinen": Marcel van Eeden bei den Aufbauarbeiten zu seiner Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg

Herr van Eeden, lesen Sie gerne Krimis?

Marcel van Eeden: Nein, überhaupt nicht. Weder Bücher noch Filme. Mich interessiert nur, ob ich sie verwenden kann. Auch Comics finde ich interessant. Aber ich lese auch keine Comics. Trotzdem fände ich es toll, wenn man meinen neuen Bilderzyklus als Comic am Bahnhofskiosk kaufen könnte.

Ich frage wegen der Film-Noir-Ästhetik Ihrer Arbeiten. Außerdem gibt es in Ihrer neuen Serie "The Zurich Trial. Part 1: Witness for the Prosecution" einen Mord und einen Gerichtsprozess.

Ja, aber Krimis interessieren mich trotzdem nicht. Meine Zeichnungen sind für mich wie ein Tagebuch, ohne, dass ich darin selbst vorkomme. Und ich will nie mit der Geschichte aufhören. Es gibt keinen Schlusspunkt.

Warum eigentlich der Drang zu Serien und Zyklen?

Ich bin ein Sammler – ich sammle meine eigene Zeichnungen. Und ich will immer mehr haben. Der große Vorteil dabei ist: Ich kann sie selbst machen. Zunächst gab es eine Serie mit einer Idee. Das war die Geburt. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich noch viele weitere Schichten hinzufügen kann. Das ging ganz automatisch, völlig intuitiv und ohne Script. Eigentlich wollte ich immer Schriftsteller werden. Nur hatte ich dafür kein wirkliches Talent. Und eigentlich ist das auch sehr langweilig. Man muss dann ständig seine Texte wiederlesen.

Aber früher haben Sie sich einer Narration doch verweigert und es gab nur Einzelzeichnungen.

Es hat sich zu einer zusammenhängenden Geschichte entwickelt. So etwas muss man ausprobieren. Ich wusste ja nicht, ob es funktioniert. Als ich noch auf der Akademie war, vor rund 20 Jahren, galt eine literarische Arbeit immer als Schimpfwort. Aber das lag auch an den Lehrern, die alle aus den fünfziger Jahren waren, und damals war Kunst fundamental, selbstständig und abstrakt. Da durfte es keine Erzählung geben. Das hat sich heute geändert. Und das liegt auch an neuen Formen wie der Videokunst, die wegen ihrer Nähe zum Film schon immer narrative Elemente hatte.

Wie gehen Sie eigentlich bei Ihrer Arbeit vor? Sie müssen Flohmärkte lieben, oder?

Ja, früher habe ich dort oft nach Material gesucht. Aber jetzt habe ich so viele Zeitschriften und Bücher gekauft – ich habe noch für viele Jahre genug. Inzwischen habe ich über 40 000 Bilder auf meinem Rechner digitalisiert. Und wenn ich nach ein paar Jahren die gleichen Zeitschriften und Bücher noch einmal durchblättere, entdecke ich wieder Neues. Am liebsten sammle ich Bilder mit unbekannten Menschen, die schon lange vergessen sind. In alten Kunstzeitschriften sieht man zum Beispiel so viele Künstler, die heute keiner mehr kennt.

Langweilt Sie die ständige Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht?

Nein, überhaupt nicht! Das ist unglaublich spannend. Man hat immer das Gefühl, dass man völlig alleine ist. Das ist das Schöne. Die Vergangenheit ist weg. Und wenn man eine alte Zeitschrift liest, dann liest die in diesem Moment wahrscheinlich niemand. Man ist also ganz alleine dort. Wenn ich die aktuelle art kaufe, weiß ich, dass sich 60 000 Leser mit dem Gleichen beschäftigen. Das war immer meine Taktik. Eine Stelle zu finden, bei der niemand ist, und dort wähle ich dann die beste Position aus. Man entdeckt so Dinge, die andere nicht entdecken.

Ist die Vergangenheit leichter formbar als die Zukunft?

Man weiß ja nichts über die Zukunft.

Aber Ihre gemalte Vergangenheit ist auch nicht echt. Sie könnten auch eine irreale Zukunft gestalten.

Da gibt es dann zu viel Freiheit. Die Vergangenheit ist für mich wie eine große Box mit Bausteinen, die ich raushole und zu einem neuen Bild zusammenbauen kann.

Und haben Sie keine Angst, durch Ihr wiederkäuendes Konzept die Rezipienten zu langweilen?

Es entwickelt sich doch immer etwas Neues. Das Konzept hat mich auch einen Moment gelangweilt. Auch deshalb habe ich mit den Serien angefangen. Wenn es nur Einzelzeichnungen gäbe, wäre es zu eingefahren.

Ich habe einmal Pierre Soulages, den großen abstrakten Maler, der seit rund 60 Jahren nur schwarze Bilder malt, getroffen. Er wurde bei der Documenta 1, 2 und 3 bejubelt – heute ist er fast in Vergessenheit geraten. Haben Sie auch Angst, einmal einer der Künstler aus alten Kunstzeitschriften zu werden, die keiner mehr kennt?

Da müsste ich über meine Karriere nachdenken – und das will ich nicht. Ich will einfach das machen, was ich mache. Und ich habe noch so viele Ideen, und für mich ist das immer spannend. Wenn die Leute es irgendwann nicht mehr fressen wollen, dann mache ich es trotzdem. Der Vorteil von meinen Zeichnungen ist ja auch, dass ich sie mit wenig Geld realisieren kann. Ich habe keine hohen Materialkosten, und ich brauche auch kein großes Atelier. Mir reicht ein Küchentisch. Das ist meine Freiheit. Und ich könnte auch in einer Spülküche arbeiten und nachts zeichnen. Was mich interessiert, ist die freie Expression. Eigentlich genau das, was auch Pierre Soulages oder Yves Klein gemacht haben. Aber an was man früher noch glaubte, kann man heute nicht mehr machen. Oder man macht es, kommt dafür aber nicht ins Museum. Denn das sieht dann gleich total altmodisch aus. Heute gibt es so viel Unehrlichkeit in der freien Expression. Die Bilder sind bearbeitet, oder der Künstler denkt nur an seine Karriere. Die freie Expression gibt es heute überhaupt nicht mehr. Der Künstler ist eben keine Tabula rasa wie ein Kind. Aber man kann eine neue Schicht hinzufügen. Zum Beispiel Ironie, so wie Anton Henning. Und dann kann er trotzdem wieder seine modernistischen Bilder malen. Und genau das mache ich auch. Wenn ich Ironie in meine Bilder einbaue, dann kann ich insgeheim die tollen Bilder malen, die eigentlich nicht erlaubt sind.

"Marcel van Eeden. The Zurich Trial. Part 1: Witness for the Prosecution"

Termin: 14. Juni bis 27. September, Sockelgeschoß der Galerie der Gegenwart, Kunsthalle Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de/archiv/seiten/eeden.html