Thomas Kilpper - Berlin

In der Kantine der Angst

Auf einer Fläche von 800 Quadratmeter verwandelte Thomas Kilpper den Linoleumboden der Berliner Stasi-Kantine in einen riesigen Druckstock mit Motiven aus der Geschichte der Überwachung und des Widerstands.

Es gibt Dinge, die sich kein Drehbuchschreiber besser ausdenken könnte. Der unglaubliche Fall des Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras etwa, der 1967 am Rande einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschoss und gleichzeitig auf der Gehaltsliste der Ostberliner Staatssicherheit stand. Als im Mai dieses Jahres die Geschichte um den schießwütigen Beamten mit SED-Parteibuch durch die Medien ging, da war Thomas Kilpper mit seinem Projekt "State of Control" in der Kantine der ehemaligen Stasi-Zentrale an der Lichtenberger Normannenstraße schon fast fertig.

Auf einer Fläche von 800 Quadratmeter verwandelten der 1956 in Stuttgart geborene Künstler und eine Handvoll Assistenten den Linoleumboden der Stasi-Kantine in einen riesigen Druckstock mit Motiven aus der Geschichte der Überwachung und des Widerstands, um anschließend eine ebenso große Stofffläche zu bedrucken, die nun wie ein übergroßes Hausbesetzertransparent an der Fassade der ehemaligen Spitzelzentrale weht. "Kurras haben wir nicht vorausgesehen", erklärt der Kurator Marius Babias vom Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.), während er über die Entwicklung von Kilppers Arbeit spricht: Doch es ist klar, dass die Aufregung um die neuen Enthüllungen dem raumgreifenden Linolschnitt an der historischen Stätte zusätzliche Brisanz und Aufmerksamkeit beschert.

Dabei will sich das, was Kilpper zwischen Februar und Mai in der ehemaligen Kantine des ehemaligen Stasi-Gebäudes, das nach erfolglosen Umnutzungen seit anderthalb Jahrzehnten leer steht, mit Messern, Trennschleifer und Kettensäge tage- und nächtelang in den Boden gefräst hat, gar nicht so einfach in die gängigen Erzählungen von Überwachung, Unterdrückung und Widerstand einfügen. Zu disparat erscheint auf den ersten Blick das Dargestellte, zusammengehalten nur von einem unterliegenden Waben-Raster, das einem bestimmten Beton-Formstein ähnelt, der sich auch in der Lichtenberger Umgebung findet. Darüber entsteht eine netzartige Struktur, die rund 90 Einzelmotive lose miteinander verbindet – das große Geschichtspanorama, wie Kilpper es zeigt, ähnelt eher eingestürzten Neubauten.

Verschwimmt der Blick auf die Geschichte?

Für Betrachter auf der Suche nach historischer Stringenz, Eindeutigkeit und Letztbegründungen dürfte das eklektizistische Personen- und Zeichenensemble, das "State of Control" aufruft, schwer erträglich sein. So ist etwa der Schauspieler Ulrich Mühe in seiner berühmten Rolle als Stasi-Scherge in "Das Leben der Anderen" zu sehen, ebenso wie der für seine Überwachungsbestrebungen bekannte Innenminister Wolfgang Schäuble oder der ehemalige BKA-Präsident Horst Herold, der als Vater der Rasterfahndung in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen ist. Anderswo erkennt man die ermordete deutsche Sozialistin Rosa Luxemburg, der südafrikanische Bürgerrechtler Nelson Mandela ist beim Besuch seines ehemaligen Haftortes Robben Island abgebildet ebenso wie der französische Philosoph Michel Foucault während einer Vorlesung an der Berliner TU Ende der siebziger Jahre. Wie passt diese Galerie von Spitzeln, Unterdrückern, Gefangenen, Gefolterten, Widerständigen, Überlebenden und Revolutionären, Helden und Schurken zusammen? Streng genommen: gar nicht.

Doch an diesem Ort eine stringente Geschichte der Stasi-Repression zu erzählen, lehnt Kilpper schon aus persönlichen Gründen ab: Mit seiner "West-Biographie" hätte er es als "unredlich" empfunden, sich ausschließlich mit der Geschichte der Überwachung in der DDR zu beschäftigen. Wird deshalb der Blick auf die Geschichte von Repression und Widerstand an diesem speziell kontaminierten Platz zu verschwommen, das menschliche Leid sogar in einem Geschichtsbrei nivelliert, wie Kritiker der Arbeit jetzt meinen? Die Frage ist durchaus berechtigt, man könnte jedoch auch begrüßen, dass sich hier jemand um den Preis des Scheiterns darum bemüht, Bilder jenseits des unangreifbaren Raunens historischer Andeutungen zu suchen.

Gerade deshalb ist die Öffnung des schmucklosen Plattenbaus am Rand des riesigen ehemaligen Stasi-Komplexes, der in den vergangenen zwölf Jahren regelrecht dahindämmerte, ein Glücksfall – obwohl hier Mielke und seine Getreuen einst mittags ihre Schnitzel aßen oder sich im Festsaal gegenseitig Orden an die Tschekistenbrust hefteten . Nirgendwo sonst könnte eindrücklicher demonstriert werden, wie wichtig es ist, sich der Opfer der Unterdrückung zu erinnern, wie auch das Handeln der Täter aufzudecken. Daß dies nicht immer nur in der abgewogenen Sprache der Geschichtswissenschaft, der Objektbezogenheit eines historischen Museums oder nach den taktischen Prämissen der Tagespolitik erfolgen muss, sondern auch mit den offenen Mitteln der Kunst gewagt werden kann, dafür ist Kilppers Arbeit nicht nur wegen ihrer Ausmaße ein beeindruckender Beleg. Die nun beginnende Diskussion über Kilppers Methode darf durchaus als Teil des Werkes begriffen werden.

"Thomas Kilpper. State of Control"

Termin: bis 26. Juli, MfS, Normannenstraße 19 (Lichtenberg), Do–So, 11–19 Uhr; Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), Chausseestraße 128 (Mitte), Di–So 12–18 Uhr, Do bis 20 Uhr; Galerie Olaf Stüber (bis 18. Juli), Max-Beer-Straße 25 (Mitte), Di–Sa, 13–18 Uhr. Katalog: Walther König, Köln, 19,80 Euro; Do, 25.06., 19 Uhr: Ausstellungsgespräch mit Thomas Kilpper und dem Kurator Marius Babias im Neuen Berliner Kunstverein.
http://www.nbk.org/

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