Die Moderne als Ruine - Wien

Gescheiterte Architekturen?

Die Ruine als Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Erschaffung und Zerstörung, Utopie und Dystopie ist Thema der laufenden Ausstellung der Generali Foundation Wien. Die Institution verweist damit auf die konservatorisch-wissenschaftliche sowie zeitkritische Wichtigkeit ihrer Tätigkeit und bietet eine Kombination aus hohem kunsthistorischen Anspruch und anschaulicher Gegenwartsbetrachtung.

Als Zufall bezeichnet Sabine Folie, Direktorin der Gerenali Foundation und zugleich Kuratorin von "Die Moderne als Ruine", den Zusammenhang der von langer Hand geplanten Schau, die unter anderem die Auswirkungen des gescheiterten Kapitalismus auf die Stadt- und Gesellschaftsstruktur der siebziger Jahre beleuchtet, mit der die Gegenwart in Atem haltenden Finanzkrise. Diese Koinzidenz hat jedenfalls eine brandaktuelle Ausstellung geschaffen.

Ihr Fundament besetzen Robert Smithson und Gordon Matta-Clark, die im Sinne des Wortes unmittelbar und roh in die Materie greifen, an die Substanz heranführen. Beide bearbeiten vor allem das ökologische Bewusstsein im Kontext der explosionsartigen Architekturentwicklung der Großstädte Amerikas, die sich in nach dem Aufschwung der sechziger Jahre in Siedlungsghettos und verfallene Orte der Antiutopie verwandelten. Der von Smithson geprägte Begriff "Entropie", der Wandel, die Entformung – wird zu einem zentralen Schlagwort und grundlegendem Motto der gezeigten Werke, die sowohl Bau- als auch Verfallsprozess thematisieren.

Gordon Matta-Clark versucht sich in Maßnahmen, den ihm vorliegenden Zustand zu erfassen; baut wie im Video "Fire Child", 1971, Wände aus Großstadtmüll, versucht sich als Bezähmer und Bewohner der nunmehr bestehenden Überreste der Zivilisation. Er seziert die Bausubstanz, zerlegt den Status des Verfalls in seine Bestandteile, dokumentiert und exploriert – mit bloßen Händen als postmoderner Abenteurer in den von Menschenhand erschaffenen Environments, die aus den Fugen geraten sind. Cyprien Gaillards Radierungen "Belief in the Age of Disbelief", 2005, liefern demgegenüber ein fast versöhnliches Moment: Plattenbauten und Hochhäuser stehen zwischen Urwaldbäumen an pittoresken Seen – eine Komposition aus Natur und Architektur, deren Nebeneinanderbestehen Unbehagen auslöst. Dies sind Unorte, die romantisierend dargebracht werden. Dasselbe unangenehme Gefühl vermittelt Gaillards Videoarbeit "Desniansky Raion" von 2007. Architektur wird Indikator und Kulisse für Vandalismus, für Monstrosität – einerseits in gewaltsamen Exzessen einer Hooligan-Schlägerei im Plattenbaumilieu, andererseits im atemberaubenden Dokument der Sprengung eines Wohnhauses.

Ruine als Brennpunkt der Eventualitäten: Ende und Neubeginn

Hier liegt auch eine Reinigung vor – weg mit den Auswüchsen vergangener Wohnbauplanung – doch was folgt: Der Platz wird frei für die erneute Umsetzung einer Architektenfantasie, die sich als längerfristig unmöglich bewohnbar entwickeln könnte. Den Formen von Nichtfunktionalität und praxisfernen Architekturen widmen sich auch Stephen Willats, der Wohnbauten als Indikatoren für soziale Isolation, Stereotypien und Veränderungen des Lebensstils herausarbeitet, oder Rob Voerman, der als Alternative unwirkliche Räume, "Tarnungen", erschafft. Seine Hybridbauten zwischen Höhle, Maschine und Sakralraum wirken, als wären sie für die Vision einer Welt nach der Apokalypse vorgesehen. Auch Yona Friedman liefert mit seinen Ende der fünfziger Jahre entstandenen Architekturmodellen, den "Ville Spartiale", die an futuristische Pfahlbauten erinnern, einen fast prophetischen Vorgriff auf eine utopische Architekturentwicklung.

Der Blick in Robert Smithsons "Four Sided Vortex", 1965, führt in die Tiefe des Mittelpunktes jenes verspiegelten Raums, der uns – nichts – offenbart. Dem gegenüber stehen die schillernden Fenster von Hochhäusern in den Arbeiten Isa Genzkens, die undurchsichtig sind und hermetisch den Blick nach Innen verteidigen – um zu (ver)blenden? Oder fungieren sie als Rahmen, der letztlich als leere Hülle bestehen bleibt, ähnlich Genzkens Rauminstallation "Bismarckstraße" 1994?

Verwüstung ist Brennpunkt der Eventualitäten

Eine sehr sensible Arbeit, die mit dem Vanitas-Aspekt von Architektur spielt, ist Florian Pumhösls 16-Millimeter-Film "Programm" von 2006. In zaghaft aufscheinenden und wieder verblassenden Bestandsaufnahmen der "Casa Modernista", dem ersten avantgardistischen Gebäude Brasiliens, wird das Gestern und Heute, das Überdauerungspotenzial von Architektur, die Kraft der Natur und der in diesem Zusammenhang interessante Begriff der "Nachhaltigkeit" beleuchtet. Der Film von Jereon de Rijke und Willem de Rooij liefert einen anderen Beleuchtungsaspekt: In "Bantar Gebang" (2000), enthüllt der Sonnenaufgang eine auf einer Müllhalde errichtete Siedlung, ein verfallenes Slum, das in der Dämmerung noch mit vielversprechender Schönheit dalag.

Die Ruine als die Verlassenschaft oder Zeichen der Verwahrlosung und Verwüstung ist Brennpunkt der Eventualitäten, die in beide zeitlichen Richtungen funktioniert. Sie markiert Ende und möglichen Neubeginn zugleich.

"Die Moderne als Ruine. Eine Archäologie der Gegenwart"

Termin: bis 20. September, Generali Foundation Wiedner Hauptstraße 15, Foundationsquartier, Wien
http://foundation.generali.at/index.php?id=2