Iran Inside Out - New York

Vor meiner Tür parkt kein Kamel

Mit einer neuen Ausstellungsserie zum Austausch der Kulturen macht das Chelsea Art Museum, eine Non-Profit-Institution in New Yorks Galerienviertel, von sich Reden. "Iran Inside Out" zeigt zeitgenössische Arbeiten von iranischen Künstlern, die vor Jahren in das Exil flüchteten und stellt 35 junge Künstler vor, die im Iran leben und beweisen, dass es trotz Unterdrückung und Zensur freie Kunst im Land gibt. Organisiert wurde die Ausstellung von dem aus dem Libanon stammenden Kuratoren Sam Bardaouil und dem deutschen Direktoren des Museums, Till Fellrath. Ein Interview mit Bardaouil über politische Botschaften, die junge Demokratiebewegung und alte Stereotypen

Anlass Ihrer Ausstellung sollte der 30. Jahrestag der Revolution im Iran sein, nun wurden Sie von den Ereignissen in Teheran überrollt.

Sam Bardaouil: Auf Grund der Situation im Iran haben sich einige der künstlerischen Statements in ihrer Kraft und Schärfe vervierfacht. Ob eine Arbeit überlebt oder nicht, ist in diesem Regime ein Glücksspiel.

Sind Sie mit den Künstlern im Iran in Kontakt?

Einige schrieben uns nur einen Satz zurück: Entschuldigt, aber zu diesem Zeitpunkt ist Kunst das Letzte, was uns beschäftigt. Wir sind auf der Straße, um zu protestieren. Es kann durchaus sein, dass einer der Künstler gerade verhaftet wird. Das alles ist leider kein Scherz.

Glauben Sie, dass der Kampf für Demokratie im Iran auf zumindest längere Sicht nicht zu stoppen ist?

Auf jeden Fall. Sobald jemand unterdrückt wird, versucht er umso stärker, kreative Wege zu finden, um sich ausdrücken zu können. Kunst wird ein Akt der Reinigung. Im Iran führen die Künstler auf diese Weise ihren Kampf und lehnen sich gegen das Regime auf.

Was halten Sie von Oppositionsführer Hussein Mussawi, der ja immerhin selbst Maler ist und die Kunstakademie in Teheran leitet?

Manchmal werden Nachrichten und Personen durch die Umstände geschaffen. Wenn man Mussawi mit der jetzigen Regierung vergleicht, ist er das geringere von zwei Übeln. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unter seiner Regierung 5000 illegale Hinrichtungen stattfanden. Es ist traurig, dass sich die Menschen an etwas klammern, weil es ein wenig mehr Toleranz verspricht. Aber diese Bewegung brauchte ein Gesicht, und Mussawi ist es geworden. Das ist das Gute an der Kunst – sie hat kein Gesicht nötig. Sie ist wie ein Spiegel, in dem man sich selbst erblickt, sobald man sich fragt, warum man mit den unterschiedlichsten Emotionen auf Kunstwerke reagiert.

Wie kamen Sie dazu, eine Ausstellung mit iranischen Künstlern zu organisieren?

Es war eine persönliche Reaktion auf all die Relikte des Orientalismus, die man in der Kunstwelt und in der westlichen Kultur findet. Ich bin in Beirut geboren, im Libanon aufgewachsen und habe später in Europa gelebt. Sehen Sie sich die großen Meister des 18. oder 19. Jahrhunderts wie Delacroix mit ihren Darstellungen der arabischen Welt an, lesen Sie Flaubert und Lamartine oder denken Sie nur an die Stereotypen, mit denen Hollywood arbeitet. Meine Mutter war niemals verschleiert, und ich habe kein Kamel vor meiner Tür geparkt.

Sie wollen mit Hilfe der Kunst Vorurteile bekämpfen, dass es sich bei dem Nahen und Mittleren Osten um rückständige Gesellschaften handelt?

Zeitgenössische Künstler aus diesen Regionen unterscheiden sich wirklich nicht von Künstlern im Rest der Welt. Es gibt diesen toten Winkel, der uns davon abhält, diesen Teil der Welt mit offenen Augen zu betrachten. Die Auktionshäuser helfen nicht gerade, unsere Sichtweise zu ändern. Wenn sie auf Kunst-Shoppingtour gehen, suchen sie nicht nach Arbeiten, die sich an Matthew Barney oder Jenny Holzer anlehnen, sondern wollen Erwartungen, was orientalische Kunst ist, erfüllen. Gegen diese Art von Stereotypen habe ich mich strikt gewehrt. Bei vielen Ausstellungen, die für ein besseres kulturelles Verständnis werben, sieht man als Erstes den Schleier auf dem Titel. Mit einem Austausch hat das für mich wenig zu tun, auch wenn gut gemeinte Intentionen dahinter stecken mögen. Iranische Besucher unserer Ausstellungen haben sich bei mir dafür bedankt, dass man sie in einem anderen Licht zeigt, das nicht nur den Bildern bei CNN and BBC entspricht.

Und das sind zum Beispiel verstörende, voyeuristische Videoarbeiten von Shoja Azari, Sexanzeigen mit verschleierten Frauen (Shahram Entekhabi) , Fotos von eingeölten Bodybuildern (Abbas Kowsari) oder bizarre Selbstinszenierungen von Vahid Sharifian?

Vahid Sharifian ist für mich der Jeff Koons aus dem Iran. Die Studenten in den Bildern von Arash Sedaghatkish tragen Diesel und Converse. Die Graffiti in den Gemälden von Daryoush Gharahzad sehen aus wie überall auf der Welt. Die Menschen im Iran haben die gleichen Bedürfnisse und Sehnsüchte wie alle anderen. Was in den westlichen Medien verbreitet wird, sind Bilder, die von der Achse des Bösen sprechen, von einer Politik der Angst. Bei künstlerischen Arbeiten aus dem Iran wird oftmals der Fehler begangen, dass man sich nicht mit der Kreativität oder der Technik beschäftigt, sondern nur mit den Umständen, unter denen sie entstanden sind.

Aber das ist doch eine ganz natürliche Frage, die sich aufdrängt: Wie können die Künstler im Iran überhaupt arbeiten, die Zensur umgehen und Ihre Werke ausstellen?

Sagen wir es mal so: Viele der Arbeiten, die wir zeigen, wurden niemals im Frontraum der Galerien in Teheran gezeigt. Einige Ausstellungen wurden geschlossen. In manchen Fällen schoben Leute in den Galerien Tag und Nacht Wache, damit die Zensoren nicht einfach hineinspazieren konnten. Die Kunst ist Teil einer sehr lebendigen Underground-Kultur, wir wollten dieser Kultur eine Stimme geben.

Wie haben Sie die Künstler ausfindig gemacht?

Ich habe drei, vier Jahre in Dubai gelebt, wo es viele iranische Galeristen oder Galerien mit iranischer Kunst gibt. Einige der Künstler im Exil habe ich in England, Deutschland oder Frankreich kennen gelernt. Die Idee zur Ausstellung wurde an einem Abend mit Shirin Neshat und Shoja Azari geboren, die uns maßgebend mit ihren Kontakten weiterhalfen.

Gab es etwas, womit die jungen iranischen Künstler Sie überrascht haben?

Ich hatte nicht erwartet, dass sie mit allen möglichen Medien wie Video, dem Internet oder mit Performances arbeiten. Es hat mich überrascht, wie erfinderisch sie Anleihen bei der Vergangenheit und bei traditionellen Kunstformen machen und daraus zeitgenössische Arbeiten kreieren. Die im Iran lebenden Künstler hängen weniger an traditionellen Formen als die Exiliraner oder diejenigen, die bereits im Ausland geboren sind. Sie empfinden Nostalgie oder wollen sich ihren heimatlichen Wurzeln verbunden fühlen. Im gewissen Sinne ist die Zeit für sie vor 30 Jahren stehen geblieben.

"Iran Inside Out"

Termin: bis 5. September. Chelsea Art Museum: 556 West 22nd Street, New York
http://chelseaartmuseum.org/index.php