State in Time - Krems

Staatskunst, die Zweite

Eine Ausstellung in der Kunsthalle Krems zeigt Werke der subversiven slowenischen Künstlergruppe IRWIN.
Staatskunst, die Zweite:IRWIN in der Kunsthalle Krems

IRWIN: "NSK Garda Pristina" in collaboration with Kosovo Army, 2002

Ein fettes Kreuz, ein Dornenkranz rundherum, darunter prangt protzig "NSK". So sieht es aus, das Wappen eines weltweit virtuellen Staates, mit dessen Pässen einige Irrwitzige bereits Grenzen überschritten ha-ben. 1992 von der slowenischen Künstlergruppe IRWIN kurz nach dem Zerfall Jugoslawiens mitinitiiert, hat sich der "NSK State in Time" – benannt nach dem ex-jugoslawischen Underground-Künstlerkollektiv "Neue Slowenische Kunst" – mittlerweile verselbständigt.

So entdeckten etwa vor einigen Jahren nordafrikanische Flüchtlinge den Staat samt seinem Pass-Amt – und versuchten mit den NSK-Ausweisen nach Europa einzureisen. Die slowenische Regierung musste daraufhin eine entschuldigende Erklärung veröffentlichen. Dabei sind es sehr wohl auch die Grenzen in den Köpfen, die IRWIN in ihren, an einem realen totalitären System geschulten Aktionen subversiv unterwandern möchte. Mit oft affirmativer Symbolik, etwa einer strammen NSK-Soldaten-Gruppe, die die Künstler an verschiedenen Orten porträtieren. Auch diese Fotos werden in der Kunsthalle Krems zu sehen sein, die dem aus fünf Laibacher Künstlern bestehenden Kollektiv in diesem Sommer eine Einzelausstellung ausrichtet, ihre erste Museumsschau in Österreich – was fast verwundert, meint man die plakative Kunst von Dušan Mandic, Miran Mohar, Andrej Savski, Roman Uranjek und Borut Vogelnik hier bereits bestens zu kennen. Sie waren in vielen Ausstellungen Peter Weibels in der Neuen Galerie Graz zu sehen und haben in Grita Insam eine rege Galeristin in Wien.
Dieter Buchhart, zum Jahresende ausscheidender künstlerischer Direktor der Kremser Kunsthalle, will aber nun einmal die zwei wesentlichen "Ideenkomplexe" der IRWINs zusammenfassen: den "aus einer sehr humanistischen Idee heraus" entstandenen NSK-Staat und das ebenso langjährig verfolgte Projekt der "East Art Map". Bei letzterer geht die Gruppe der Frage nach, warum die im ehemaligen Ostblock blühende Moderne heute weitestgehend vergessen zu sein scheint. Künstler wie Julius Koller oder Stano Filko zum Beispiel, die nun online auf IRWINs Landkarte abgerufen werden können (www.eastartmap.org). Hier wird eine Kunstgeschichte parallel zur westlichen konstruiert, die nachdenklich macht.
Was beide IRWIN-Projekte vereint, ist ihre Rückwärtsgewandtheit: "Retro-Avantgarde" nannte Peter Weibel diesen Stil, der besonders spektakulär in der Beschäftigung mit Kasimir Malewitsch kulminierte. Mit IRWINs Nachstellung seines Sterbezimmers etwa, samt Leiche im Sarg. Oder im Juni 1992, als sie ein 22 mal 22 Meter großes schwarzes Quadrat auf dem Roten Platz in Moskau entrollten. Der findige Titel: "Black Square on Red Square".

IRWIN – "State in Time"

Termin: bis 18.10.2009, Kunsthalle Krems, täglich 10–18 Uhr
http://www.kunsthalle.at