Prag-Biennale - Kritik

Der Schäbigkeit ist kein Reiz mehr abzugewinnen

Selten wohl hat eine Selbstdemontage eindrucksvoller stattgefunden als die der Prag Biennale, die nun zum vierten Male in der tschechischen Hauptstadt stattfindet.
Hoffnungslos:Abgesang auf einst ehrgeiziges Projekt

Jan Nálevka: Neonarbeit "Shining", 2006 – Vychod bedeutet übersetzt Ausgang

Zwar wird die Fassade des Prager Ausstellungsgebäudes "Karlin Hall", in dem die vierte Prag-Biennale sich präsentiert, glamourös von einem pinkfarbenen Banner des bewährten Hauptsponsors Mattoni verhüllt, über die Hoffnungslosigkeit im Inneren kann dieses jedoch nicht hinwegtäuschen.

Während das Unternehmen Biennale 2001 viel versprechend als Joint Venture zwischen "FlashArt"-Herausgeber Giancarlo Politi und dem umstrittenen Direktor der Prager Nationalgalerie, Milan Knizak begann, folgte schon bald ein gravierendes Zerwürfnis der beiden selbsternannten Kunst-Dinosaurier. Knizak machte sich in seinem noblen Domizil, dem Messepalast in Prag-Holesovice, selbständig und verwandelte das Projekt kurzerhand in eine Triennale. Nächstes Jahr soll es an dieser Front auch weitergehen.
Politi hingegen bezog bereits 2003 die ehemaligen Fabrikräume in Karlin als Konkurrenzprojekt. Dabei waren die Grenzen zwischen Kunstmesse und Biennale von Anfang an fließend, obwohl die Ausrichtung auf Kunst aus
Osteuropa die Biennale zu einem regionalen Anziehungspunkt machte. Doch bereits damals gab es Diskussionen über den armseligen konservatorischen Zustand der Räume, aber immerhin spielten die zahlreichen Sub-Ausstellungen der
Biennale noch erfindungsreich mit dem industrieromantischen Zustand der Halle. Schon 2007 zeichneten sich die Folgen des geringen Budgets und einer gewissen Lieblosigkeit gegenüber der Kunst ab. Das ist nun nicht mehr zu übersehen.
Auf rasch zusammengezimmerten, braunen Pressspann-Platten hängen bunt zusammengewürfelt Gemälde und Fotografie, gerne auch schief. Namenschilder liegen verdreckt auf der Erde, oft sind die Werke nicht zuzuordnen. Obskure Themengruppen wie "Staging the Grey. 12 Romanian and Hungarian Painters", "Endogamic & Exogamic Pictorial Practices in Mexico" oder "The Newest New York. Young Photographers from the Big Apple" wirken völlig willkürlich, wie im letzten Moment ausgedacht. Entweder drängt sich die Flachware auf besagten Paneelen oder Einzelwerke verlieren sich im Kosmos der gigantischen Räume, deren Schäbigkeit kein spezifischer Reiz mehr abzugewinnen ist. Da wird Sigalit Landaus wunderbares Video "Barbed Hula" (2000) in einem dunklen Kämmerchen regelrecht verramscht. Unverschuldet dubios auch der Auftritt einiger junger Künstler aus Dresden wie Martin Mannig
oder Tilman Hornig. Die Dresdner müssen sich eine Wandstrecke mit einer der zahlreichen italienischen Unterabteilungen teilen, gegenüber von indonesischer Folklore. Nicht viel besser geht es namhaften Polen
wie Agata Bogacka oder Basia Banda, deren Arbeiten konzeptlos zwischen die mexikanischer und chinesischer Künstler gequetscht wurden. Es muss als sicher gelten, dass die meisten der beteiligten Künstler bis heute keine
Ahnung von diesen Zuständen haben – sonst hätten viele ihre Werke gewiss wieder abgezogen.
Jetzt wäre es an der Zeit, ein paar lobende Worte über Neuentdeckungen oder über – trotz aller Widernisse – gelungene Situationen zu verlieren. Das fällt schwer. Wenn auch in der tschechischen Abteilung, die sogar von Konzeptkunst-Altmeister Jiri Kovanda betreut wurde, so begabte und etablierte Kollegen wie Zbynek
Baladran, Jiri David, Marketa Othova oder Barbora Klimova vertreten sind, so hat sich auch dort eine alles übertünchende Trostlosigkeit ausgebreitet.
Der Gästebucheintrag einer erbosten Besucherin fasst das Klima in der Karlin Hall zusammen: "terrible
exhibition...no imagination and below mediocrity!" Neben dem Besucherbuch steht eine Flasche Prosecco, die als Etikett das stolze Konterfei von Giancarlo Politi trägt. Vielleicht hätte man diese vor dem Ausstellungsbesuch austrinken sollen.

Prag-Biennale

Termin: Bis 26. Juli/Katalog 30 Euro

http://www.praguebiennale.org/