Transitory Objects - TBA 21, Wien

Architektur jenseits von Kategorie

Architektur und Kunst treffen aufeinander und vermischen sich. Modelle werden zu ästhetischen Sammelobjekten. Die Ausstellung "Transitory Objects" des Wiener Thyssen-Bornemisza Art Contemporary zeigt Objekte im Übergang, die sich nicht eindeutig kategorisieren lassen.

Wie es sich mit dem Anspruch der Kunstwertigkeit von architektonischen Objekten – vor allem Architekturmodellen – verhält, scheint auf den ersten Blick das Anliegen der Ausstellung "Transitory Objects" in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien, zu sein.

Das Thema baut sich weit komplexer auf als erwartet: Interdisziplinär und auf verschiedenen Bedeutungsebenen wird sich des Leitgedankens angenommen. Design, Architektur, Skulptur und bildende Kunst greifen anhand mannigfaltiger Exponate ineinander über, stellen einander in Frage und schaffen so eine überlegungsreiche Ausstellungserfahrung.

Außerirdischen Ursprungs scheinen die polymeren Architekturmodelle von Neri Oxman/Materialecology oder dem Architektenduo R&Sie(n)/François Roche & Stéphanie Lavaux: organische Gebilde, deren Vorbilder vermeintlich in der Natur zu finden sind – handelt es sich um einen Korallenstock oder um einen ausgewaschenen Felsen? Doch zu perfektionistisch ist die Verarbeitung, zu regelmäßig die Oberfläche, die durch die Produktionsrillen, die durch den 3-D Print entstanden sind, erkennbar macht, dass es sich um ein Produkt hochtechnisierter Herkunft handelt. Zur Ambivalenz ihrer substanziellen Erscheinung kommt eine weitere Interpretationsebene hinzu: Diese Architektur-Modelle befinden sich im Kontext einer Kunst-Ausstellung, stehen auf Sockeln oder in Vitrinen. Separiert als ästhetische Objekte, die ihr Bestehen im kunstspezifischen Umfeld behaupten können.

Inwiefern spielen Ästhetik und Funktionalität eine Rolle?

Die Präsentation im Ausstellungsraum ermöglicht die Rezeption als Kunstwerk, dessen eigentliche Intention deshalb umso interessanter wird. Was will ein Kunstwerk, das orts- und materialspezifisch – nach architektonischen Überlegungen – konzipiert ist? Die Tatsache, dass die gezeigten Objekte Teil einer Sammlung sind, spricht zusätzlich für ihr Kunst-Sein, sie haben sich am Kunstmarkt eingegliedert und in Umlauf gebracht.

Während man sich den Weg durch die verschachtelten Räumlichkeiten der T-BA 21 bahnt, erschließen sich Schritt für Schritt neue Anhaltspunkte der Schau: Die Frage nach der Kunstwertigkeit der aufwändigen Modelle erweitert sich zu der Thematik des Anspruches an Architektur an sich. Inwiefern spielen Ästhetik und Funktionalität eine Rolle – werden sie gegeneinander ausgespielt? Wie weit darf Architektur gehen, wo liegen ihre disziplinären Grenzen? Herman Diaz Alonsos "Pitch Black", 2007, biomorphe Hochglanzgebilde, Miniatur-Prototypen eines noch nicht verwirklichten Projekts, stehen eindeutig zwischen den Disziplinen. Man hat es mit einer Mischung aus Skulptur, Animation, Design und Architektur zu tun. Die goldglänzende Oberfläche der Objekte, vorgeführt in einem abgedunkelten Raum, verstärkt ihren ästhetischen Anspruch.

Kunst als Einrichtungsgegenstand

Die Ausstellungssituation bedingt, dass Kunst von Raum, sprich Architektur, umgeben ist. Der Raum dient als Bühne der künstlerischen Präsentationen, beeinflusst ihre Wirkung, und damit spielt "Transitory Objects". Die Exponate stehen in ursprünglichen Wohnräumen, in denen man offene Kamine und Kachelöfen vorfindet. Die Kuratoren legten Wert darauf, so den Sammlungscharakter der Institution offenzulegen. Ein Kunstwerk kann zu einem Einrichtungsgegenstand werden: Cerith Wyn Evans Leuchtröhrensäulen fungieren als Raumkomponente, als Verweis auf die antike Säule und sind zugleich Kunst/Architektur.

Matthew Ritchies in Kollaboration mit Aranda/Lasch und Arup AGU entstandenes Modell zum Architekturprojekt "Morning Line", ein aus verschieden großen Einzelmodulen gewachsenes interaktives Gebilde, das "Wissenschaft, Kunst, Architektur, Musik und Film im ersten semasiographischen Gebäude" kombiniert, scheint seinen Präsentationsraum sprengen zu wollen, hinaus aus dem Ausstellungskontext, der ihm Grenzen weist. Grenzen, die das "Cybermohalla Hub" von Nicolaus Hirsch und Michel Müller, ein simpel erweiterbares Modulgebäude für ein Entwicklungshilfeprojekt, ignoriert und sich deshalb im Hof der T-BA 21 emportürmt.

Diffuse Geräusche bilden ein Klanggerüst aus Lärm

Die Architekturmodelle sind konfrontiert mit der unmittelbaren und zurückliegenden Kunstgeschichte: Minimalistisch–fragile Rauminstallationen von Fred Sandback oder Konzeptkunst von Dan Flavin leuchten im Themenkreis Kunst-Architektur-Design-Raum ein. Trotz reduziertem Erscheinungsbild liegt eine unglaubliche Raumpräsenz vor, ganz im Gegensatz zu den kleinformatigen Fotoarbeiten von Francesca Woodman, die die An- und Abwesenheit von Körperlichkeit der Raumsituation ihres Hauses in Rhode Island gegenüberstellt. Frühe Fotoexperimente von László Moholy-Nagy befassen sich mit der Thematik von Licht und Oberfläche.

Mit einem Schritt steht man mitten in der Gegenwart: "Asynchronous Jitter. Selective hearing" heißt Florian Heckers 4-Channel Sound-Installation. Diffuse Geräusche bilden ein Klanggerüst aus Lärm, das sich lautstark um den Ausstellungsbesucher legt. Die feinsinnige Arbeit von Bojan Šarčević "The breath taker is the breath giver" (Film A and B), 2009, bedient sich vergangener und zeitgemäßer Projektionsmedien. Ein Hybrid aus Filmprojektor und MP3 Player produziert in Zusammenspiel mit einer raumfassenden Plexiglas-Konstruktion ein audiovisuelles Gesamtes, das dem interdisziplinärem Anspruch nur gerecht werden kann.

Die mediale und materielle Vielseitigkeit der gezeigten Exponate führt auf mehreren Wegen zu einem schlüssigen Gesamtbild der "Transitory Objects": Objekte im Übergang, nicht eindeutig zu kategorisieren, ihr ästhetischer Anspruch bleibt letztendlich auch der Beurteilung des Betrachters überlassen.

"Transitory Objects"

Termin: bis 31. Oktober 2009, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 12 bis 18 Uhr, ab August: Mittwoch bis Samstag, 12 bis 18 Uhr, freier Eintritt, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Himmelpfortgasse 13, Wien
http://www.tba21.org