Skulpturenpark - Berlin-Zentrum

UFOs auf dem Mauerstreifen

Im Niemandsland der ehemaligen Sektorengrenze entfaltet sich in der Hauptstadt ein Kampf der Wohnkulturen: Während Investoren von internationalen Zweitwohnsitz-Besitzern träumen, fantasiert die Off-Szene bei Calypso und Bionade von außerirdischem Wissenstransfer.

Nicht so ganz von dieser Welt steht es einsam auf der Mauerstreifenbrache hinter der Bundesdruckerei herum: Das schnörkelige Tortenstück, das neugierigen Besuchern schon mal Appetit auf die vor Ort geplanten "Fellini Residences" machen soll. Dumm nur, dass spätestens seit der Finanzkrise nur noch wenige die halbe Million locker haben, die beispielsweise eine 110-Quadratmeter-Wohnung in der "de Luxe"-Ausstattung schnell kosten kann.

Weswegen jüngst Chef-Investor Harry van Caem persönlich der eher dünn vertretenen Hauptstadt-Presse verkündete, dass im Prinzip alles im Lot sei. Man warte zwar noch immer auf "grünes Licht" seitens der Wirtschaft, aber das internationale Publikum hätte gewiss Interesse, und überhaupt müsse man das Ganze auch mal im internationalen Kontext sehen.

Gewiss gibt es irgendwo auf der Welt Kunden, die auf "elegante italienische Großstadthäuser" schwören und auch nichts gegen Zierkranzkonsolen und "prachtvolle Natursteinbrunnen" einzuwenden haben. Aber brauchen und wollen alle diese wirtschaftlich unabhängigen Kosmopoliten in den besten Jahren unbedingt einen Zweit- oder gar Drittwohnsitz in der Hauptstadt, der dann auch noch auf der falschen Seite der Leipziger Straße liegt? Und braucht Berlin diese Leute – oder könnte man mit dem noch immer ungenutzten Land im Schatten anonymer Wohn- und Bürobauten vielleicht Sinnvolleres anfangen?

Wirtschaftswunder, Wunderland

Das fragen sich die Intiatoren des auf der Nachbarbrache gelegenen "Skulpturenparks", die am Wochenende in wilder Vegation bei Bionade und Calypso die Eröffnung einer neuen Ausstellung der "Wunderland"-Serie feierten und dem Fellini-UFO aus der Hand eines "renommierten Baukünstlers" augenzwinkernd ihr eigenes utopisches Fragment-Objekt entgegenstellten. Ihr Manifest ist eine Ansage: "Wunderland bringt zwei vermeintlich unvereinbare Denkmuster zusammen: den fleißigen Positivismus des legendären Wirtschaftswunders der westdeutschen Nachkriegsära und die fantastische Realität von Alice, in deren Wunderland rationale Gesetzmäßigkeiten nicht funktionieren, statt dessen eine beeindruckende Wachstumswillkür vorherrscht und alle Wesen nach dem Credo "Be what you would seem to be" leben. Die Projekte von Wunderland siedeln sich inmitten dieses paradoxalen Dschungels aus Lug und Trug, aus Utopien, Dystopien, fantastischen und realpolitischen Enklaven und Exklaven, aus negativen und positiven Visionen an."

Einer der subversiven Aktivisten erläutert auf Nachfrage die Details: Der Skulpturenpark sei eine große Skulptur, die sich seit 2006 immer weiter entwickele und auf neue Einflüsse von außen wie beispielsweise die grassierende Bodenspekulation reagiere. "Wir setzen dem, was hier gerade gebaut wird, eigene Bauten entgegen." Beispielsweise das aktuelle, für drei Monate geplante "Camp Exodus", eine wilde, berlintypische "Mischung aus Gartenlaube, Raumschiff und Studierzimmer".

Für ein Leben ohne Kompromisse

Entworfen hat es der Künstler Christoph Ziegler, der seine Arbeit als soziale Skulptur sieht und an alles gedacht hat: Einen Steg, auf dem man die etwas von der Erde abgehobene Plattform betritt, eine Kommandozentrale, in die sogar noch ein Plattenspieler passt, ein Archiv mit utopischer Bibliothek, eine "kreative Kammer", einen "Traumraum" für "somatische Informationsaneignung" und eine Outdoor-Arbeitsplatform mit angebauten Funkturm für die drahtlose Verbindung ins Internet.

Das hat natürlich erschreckend viel Hippie-Charme und ist auch nicht so wirklich wohnlich, bereichert die Vielfalt der Stadt allerdings um einiges mehr als der auf Landhaus-Chic getrimmte Designer-Stil des gegenüberliegenden "Fellini"-Projekts, das mit allen Annehmlichkeiten bedacht ist: vom mitgelieferten Flachbildschirm über die Duschbrause "Raindance" und eigens vom Innenarchitekten Eric Kuster für ein "Leben ohne Kompromisse" kuratierten Kunstwerken. Insbesondere die haben es in sich. Ein Hauch Rost-Ton erinnert an die große Berliner Stahlschrott-Tradition der frühen Neunziger, die weißen Kringel könnte auch der im Stadbild schwer aktive "Sechsenmaler" hinterlassen habe und im Kleingedruckten lässt sich entziffern, was von all dem zu halten ist: Um seinen Werken neben dem kühlen Hauch der Moderne doch noch eine dramatischere Note zu verleihen, hat der Auftragskünstler komplette Shakespeare-Seiten auf seine Werke gekleistert. Titel des zerpflückten Stücks: "Much Ado About Nothing" – "Viel Lärm um Nichts".

"Christoph Ziegler – Camp Exodus, 2009"

Termin: bis 2. August 2009, Skulpturenpark Berlin_Zentrum, Grünfläche zwischen Seydelstraße und Beuthstraße
http://www.skulpturenpark.org/

Mehr zum Thema im Internet