Karl Valentin - München

Anarcho-Humor mit Folgen für die Kunst

Eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum belegt, wie sich Künstler von den vierziger Jahren bis heute auf den genialen Komödianten Karl Valentin (1882 bis 1958) berufen

Karl Valentin hat die Telefon-Warteschleife nie kennen gelernt. Dass man auch ohne diese technische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts Menschen in den Wahnsinn treiben kann, führte der Münchner Komiker in den dreißiger Jahren mit seinem Sketch vom "Buchbinder Wanninger" vor. Dessen Versuch, die fertigen Bücher an die "Baufirma Meisel & Compagnie" zu liefern, führt zu einer telefonischen Odyssee durch die Abteilungen des Hauses, die der entnervte Wanninger mit einem herzhaften "Saubande, dreckade!" schließlich beendet.

So kennt man Karl Valentin, den unvergesslichen Komödianten, Kabarettisten, Schauspieler, Autor und Produzenten, der so ewigkeitstaugliche Sprüche wie "Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich! Merken’s Ihnen das!" oder "Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen hab' ich mich nicht getraut" erfunden hat. Dass dieser geniale Künstler eine ausgesprochen dadaistische Ader hatte, dass er schon in den dreißiger Jahren eine ähnlich bizarre, skurrile Attitüde wie später die Künstler von "Fluxus" oder auch der Belgier Marcel Broodthaers an den Tag legte, ist hingegen weniger geläufig.

1934 eröffnete Valentin in den Kellerräumen des Münchner Hotels Wagner sein "Panoptikum", eine Art Anti-Museum von Gruselexponaten und Nonsens, in dem er unter anderem ein Glas Berliner Luft zeigte. Im Münchner Valentin-Musäum ("Eintritt für 99-Jährige in Begleitung ihrer Eltern frei") wird an diesen Anarcho-Humoristen mit Objekten erinnert wie dem berühmten Nagel, an den Karl Valentin seinen Schreinerberuf hängte. Das Münchner Stadtmuseum zeigt nun in der Ausstellung "Gestern oder im 2. Stock, Karl Valentin, Komik und Kunst seit 1943", wie Künstler im Geiste Valentins gearbeitet haben und es noch heute tun. Die Ausstellung versammelt "künstlerische Werke von Fluxus bis heute, die sich der mimetischen Verwandlung, des Sprachspiels, der Tücke des Objekts, der Destruktion, Unsinnsproduktion und damit einer radikalen Komik bedienen, in der Valentins Geist unbekümmert weiter lebt", heißt es in der Ausstellungsankündigung.

Künstler wie Daniel Spoerri, Robert Filliou, Jean Tinguely, Emmett Williams und viele andere rezipierten schon früh das Werk des Komikers, besuchten in den siebziger Jahren das Valentin-Musäum und stellten dort, wie Christian Boltanski (1993) oder Thomas Kapielski (1996) sogar aus, wobei Boltanski aus tiefster Bewunderung dem kleinen Musäum sein komplettes komisches Werk als Schenkung vermachte.

Auf der Künstlerliste der Ausstellung im Stadtmuseum stehen unter anderem John Baldessari, Joseph Beuys, Marcel Broodthaers, Marcel van Eeden, Peter Fischli und David Weiss, Dan Graham, Richard Hamilton, Bruce McLean, Dan Perjovschi, Dieter Roth, Andreas Slominski, Ben Vautier und Erwin Wurm.

"Gestern oder im 2. Stock, Karl Valentin, Komik und Kunst seit 1943"

Termin: 24. Juli biis 15. November. Katalog: Verlag Silke Schreiber, 25 Euro
http://www.stadtmuseum-online.de/

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