Brazil Contemporary - Rotterdam

São Paulo von ganz unten

Ein faszinierender, alle Sinne ansprechender Ausstellungsparcours gibt Einblicke in einen brasilianischen Alltag jenseits touristischer Klischees.

Kein Bossa Nova, sondern Baile Funk, hart und dröhnend. Weder Copacabana noch Karneval, sondern Slums. Und keine selbstbewussten Sambaköniginnen, sondern blutjunge Mädchen, die ihre Körper verkaufen: Das Kunst- und Kulturfestival "Brazil Contemporary", für das drei Rotterdamer Institutionen ihre Kräfte gebündelt haben (Katalog: NAI Publishers, 29,50 Euro), bietet eine mitleidslose Bestandsaufnahme des brasilianischen Alltagslebens. Der faszinierende Ausstellungsmarathon ist mehr als nur ein visuelles Erlebnis: Er spricht alle Sinne an.

Am heftigsten im Niederländischen Architekturinstitut NAI, wo der Besucher zwischen acht großen Bildschirmen in den Asphaltdschungel der 20-Millionen-Stadt São Paulo getaucht wird. In einer betäubenden, bedrohlichen Kakophonie glaubt er sich mal im Fußballstadion, dann zwischen streikenden Arbeitern oder in der dröhnenden U-Bahn, während auf kleinen Monitoren die Bewohner verschiedener Viertel aus ihrem Leben erzählen. Im niederländischen Fotomuseum wohnt Daniela Dacorso den illegalen Tanzfesten der Favelas bei: Ihre Fotoserie "Totoma" zeigt schweißglänzende Körper und gierige Männerhände, die Frauen zwischen die Beine greifen – ein explosiver Cocktail aus Porno, Drogen, Waffen und Gewalt.

Wieder zur Ruhe kommt der gebeutelte Besucher im Museum Boijmans, das zeitgenössische brasilianische Kunst versammelt. Zu sehen sind Installationen und Filme wie der bezaubernd poetische "Aschermittwoch" von Cao Guimarães, der Ameisen zeigt, die buntes Konfetti wegschleppen und damit Spuren der Zeit auslöschen. Publikumsliebling aber ist die zeltartige, schwebende Installation aus grünem Nylonstoff von Ernesto Neto. Wer die Schuhe auszieht, darf, vorsichtig tapsend, die grüne Nebelwelt erkunden – während der Asphaltdschungel von São Paulo auf der Netzhaut nachflimmert und der harte Baile Funk langsam im Ohr verebbt.

"Brazil Contemporary"

Termine: bis 23. August im Museum Boijmans Van Beuningen und dem Nederlands Architectuurinstituut in Rotterdam; bis 27. September im Nederlands Fotomuseum, Rotterdam
http://www.brazilcontemporary.nl