Antony Gormley - Kunsthaus Bregenz

Das Kollektiv und der Tod

Mit Arbeiten aus den vergangenen 15 Jahren versetzt Antony Gormley das Kunsthaus Bregenz in ein prekäres Spannungsfeld zwischen statischer Skulptur und energetischen Prozessen. Der britische Bildhauer nimmt den intakten menschlichen Körper als Maß aller Dinge. Und erinnert doch gleichzeitig immer an Gefängnis, Folter und Vergänglichkeit.

Gefangen in einem Strudel von Monsterdrähten, verliert selbst der koordinierteste Besucher des Kunsthaus Bregenz binnen Kurzem seine Orientierung. Man sieht Menschen straucheln, irgendwo anecken oder konfus inmitten des drahtigen Dickichts stehen. Es ist, als habe eine schier endlose Spiralzeichnung mit einem Mal plastische Gestalt angenommen.

Von jedem leicht verschobenen Blickpunkt aus stellt sich das aus 10 Kilometern Aluminumrohr gewundene Labyrinth aufs Neue verworren dar. So in etwa fühlt sich ein Alptraum an, in dem die Lianen eines Dschungels nach einem greifen und nicht mehr loslassen wollen. "Es gibt immer Bewegungsbahnen, die dich irgendwo anders hinbringen", triumphiert der künstlerische Urheber Antony Gormley.

Mit Installationsideen aus den letzten 15 Jahren unterzieht der renommierte Bildhauer jedes Stockwerk des Kunsthauses einem besonderen Tenor. Dem Anschein nach ist die wie ein Rhizom wuchernde Arbeit "Clearing 5" am wenigsten charakteristisch für Gormleys Werk. Gemeinhin nimmt der 59-jährige Brite den menschlichen Körper bzw. seinen eigenen Body zum Maßstab der skulpturalen Versuchsfelder. Und doch bringt auch dieses rein abstrakte, entwickelte Knäuel an Aluminiumrohr das typisch dramatische Moment von Gormleys Skulpturen zum Ausdruck. Zwischen Raumbesetzung und -auflösung, Kern und Hülle, Materiellem und Spirituellem, einzelnem Glied und Kollektiv, Mensch und Kosmos spannen sich die Pole seiner auf die Bregenzer Architektur abgestimmten Installationen.

Pompejanische Lava-Tote

Nicht zu vergessen der stark auf Partizipation drängende Ansatz des Bildhauers. Ansonsten wäre Gormley eine nur unmerklich originelle Weiterentwicklung klassischer und moderner Bildhauerideen gelungen. Als "Energie des Sozialen" bezeichnet Yilmaz Dziewior, künftiger Direktor des Kunsthauses Bregenz, den im Zusammenspiel mit den Menschen erwirkten dynamischen Prozess. Und tatsächlich: Ohne jede Anweisung verwickelt Gormley die Besucher in seine wie von der Mengenlehre inspirierten Aufbauten.

Während einige sich also bereitwillig in den Aluminiumrohr-Kurvaturen verfangen, ahmen andere im obersten Stockwerk die von Gusseisen-Figuren vorgegebenen Haltungen nach. Bizarr, wenn man lebende Menschen plötzlich wie Büßer mit dem Kopf gegen die Wand knien sieht. Liegende, kauernde, sitzende, kopfüber gehängte Archetypen hat Gormley hier angesammelt. Es sind 60 an der Zahl, dennoch wirkt der Raum nicht überfüllt. Schließlich findet sich fast die Hälfte der Figuren wie Holocaust-Opfer auf einem menschenunwürdigen Haufen aufeinander geschüttet. Ähnlich erschreckend sind die hier und da gleich pompejanische Lava-Toten zusammengekrümmten Körper. Den Tod und die Folter denkt Gormley bei allem Appell an die Gemeinschaft immer mit.

"Wer sind wir? Woher kommen wir?"

Auch die schweren eisernen Gehänge "Body" und "Fruit" (1991-93) im Erdgeschoss tragen das menschliche Maß und Elend in sich. Sie umschließen jeweils die Abguss eines Körpers in der Startposition eines Schwimmers, drohen aber aufgrund ihrer Spannkraft jederzeit zu implodieren oder explodieren. Noch scheinen sie wie ein erstarrtes Foucault'sches Pendel knapp über dem Boden hängend dem Gravitationsgesetz verpflichtet zu sein. Düster bleibt bei Gormley auch der betont disziplinierte Auftritt des Kollektivs. So vermaß er 1996 im schwedischen Malmö 300 Personen zwischen 1 und 80 Jahren, um ihren biologischen Körper in Form eines kubischen Surrogats in Beton zu gießen. Die jetzt im ersten Geschoss wie eine hölzerne Armada postierte Malmö-Population verkapselt sich in dem Panzer von individualisierten Bunkerbehausungen. Einzig die Öffnungen von Mund, Ohren, Genitalien weisen auf einen gewissen Austausch hin. Gormley wagt die uralten existientielle Frage "Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?" auf radikal modernistische Weise zu stellen.

Dumm nur, dass Gormleys ehrgeizig für Bregenz erdachtes Außenprojekt "Horizon Field" aus organisatorischen Gründen auf nächstes Jahr verschoben werden musste. Im Voralberger Wald will er 100 lebensgroße Figuren aus massivem Gusseisen, verteilt auf einer Gesamtfläche von 150 Quadratkilometern, in exakt 2039 Metern über dem Meeresspiegel als symbolisches Netzwerk zwischen Mensch, Sozietät, Kultur und Landschaft platzieren. Der Aktionsradius von Gormley weitet sich immer stärker in Richtung Naturraum aus. Zur Erinnerung: 1997 startete er bereits einen ähnlichen, aber noch vergleichsweise überschaubaren Versuch im Wattenmeer von Cuxhaven. "Es gibt nichts zu erklären, aber alles zu erfahren", findet Gormley.

"Antony Gormley"

Termin: bis 4. Oktober, Kunsthaus Bregenz
http://www.kunsthaus-bregenz.at/