Harun Farocki - Interview

Das ist einfach eine Lust am Neuen

Harun Farocki gehört zu den bekanntesten deutschen Essayfilmern und widmet sich vor allem der Frage, wie neue Bildtechniken unsere Wahrnehmung beeinflussen. Seit gut einem Jahrzehnt werden seine Arbeiten auch in Kunstmuseen ausgestellt. Farockis neuer Film "Zum Vergleich" ist seit Donnerstag in ausgewählten Kinos zu sehen und zudem gibt es Ende Oktober im Museum Ludwig Köln eine große Ausstellung. art-Korrespondent Michael Kohler sprach mit ihm über sein Leben zwischen Kunst und Film.
"Lust am Neuen":Harun Farocki über sein Leben zwischen Kunst und Film

Filmstill aus Harun Farockis Film "Zum Vergleich"

Herr Farocki, Sie haben in Ihren Filmen so unterschiedliche Bildwelten wie historische Kinofilme, alliierte Luftaufnahmen oder Aufnahmen von Überwachungskameras untersucht. Was hofften Sie dort zu finden?

Harun Farocki: Nicht immer das Gleiche. Bei den Überwachungsbildern hat mich deren merkwürdige Ästhetik interessiert, was ganz normal ist, wenn man in so marginalen Bereichen arbeitet wie ich. Sobald man nicht "Boy meets Girl" zum Thema hat, werden die Untergattungen interessant, wobei diese Ästhetik mittlerweile ja auch in Hollywoods Liebesgeschichten angekommen ist. Mich haben immer die neuen Bildtypen fasziniert. Im Augenblick ist das die Computeranimation, bei der ich mich frage, ob sie sich gerade zur dominanten Bildkategorie entwickelt. Das ist einfach eine Lust am Neuen.

In ihrem Film "Die Schöpfer der Einkaufswelten" fällt der schöne Satz: Die Füße gehen nur dorthin, wo die Augen schon waren. Betreiben Sie so etwas wie Grundlagenforschung im visuellen Feld?

Ich weiß gar nicht, ob ich das Dogma dieses Satzes teile. Dahinter steckt ja eine bestimmte Auffassung von Architektur, die in einem fast altmodischen Sinn von der Attraktion ausgeht. Die ganze Einkaufsarchitektur glaubt, dass niemand kommt, wenn nicht irgendwo eine Belohnung lockt. Diese Denkweise verwandelt die gebaute Welt in ein Display. Das geht aufs 19. Jahrhundert mit seiner Weltausstellungsarchitektur zurück, in der die Gebäude fast aus Bildern bestanden. Für mich sind Schaufenster aber nicht die einzige Belohnung im Leben.

Sie sprechen häufig selbst den Kommentar. Wie ist bei ihnen das Verhältnis zwischen subjektiver Betrachtung und objektivem Bild?

Ob das Bild objektiv ist, ist noch eine andere Frage. Aber es hat sicherlich eine eigene Erzählung, die nicht im Kommentar aufgeht. Im Übrigen sind meine kommentierten Filme eher in der Unterzahl, und ich spreche ihn auch selten selber, weil ich meine Stimme gar nicht so gerne höre. Manchmal finde ich einen Kommentar nötig, um die Bilder in ganz andere Richtungen zu drängen, und dann mache ich wieder Filme, in denen kein Wort fällt, sondern nur bestimmte Vorgänge in einer bestimmten Weise gezeigt werden. Ich mag es nicht, wenn alles wie bei Hand und Handschuh ineinandergreift, und man gar nicht mehr weiß, ob man etwas gehört oder gesehen hat.

Im Alltag erleben wir immer neue Inszenierungsformen. Sei es beim Einkaufen im Supermarkt, im Straßenverkehr oder auf den heimischen Computer- und Fernsehschirmen. Lässt sich die Welt lesen wie ein Buch?

Es wird zumindest versucht. Vor einigen Jahren hat man geglaubt, dass mit dem Internet die Dominanz der Sprache zu Ende geht, doch mittlerweile ist klar, dass die Sprache das Leitmedium im Netz ist. Die Bilder haben insgesamt eher eine auflockernde Funktion. Das spricht eher dafür, dass man längere Texte nicht erträgt. Statt einem das Vergnügen am Lesen, Lesen, Lesen zu lassen, muss immer ein Bild mit rein, auch wenn es nicht viel zum Verständnis beiträgt.

Sie sind von Haus aus Filmemacher, aber seit einem Jahrzehnt immer häufiger auch in Museen zu sehen.

Das hat sich ganz von selbst ergeben. Erst durch Einladungen, und dann zeigte sich, dass sich ein neues Arbeitsfeld im Kunstbereich eröffnete, während die Produktionsmittel im Fernsehen immer schwerer zu bekommen waren. Ich saß also keineswegs da und sagte mir "Das muss anders werden". Bei diesem eigentlich unbeabsichtigten Wechsel sind mir dann bestimmte Dinge angenehm aufgefallen: Man muss sich nicht ständig einpassen und auch weniger im Voraus erklären. Wenn man Filmförderung bekommen will, muss man ja immer so tun, als würde man den Film schon auswendig kennen. Der ganze Papierkrieg fällt im Kunstbetrieb weit geringer aus. Allerdings gibt es, jedenfalls für mich, auch wesentlich weniger Geld zu verdienen.

Hat sich ihre Arbeitsweise verändert?

Ich mache jetzt mehr Installationen, aber vor allem muss ich jetzt immer viele Ideen zugleich im Kopf behalten. Früher, als ich noch ein paar Fernsehredakteure hatte, habe ich mir immer ein Thema ausgedacht und dann geschaut, bei wem ich es unterbringen kann. In der Kunstwelt ergeben sich die Produktionsgelegenheiten immer so zufällig, mal steht ein Jubiläum an, mal gibt es eine Ausstellung. Ich sehe zu, ob dass, was ich machen will, da irgendwie reinpasst. Diese Form von akzidentieller Produktion ist gar nicht mal schlecht, dadurch bleibt alles lebendig.

In ihrem neuen Film "Zum Vergleich" untersuchen Sie Produktionsweisen am Beispiel des Ziegelsteins. Was sagt uns der über unser Verhältnis zur Arbeit?

Unser Verhältnis zur Arbeit können wir an dem messen, was wir woanders sehen. Den Ziegelstein habe ich als Beispiel gewählt, weil er sehr alt und sich im Laufe der Zeit weitgehend gleich geblieben ist. Trotzdem hängt die Arbeit mit ihm entscheidend von sozialen Formen ab. In den Industrienationen werden die Ziegelsteine am Bau durch Kräne befördert. In Indien ist die Arbeitskraft dagegen so billig, dass die Steine von Frauen auf dem Kopf die Treppe hinaufgetragen werden. Die technischen Möglichkeiten für den Kranbau sind natürlich vorhanden, werden aber nicht gebraucht. Diese ganzen Mischformen finde ich so interessant daran.

"Harun Farocki"

Termine: "Zum Vergleich", ab 3. September in ausgewählten Kinos; Ausstellung "Harun Farocki", 31. Oktober bis 7. März 2010, Museum Ludwig Köln
http://www.farocki-film.de

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