Malerei ohne Malerei - Kunsthalle Wilhelmshaven

Voll durch die Hintertür

Sie klecksen, tropfen, kleben, spritzen – einige Künstler verzichten vollkommen auf Pinsel und Palette und arbeiten trotzdem figürlich mit Farbe auf Leinwand. In der Ausstellung "Malerei ohne Malerei" stellt die Kunsthalle Wilhelmshaven drei Künstler vor, die das Prinzip des Action Paintings neu erfinden.
Klecksen, tropfen, kleben, spritzen:Action Paintings – neu erfunden

Matthew Davis: "Davis Night Stadium 12", 2007

Je dichter man an die Großformate von Matthew Davis herantritt, desto mehr flirrt es vor den Augen, desto tiefer gerät der Blick in einen unwiderstehlichen Sog aus Abertausend bunten Punkten, aus denen Davis seine verführerischen Bilder zusammenkleckst. Tritt man die Rückwärtsbewegung an, scheint das Gewimmel mit jedem Schritt zurück zu Formen zu erstarren: Fußballstadien, Festwiesen, Popbands, Schwimmer. "Ich kann gar nicht genau sagen, wie ich mich für ein bestimmtes Motiv entscheide", sagt der 40-jährige Engländer, der seit ein paar Jahren im Berliner Wedding lebt. "Eine in kaltes Scheinwerferlicht getauchte Spielszene eines Fußballstadions bei Nacht fasziniert mich ebenso wie die stille Schwimmerin, die in klarem Wasser ihre Bahnen zieht."

Was diese unterschiedlichen Motive gemeinsam haben, ist die eigentümliche Technik, mit der Davis sie auf die Leinwand bringt: Er kleckst, vorwiegend mit Emaillefarbe, aber nicht wild und enthemmt wie Jackson Pollock, als er seinerzeit die Malerei von Pinselstrich und Staffelei befreite, sondern ruhig und mit Bedacht. Viele Arbeitsgänge braucht es, bis Davis Schicht um Schicht die Kleckse so zum Motiv verdichtet hat, dass er zufrieden ist. "Ich mache viele Pausen", erzählt er in perfektem Deutsch mit weichem englischen Akzent, "Ich muss mich immer wieder in Distanz zum Bild begeben und es lange anschauen. Oft verzweifle ich, aber dann mache ich weiter bis zu einem Punkt, an dem ich wieder zufrieden sein kann. So geht das Tag für Tag – oft Monate lang."

Noch bis zum 13. September sind in der Ausstellung "Malerei ohne Malerei" in der Kunsthalle Wilhelmshaven die Bilder von Matthew Davis, Robert Sherrat und Blaise Drummond zu sehen. Die drei kennen sich zwar, arbeiten aber nicht als Künstlergruppe zusammen. Was sie verbindet ist das Prinzip, gegenständlich und mit Farbe zu arbeiten – allerdings ohne je einen Strich mit einem Pinsel zu ziehen: Blaise Drummond setzt aus getropften, geklebten und montierten Bildelementen komplexe Architektur- und Naturmotive zusammen. Robert Sherratt besitzt ein Archiv von Klecksen, Tropfen und Spritzern, aus dem er sich bedient, um aus den zufälligen Formen technische Präzisionsarbeit wie Autokarosserien zusammen zu setzen.

"Durch die Hintertür des internationalen Kunstbetriebs"

"Ich weiß nicht, ob man hier bereits von einem Trend oder einer Schule sprechen kann", sagt Kunsthallenleiterin und Ausstellungskuratorin Viola Weigel. "Es fällt aber auf, dass alle drei Maler aus England stammen und in London parallel zu den Young British Artists studiert haben – allerdings nicht an deren Kaderschmiede, dem Goldsmith College, sondern am Camberwell College (Matthew Davis) und am Chelsea College of Art and Design (Blaise Drummond und Robert Sherratt)." Robert Sherratt betont sogar, dass er sich bewusst gegen das Goldsmith entschieden habe, um sich jenseits des Hypes entfalten zu können.

In persönlichen Gesprächen mit den Künstlern hat Viola Weigel festgestellt, dass sie sich nur widerwillig auf die offensichtliche Inspiratoren dieser Arbeitsweise wie Jackson Pollock oder Francis Bacon beziehen möchten. Drummond beispielsweise benennt lieber Ed Ruscha. Alle drei scheuen sich nicht davor, den handwerklichen Aspekt ihrer besonderen Technik zu betonen. Das mag daran liegen, dass England als erste Industrienation bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Arts and Crafts Movement entscheidender Impulsgeber für Kunst und Handwerk vereinende Institutionen wie den Deutschen Werkbund, die Wiener Werkstätten oder das Bauhaus war. Die Recherchen zu dieser Strömung des Post-Action-Painting sind noch nicht abgeschlossen. "Ich möchte unbedingt in dieser Richtung weiter forschen", kündigt Weigel voll Tatendrang an. "Im Schatten der Young British Artists haben sich natürlich noch mehr Künstler entwickelt. Ich bin froh, dass sie nun auf der Bildfläche des internationalen Kunstbetriebs erscheinen – quasi durch die Hintertür."

"Malerei ohne Malerei"

Aktuelle Positionen im Post-Action-Painting. Blaise Drummond, Matthew Davis und Robert Sherratt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. September. Zur Finissage findet ein Künstlergespräch statt, an dem auch Viola Weigel und Matthew Davis teilnehmen werden. Am selben Tag erscheint auch der umfangreiche Katalog zur Schau.
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