Radar

Jochen Wagner

Jochen Wagner über Marco Schuler
Marco Schuler: "Rubberhead", 2005, Scooterreifen, 53 x 30 x 34 cm (VG Bild-Kunst, Bonn 2008)

JOCHEN WAGNER ÜBER MARCO SCHULER

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Der Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing und Kunstliebhaber Jochen Wagner, 51, über den deutschen Künstler Marco Schuler.
// JOCHEN WAGNER, TUTZINGEN

Als "Boxbeutel" (2006) betitelt Marco Schuler seinen gummierten Sandsack mit Frauenperücke und wirft ihn als Sprachspiel in den Ring. Sein Konstrukt "Vermesser" (2006) zeigt zwei kopflose Gesellen, von denen einer samt Klappstuhl auf dem Steiß des gebückten Anderen in einer angespannten Sitzhaltung steht. Zusammen bilden sie ein Janusgesicht.

Als "Doppelböcke" aus dem selben Jahr konzipierte Schuler zwei Rücken an Rücken sitzende menschähnliche Rümpfe mit großen Dosen statt Köpfen, die mit Arbeitshandschuhen an ihren Holzarmen einen Klotz und eine Scheibe aus Holz halten. Und seine zerschlitzten Scooterreifen, umgestülpt und zu gummierten Luftikussen verknotet, tragen Namen wie "Widderchen" (2002), "Nero", "Rubberhead" und "Proton" (alle 2005). In Schulers Werk begegnet man außerdem großmauligen, militant gespreizten "Kampfkirchen" (2007) aus Karton und Hammerschlaglack.

Allerweltsmaterialien wie Holz, Metall, Pappe, Plastik oder Gummi mimen vertraute Dinge bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Verquere, keine harmonischen Dinge steigern das Niedliche ins Monströse, zeigen im Zarten das Dämonische. Skulpturen, Gemälde und Selbstinszenierungen wie "Apache" (2003), "Turntabler" (2002), "Schuler gräbt" oder "Schuler zieht sich an" (jeweils 2000) verdinglichen das Menschliche und vermenschlichen die Dinge. Ein hellschwarzer Wachsguss ("Treffer", 2002) zeigt ein Antlitz, verkniffen, mit einem Loch in der Stirn. Haben es die Projektionen beim Austritt oder ein Projektil beim Eintritt ins Hirnstüberl hinterlassen?

Denk-Dinge und "real stuff"

Es sind Denk-Dinge, an denen Marco Schuler schuftet, schraubt, sägt, schweißt, lackiert, gießt, töpfert, malt, zeichnet, klebt und filmt. Sichtlich kraftraubend kommen die Materialien in Form. Da die Einfälle aus seinem Körper kommen, möchte er sie zu Körpern verwandeln. Erst mit dem allmählichen "Verfertigen" verkörpert sich die Idee. Auch körperlich etwas machen, griechisch "poiein", ist Poesie. Ob die mit dem Material fühlende Schinderei auch die Spaltung in geistige und körperliche Arbeit überwinden kann? Arbeit ist gleich Kraft mal Weg. Letzerer ist bis zum Aufscheinen der Idee im Sinnlichen oft weit. Sensation vor Reflexion – das klingt banal, doch Marco Schuler will in einer Medienwelt voll symbolischer Repräsentation mit seinen Assemblagen aus gescheiterter Materie einen "real stuff" beglaubigen. Doch haben nicht Dogma und Konsum alles Reale fest im Griff? Sowohl Religion als auch Ökonomie brauchen ja keine mitwirkende Kreativität. Sie fabrizieren fertige Wahrheiten und fertige Waren. Der Verbraucher soll sie gefälligst in Andacht und Gehorsam willig schlucken. Da sündigt bereits, wer noch Lust am Selbermachen verspürt. Was wollte ich, bevor ich musste? Was konnte ich, als ich noch durfte? Nur wenige machen damit im gegenwärtigen Hype Millionen. Museen, Mäzene, Sammler und Konzerne eifern um die Deutungshoheit der Kunst zwischen Preis, Sinn und Geheimnis. Unsummen konsekrieren Kunstwerke zu profitablen Hostien des Marktes. Mag ein mit Diamanten besetzter Totenkopf die Ikone des toten Kapitals sein, so ist es bei Marco Schuler der kristalline "Demon" (2007) aus gefrästem Hartschaum, mit Autolack versiegelt, der zur Perfectio erstarrt und zum Himmel schaut. Design statt Sein, das der Hedonismus global zertrümmert? Wieviel Kommerz verträgt die Kunst, wieviel Kunst der Kommerz?

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