Reinhard Stangl - Magdeburg

Funkelnde Bars und saure Früchte

Keine passendere Wahl hätte das Magdeburger Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen mit der Ausstellung zu seiner Wiedereröffnung treffen können. Nach sechs Monaten Umbau überrascht es mit Bildern des selbst erklärten "Spätzünders" Reinhard Stangl – bis zum Rahmen angefüllt mit reinster Lust an der Malerei, überschäumender Farbe und einer Lebens- und Daseinsfreude wie sie überhaupt nur auf Leinwand zu bannen ist.

Wer weiß noch, dass das Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg einmal das Haus der "Nationalen Sammlung Kleinplastik" war? Verzichtbare Spuren dieser Zeit hat der jüngste, dank Konjunkturgeldern beschleunigte Umbau getilgt. Wo die Besucher bislang noch ihre Eintrittskarten an einer Pforte mit Drehteller und Sprechschlitz demütigst entgegennahmen, öffnet sich jetzt ein lichtes Entree in wiedererschlossenen Raumfolgen des historischen Klosters. Die Bedeutung, die das Museum zu DDR-Zeiten hatte, ist deshalb nicht geleugnet, denn daran erinnern noch die Bronzeplastiken an den Elbhängen rings ums Haus.

Es sind keineswegs nur die "Lesenden Arbeiter" und angestrengt neckischen Brunnenplastiken, mit denen die DDR die Zuckerbäcker- und Plattenbauquartiere der Nachkriegsstadt bevölkert hat. Einige Namen wie Werner Stötzer, Jenny Mucchi-Wiegmann und Wieland Förster haben Bestand, und sie erstarren umso weniger museal, als die junge Mannschaft um Leiterin Annegret Laabs die Magdeburger gerne mit Gegenwartsskulptur bekannt macht. So wächst nahe an der Uferstraße ein Gestänge aus der stillgelegten Gewächshauskolonie vom Kraftwerk Vockerode mit Wildwuchs zu, eine allegorische Arbeit des halleschen Künstlers Wieland Krause. Um derlei Plastiken wird in der ehemaligen "Stadt der Schwerindustrie" gerne heftig debattiert. Das Museum sieht sich dabei als Akteur, etwa wenn es mit einem Elbe-Kunstprojekt die geplante "Internationale Bauausstellung" der Stadt über ihren Reißbretthorizont hinaus erweitert.

Dank guter Kontakte zu Privatsammlern wird auch manch museal Unverbrauchtes ins Licht gerückt. Vom Aufspringen auf die gut geölten Karussells des Kunstbetriebs ist keine Rede. Manche Ausstellungen lässt das Immergleiche der Metropolen gelegentlich alt aussehen. Der Berliner Reinhard Stangl, Jahrgang 1950, ist so ein Name, dessen Talent zu würdigen die Provinzhauptstadt adelt. Wäre er eine Generation jünger oder älter, könnte seine Heimatstadt Leipzig sein Markenzeichen sein. Aber die Bilder, die in den klösterlich langen Korridoren, den Sälen und Kabinetten hängen, wissen so gar nichts von der allegorischen Last der Leipziger Schule. Stangls Weg war ein anderer. Kunst- und Zeitgeschichte hat er aufgesogen wie ein Schwamm. Von der Straße hat ihn sein erster Zeichenlehrer geholt und in den Malzirkel eingeführt. Als Jugendlicher begab er sich unter die Fittiche bei dem ebenso genialen wie an der Politik zerbrochenen José Renau. Dessen vom Futurismus angetriebene Dynamik ist ihm geblieben, geläutert in den Kreisen der Dissidenten von der Dresdner Akademie und danach in den Kämpfen ums Gegenständliche Malen nach seiner Ausreise nach West-Berlin, die dem unbequemen Rebell im Jahr 1980 sehr rasch genehmigt wurde.

Niemand hat Zitronen so gemalt

Seine Bilder fesseln den Blick mit ungeheurer Farbmagie und Leuchtkraft. Sie erzählen von nächtlichem Großstadtleben, lichtfunkelnden Bars, aber auch von exotischer Natur und vom Geschmack des Südens. Niemand hat Zitronen so gemalt, dass man ihre Säure spürt. Dabei kommt Stangl, wie er selbst sagt, immer mehr zu der Einsicht, dass seine malerischen Sujets vor der Tür seines Ateliers in Kreuzberg liegen. Er geht durch die Welt mit den Augen des Malers. "Um nicht zu rosten" malt er jeden Tag wenigstens ein kleines Bild. Zum Schachbrettmuster angeordnet, sieht man die "Splitter" genannten Vierecke in den Kabinetten des Museums. Sie zeigen, wovon er sich angestoßen fühlt – Fotos in der Zeitung, aufgelesene Comics, zufällige Begegnungen, flüchtige Impressionen.

Er ist aber kein Maler, der sich am Medium Fotografie abarbeitet. Die erste seiner Nachtstudien geht auf eines jener langzeitbelichteten Nachtaufnahmen zurück, die die Rücklichter der Autos in rote Ströme, und die Ampeln zu gleißenden Flecken verwandeln. Da sieht er den Blick von der Oranienburger Straße zum erleuchteten Görlitzer Bahnhof auf einmal in seinem malerischen Potenzial, und das bearbeitet er in gut zwei Dutzend Variationen „bis es nicht mehr geht“, aber nie in Gefahr, ins Routinierte abzugleiten.

Die alte Westberliner "Paris Bar" will Stangl nicht als seine Stammkneipe bezeichnen, doch bei einem Fest dort ist ihm jene Lebensenergie plötzlich bewusst geworden, die er in seine Farbe umsetzt, dabei den morbiden, bröckelnden Charme der vergilbten Wände und der Lichtreflexe in den Schaufenstern verarbeitend. Die "Bar"-Serie lässt ebenso wie die Nachtbilder an kunsthistorische Vorbilder von van Gogh über Degas bis zu Kirchner denken, aber in ihrer Leichtigkeit unterstreichen sie Stangls souveränen Umgang damit.

"Reinhard Stangl – Citronengelb & Nachtschwarz"

Termin: bis 3. Januar 2010, Magdeburg, Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Kerber erschienen
http://www.kunstmuseum-magdeburg.de/