Haare und Kunst - Trend

Eine haarige Angelegenheit

Haare scheinen unlängst Einzug in die Kunst erhalten zu haben. Dies zeigen die Arbeiten des Frankfurter Künstlers Jochem Hendricks, der Haar auf einer Spule aufrollt, oder die Berliner Künstlerin Fiene Scharp, die Alltagsgegenstände mit Haaren bestückt.
Jetzt wird's haarig:Ausstellung und Buch zum Faszinosum Haar in der Kunst

Jochem Hendricks "Horizontal Hairdo", 2007-2009, 30 Kilometer Haare auf einer Aluminiumspule

Haare. Allein das Wort löst bei den meisten Menschen höchst zwiespältige Assoziationen aus. Man denkt womöglich an ein widerliches Haar im Essen, unappetitliche Teppichbehaarung auf männlichen Schultern oder vorwitzige Exemplare, die aus Nasenlöchern und Ohren herausschauen.

Gerade junge Leute, so hört man, ekeln sich vor Körperbehaarung so sehr, dass die Ganzkörperrasur heutzutage völlig selbstverständlich zur Körperpflege gehört. Schönes Haupthaar wiederum kann eine Zierde sein. Wer über volles Haar verfügt, gilt als gesund. Sogar dichtes Barthaar ist unter Kreativen seit einer Weile schwer in Mode, und auch Künstler widmen sich verstärkt dem Faszinosum Haar.

"Horizontal Hairdo" heißt etwa eine Arbeit des Frankfurter Künstlers Jochem Hendricks, für die die Philippina Annelie Ataccdor Alingasa ihr 40 bis 50 Zentimeter langes Haupthaar abschneiden ließ. Dieses soll von Frauen in Kamerun einzeln an den Spitzen zu einem fortlaufenden Haarstrang verklebt worden sein. Das Resultat, eine "horizontale Frisur", ist ungefähr 30 Kilometer lang und wurde auf eine in Deutschland angefertigte Spule gewickelt. Derzeit ist die Haarspule an eine Wand in der Kölner Galerie von Thomas Rehbein montiert. Das Haar kann nun in einer beliebigen Länge abgerollt und über weitere kleine Spulen an der Wand entlang, durch einen Raum oder sogar ein ganzes Haus geführt und betrachtet werden.

Haare aus Butter und Zitrone

Dem Mythos Haar erlegen sind auch die Macher eines im Oktober auf Englisch erscheinenden Bildbandes namens "Hair’em Scare’em". Darin werden zahlreiche Haarkreationen von Künstlern, Grafikdesignern, Fotografen, Illustratoren sowie Mode- und Schmuckdesignern präsentiert, die das Material auf spektakuläre Weise zum Einsatz bringen. Während etwa Kristina Wilson eine blonde Mähne zum Reifrock umfunktionierte, präsentiert Levi van Velun weibliche Gesichter, die scheinbar von Haar überwuchert sind. Die surrealistisch angehauchten Objekte von Fiene Scharp erinnern wiederum ein wenig an Robert Gobers wächserne Mädchensandale aus dessen Sohle fieses Männerhaar sprießt: Bei der Berliner Künstlerin scheinen die Haare allerdings aus Butter oder einer Zitrone zu wachsen.

Während Julian Wolkenstein schicke Zöpfchen- und Lockenfrisuren für Pferde kreierte, schuf Anna Schwamborn Memorial-Objekte aus den Haaren Verstorbener. Eher ironisch gingen Olga Bielawska und Astrid Schildkopf alias Miss Geschick und Lady Lapsus vor, als sie ganz im Sinne von Charlotte Roche T-Shirts mit aufgedruckter wuchernder Achselbehaarung oder Slips mit Schamhaar-Muster anfertigten. Gezeigt werden überdies die wildesten Barthaar-Frisuren, Ketten aus falschen Wimpern, eine Brusthaar-Dauerwelle und vieles mehr.

"Horizontal Hairdo" und "Hair’em Scare’em"

Termin: bis 13. Oktober, "Horizontal Hairdo" – Jochem Hendricks in der Galerie Thomas Rehbein, Köln. Und im Oktober erscheint "Hair’em Scare’em", Verlag: Die Gestalten, 35 Euro
http://www.rehbein-galerie.de/

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