Leipziger Hochschulstreit - Interviews

Bruch mit Traditionen

An der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ist ein Streit über die Nachfolge von Neo Rauch ausgebrochen. art-Korrespondentin Susanne Altmann sprach mit Arno Rink, dem ehemaligen Rektor der Schule, und dem umstrittenden Rauch-Nachfolger Heribert C. Ottersbach über die Zukunft der Leipziger Hochschule und den Traditionsbruch zur Profilschärfung
Bruch mit Traditionen:Arno Rink und Heribert C. Ottersbach im Interview

Neo Rauch als Pappaufsteller, gesehen beim Rundgang der HGB im Februar 2009

art-Interview mit Arno Rink

Als ehemaliger Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst und langjähriger Malereiprofessor dürften Sie die Auseinandersetzungen um die Neo Rauch-Nachfolge nicht ganz kalt lassen. Empfinden Sie die kritischen Entwicklungen an der Schule als traumatisch?

Arno Rink: Ich bin sehr glücklich, dass ich mich schon sehr weit von der Problematik entfernt habe. Diese Entwicklungen sind überhaupt nicht traumatisch, das geht doch schon seit 15 Jahren so, man musste nur die Zeichen sehen und zusammenzählen. Der jetzige Rektor Joachim Brohm wollte immer eine Medienhochschule und hat darauf hingearbeitet. Das fing allmählich an, mit der Besetzung einer unbefristeten Malereiprofessur durch Ingo Meller, die jetzt entfristet wurde. Und jetzt kommt Heribert C. Ottersbach dazu.

Das sind doch aber Entscheidungen, die ein Rektor nicht im Alleingang fällen kann, normalerweise.

Rink: Ich weiß doch genau, wie man es macht, damit die Entscheidungen einen demokratischen Anstrich haben, während im Hintergrund Dinge ablaufen, die nicht ganz so demokratisch sind. Ich musste es ja als Rektor oft selber so machen. Aber wie jetzt mit dem Demokratieverständnis umgegangen wird und dass Studenten ausgegrenzt werden, macht mir ernsthaft Sorgen.

Nicht nur diese Tendenzen werden seit Monaten heftig kritisiert, sondern auch der Umstand, dass die HGB gegenwärtig ihr angestammtes Profil als deutschlandweit der Ort für fundiertes akademisches Handwerk einbüsst.

Rink: Weil ich als Rektor über die Wende hinweg im Amt bleiben durfte, hatte ich noch Machtstrukturen zur Verfügung, die es mir erlaubten, Traditionen zu bewahren. Ich glaube, ohne mich wäre es schon eher den Bach runtergegangen. So haben wir aber in der Malerei noch einige gute Jahre gehabt. Während dieser Zeit sind Studenten wie Tim Eitel oder Christoph Rückhäberle extra nach Leipzig gekommen. Sie fanden hier Bedingungen wie etwa ein hartes Grundstudium oder einen harten Zeichenunterricht vor. Heute nehmen Professoren auch zunehmend ihre Residenzpflicht nicht mehr wahr. Dabei kann man die Lehre doch nicht mit links machen. Auf diese Verantwortung habe ich immer großen Wert gelegt, uns waren die Studenten nicht egal. Der Erfolg der jungen Leipziger Malerei hat die Absicht, die HGB in eine Medienhochschule zu verwandeln, nur unterbrochen.

Sind die Resultate dieser Bemühungen mittlerweile messbar?

Rink: Als ich die Schule verließ, hatte ich noch acht Ateliers für meine Studenten; ein Jahr später hatte Rauch nur noch drei. Das sind Kleinigkeiten, die sich summieren.
Dazu kommt, dass, wenn ich heute den Fachbereich Malerei betrachte, dann stelle ich mit Erschrecken fest, dass drei von vier Professoren aus Köln kommen. Man könnte fragen, wie das passiert ist. Ich weiß es aber schon: gegen die aktuellen Westseilschaften waren die Ostseilschaften der reinste Kindergarten.

Wenn sich diese Tendenzen, die Leipziger Tradition abzuwickeln, bereits schon so lange abgezeichnet haben, dann hätten jene heute so unzufriedenen Lehrkräfte, bereits eher die Notbremse ziehen müssen und mehr Mitspracherecht einfordern. Ein abgeschlossenes, rechtlich einwandfrei scheinendes Verfahren wie die Berufung von Heribert C. Otterbach als Rauch-Nachfolger im Nachhinein zu attackieren oder andere, in den Jahren von Brohms Amtszeit erfolgte Besetzungen in Frage zu stellen, wirkt wie ein spätes Erwachen aus der Lethargie.

Rink: Wenn man etwas liebt, muss man kämpfen. Ich habe zu Neo Rauch gesagt, Du hast die Macht anderen überlassen und jetzt regst Du Dich auf. Schon damit, wie diese Berufungskommission besetzt war, konnte man doch nicht ernsthaft einen passenden Rauch-Nachfolger erwarten.

Inwieweit ist das Ausmaß dieses Aufruhrs mit dem Nimbus der Figur Neo Rauch verknüpft? Er hat seine Position unter enormem Medienecho und mit einem großen Erwartungsdruck angetreten, dem er dann selbst nicht standhalten konnte und wollte. Vonseiten der Studenten war damals keinerlei Reaktion auf die Enttäuschung durch eine übermächtige Vaterfigur zu vernehmen. Alle Kritik konzentriert sich auf die Nachfolgeprozedur.

Rink: Als ich die Fachklasse geleitet habe, haben mich die Studenten nicht für meine Malerei verehrt, die meisten wussten noch nicht mal, was ich mache. Für die waren Marlene Dumas oder Julian Schnabel die Vorbilder – ich war es nicht. Auch wenn das manchmal weh tat, hatte es Vorteile. Rauch dagegen ist eine Form des Erfolgs, an der man sich orientiert. Wenn man schon beim Aufspannen der Leinwand an den Kunstmarkt denkt, ist man verkehrt. Damals dachte kein Mensch an den Markt, das war ein hervorragender Ausgangspunkt.

Wie wird es weitergehen mit der Leipziger Malerei?

Rink: Wir haben doch an der HGB für die Malerei insgesamt ungefähr vierzig gute Jahre gehabt und wenn das jetzt vorbei ist, finde ich das nicht so tragisch. Wie überall, gibt es Anfang, Höhepunkt und Ende und ich denke, dass nun Erscheinungen eines Niedergangs auftreten. In der Landwirtschaft lässt man ja auch Flächen brachliegen, damit sie sich erholen

art-Interview mit Heribert C. Ottersbach

Herr Ottersbach, was verbindet Sie mit dem Standort Leipzig?

Heribert C. Ottersbach: Mein erster Kontakt mit der HGB war im Jahr 1994, als ich dort, auf Einladung der Kuratorin Christine Rink, eine Einzelausstellung hatte. 2001 nahm ich dann im Rahmen der Reihe "tableauid" einen Gastlehrauftrag wahr und lernte dort auch Leute wie Matthias Weischer oder David Schnell kennen, die damals noch Studenten waren. Wir hatten gute Gespräche, es war eine gute Zeit.

Jetzt stehen Sie als neu berufener Malereiprofessor mitten in Strukturkonflikten an der Leipziger Kunsthochschule, die sich aus der umstrittenen Prozedur um die Nachfolge von Neo Rauch entwickelt haben. Sie haben sich jedoch für das Amt nicht beworben, sondern sind eingeladen worden. Eine schwierige Situation!

Ottersbach: Als es anfangs um die Neubesetzung ging, habe ich mich bewusst nicht beworben, weil ich dachte, dass die Leipziger das aus den eigenen Reihen besetzen. Übrigens hätte sich Neo Rauch ja auch bis zu sechs Jahren beurlauben lassen können und selbst eine Vertretung bestimmen. Wie auch immer, die Bewerberlage war wohl wenig begeisternd und darum bekam ich, nachdem mich ein Mitglied der Kommission kurz vorher schon angesprochen hatte, direkt, dann aber vom Vorsitzenden der Berufungskommission, Ingo Meller, ein Anschreiben, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe zehn Tage überlegt und bin zu dem Schluss gekommen, dass dies eine reizvolle Herausforderung sein könnte, zumal ich die Leipziger Schule ja schon lange mit Interesse und kritischer Distanz zugleich verfolgt hatte und weil in dem Schreiben der Hochschule an mich explizit erwähnt war, dass es bei der Professur um "gegenstandsbezogene Malerei mit zeitgenössischem Bezug" gehen sollte.

Das traf Ihre künstlerische Ausrichtung perfekt. Sie wurden dann Ende April mit zwei Kollegen, einer davon der von Rauch vorgeschlagene Belgier Michael Borremans, zu einer Probevorlesung nach Leipzig eingeladen. Im Rückblick begannen die Probleme genau an dieser Stelle, denn anders als sonst üblich, wurden die Hochschulangehörigen von dieser Veranstaltung ausgeschlossen. Heute wird diese Entscheidung als Hauptindiz für das undemokratische Vorgehen bei der Besetzung ins Feld geführt. Dies sei jedoch nötig gewesen, so die Berufungskommission, weil das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" kurz zuvor Borremans als sehr wahrscheinlichen Rauch-Nachfolger vorgestellt hatte. Mit der nichtöffentlichen Vorlesung aller drei Kandidaten sollten diese und das Verfahren geschützt werden. Wie ging es weiter?

Ottersbach: Ich habe wochenlang nichts aus Leipzig gehört, dann bekam ich im Juni die Nachricht, dass ich die Professur habe. Ende Juli erreichte mich ein nicht unterschriebener Brief (Absender: Die Fachklasse Rauch) von Studenten, in dem sie mich über ihre Besorgnis angesichts des Verfahrens informierten, angefügt war ein Protestschreiben an den Rektor, unterschrieben von aktuellen wie auch ehemaligen, auch bereits diplomierten Studenten. Darüber habe ich mich gewundert, habe mich dazu aber nicht verhalten, da aus dem Schreiben an mich kein Absender oder Ansprechpartner hervorging. Nach der öffentlichen Bekanntgabe meiner Berufung ging dann der Sturm los. Das hatte weder Stil noch Klasse!

Über Ihr freundschaftliches Verhältnis zu Rektor Joachim Brohm ist im Pulverdampf der Rauch-Nachfolgedebatte viel räsoniert worden, Anfang September eröffnete in Düsseldorf eine Gemeinschaftsausstellung von Ihnen beiden. Wie reagieren Sie auf den Vorwurf der Vetternwirtschaft?

Ottersbach: Die von Ihnen erwähnte Ausstellung steht seit zwei Jahren fest, da war von Leipzig noch gar keine Rede. Nun ist es eine zufällige Koinzidenz der Ereignisse. So what!?
Ansonsten habe ich das Gefühl: Wenn keine sachlichen Argumente mehr helfen, müssen Polemiken her. Wir – Brohm und ich – sehen uns eher selten. Wir leben in verschiedenen Städten, doch wir schätzen einander und sind in freundschaftlicher Kollegialität verbunden. Das finden Sie an allen Hochschulen, zumal die Welt im Kunstbetrieb ohnehin ab einem bestimmten Punkt recht klein wird. Ein Kandidat für diese Stelle fällt ja nicht vom Himmel. Der Vorwurf der Günstlingswirtschaft gegenüber Brohm basiert auf unbewiesenen Unterstellungen, Vermutungen und Anschuldigungen, die bis heute jeder faktischen Grundlage entbehren. Fragen Sie hierzu doch einfach die Mitglieder der Berufungskommission, die externen Gutachter und all die anderen beteiligten Gremien und Personen, die durch diese Vorgänge desavouiert wurden. Brohm hatte in der Berufungskommission weder Stimme noch Vorschlagsrecht.

Wie wollen Sie den Studenten der Fachklasse im Oktober gegenüber treten? Haben Sie über einen Rückzug nachgedacht?

Ottersbach: Mittlerweile, nach ersten Treffen und Gesprächen, bin ich zuversichtlich. Ich muss den Studenten in dieser Situation beistehen, aber ich kann niemanden verpflichten. An keiner deutschen Hochschule gibt es die Möglichkeit, dass Studenten mit ihrem ehemaligen Professor die Nachfolge bestimmen. Damit würden die Mitglieder einer Berufungskommission ja zu Statisten degradiert. Über die Möglichkeit einer Absage habe ich natürlich nachgedacht, aber es wäre ein unlauterer Schritt gegenüber den Leuten, die mich haben wollten und sich teilweise enorm engagiert haben. Wenn ich jetzt den Schwanz einziehe, würde ich mir schäbig vorkommen gegenüber all denen – Kollegen wie Studenten. Ich werde mich behutsam darauf einlassen und selbstverständlich einen anderen Unterricht machen, als mein Vorgänger: Wir sind einfach verschiedene Charaktere.

Wie genau soll Ihr erster Auftritt aussehen?

Ottersbach: Ich habe mir vorgenommen, bei unserem ersten Treffen mit der Klasse jenen Vortrag zu halten, den sie damals nicht gehört haben und ich werde sie auffordern, von ihren Erwartungen und Irritationen zu sprechen. Als Lehrer möchte ich eine Brücke legen in das Leben, das sie nach der Ausbildung erwartet. Dieses Leben, nämlich der Kunstbetrieb, ist extrem darwinistisch. Heute verstehen sie sich im Schutzraum der Hochschule noch als eine Gruppe, doch wenn dieser einmal wegfällt, werden sie sich gegenseitig kannibalisieren. Das ist die Realität, die sie erwartet.

Was möchten Sie Studenten, die an Figuration interessiert sind, generell vermitteln? Im Vorfeld ist ja auch einiges an Misstrauen gegenüber Ihrer persönlichen künstlerischen Strategie der reproduktiven Malerei laut geworden. Was sind Ihre Stärken, die Sie im Leipziger Kontext ausspielen wollen?

Ottersbach: Ich glaube, ein technisch absolut versierter Maler malt, was er will und nicht, was er kann. Jemand der nicht viel kann, kann auch nicht viel wollen. Soll heißen: Solides Handwerk ist absolute Grundlage. Ich vertrete nicht die Haltung figurativ kontra abstrakt. Ich selbst bin ein durch und durch gegenstandsbezogen arbeitender Maler. In unzähligen Ausstellungen, Rezensionen und Publikationen wurde dies auch nie anders wahrgenommen. Ich sehe mich, nur weil ich offen bin für ästhetische Resultate der konkurrierenden Medien, nicht als Vertreter einer "Reproduktiven Malerei". Wo kommt dieser Begriff eigentlich her?

Ich bin aber der Meinung, dass sich gegenständliche Malerei auch durch Resultate der nichtfigürlichen Kunst aufladen kann. Um den malerischen Raum zu gestalten, können Studenten von der Abstraktion sehr viel lernen. Dann interessiert mich die Frage, was die Einzigartigkeit der Figuration im Verhältnis zum bewegten Bild ausmacht. Ich glaube, diese Art Malerei ist fähig, in der Konkurrenz zu anderen Medien etwas extrem Zeitgenössisches zu generieren. Insofern bin ich ein absoluter Anhänger der figürlichen Malerei und blicke auch immer auf ihre Geschichte, auf Caravaggio, Dürer, die Camera Obscura, Camera Lucida, Linsen, Storchenschnäbel etc.. Welche besonders auch technischen Hilfsmittel haben die Malerei vorangebracht und tun dies bis heute?

Werden Sie nach Leipzig ziehen? Wie gehen Sie mit der Präsenzproblematik um, der Notwendigkeit, für die Studenten da zu sein? Hinter Neo Rauchs Rückzug stand ja dessen Problem, der eigenen künstlerischen Produktion nicht mehr gerecht werden zu können.

Ottersbach: Noch lebe ich in Köln, ich werde mir ein Zimmer nehmen und das Ganze auf mich zukommen lassen. Ich glaube es kommt auf die Flexibilität eines Menschen an, wie man mit der Präsenz umgeht. Wenn ich aber die Klasse immer weiter vergrößere – wie zuletzt mit etwa vierzig Studenten, glaube ich –, dann wird das natürlich schwierig. Eine solche Riesenklasse, wie sie unter Rauch entstanden ist, zeitigt Überforderung für alle Beteiligten. Wahrscheinlich reduziert die neue Situation die Klasse automatisch. Ich habe jedenfalls kein Interesse, meine künstlerische Arbeit zu reduzieren und ich hoffe, dass das alles klappt.

Wie bei anderen Kunstprofessoren auch! Haben Sie, wie viele Ihrer künftigen Leipziger Kollegen, auch das Gefühl, die Hochschule befände sich mitten in einer Profilkrise?

Ottersbach: Von außen betrachtet war das Haus in den letzten Jahren die Geburtsstätte einer neuen Form der figürlichen, narrativen Malerei. Es hat aber auch wichtige und hochinteressante Absolventen aus anderen Fachklassen hervorgebracht. Es gibt eben eine Leipziger Schule und gleichzeitig die Leipziger Hochschule. Die Hochschule kann nicht der Hort der Tradition sein. An einer Hochschule müssen Traditionen in Frage gestellt werden, wenn nötig gebrochen werden, um neue Traditionen zu ermöglichen. Traditionsbruch ist Teil der Tradition. Dadurch gewinnt eine Hochschule auch an Profil. Die Kanonisierung des künstlerischen Werks von wem auch immer, müssen andere Institutionen leisten.