Moctezuma - London

Mal Krieger, mal Zwerg

Nur eines lässt sich mit Sicherheit über den Aztekenherrscher Moctezuma sagen: Er regierte über ein Reich, in dem sich eine hohe Kultur entfaltete. Darüber hinaus ist seine Person von Legenden umrankt.
Mal Krieger, mal Zwerg:Aufstieg und Fall des Aztekenherrschers

Aztekische Mosaikmaske aus Türkisen, 1400 – 1521, Mexiko

Das Reich der Azteken befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, als es fiel, und das ist äußerst ungewöhnlich", sagt Neil MacGregor. Wie und warum es "implodierte", möchte der Direktor des British Museum in der Schau seines Instituts zeigen.

Im Mittelpunkt steht Moctezuma II., der letzte gewählte Herrscher der Azteken, deren Inselhauptstadt Tenochtitlán zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit etwa 250 000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt war. Sein Reich, das er durch erfolgrei­che Feldzüge ständig ausdehnte, erstreckte sich vom Golf von Mexiko bis zum Pazifik und entwickelte eine hoch stehende Kultur, deren Meisterwerke die Schau präsentiert: Goldschmuck, Waffen, "Enconchados" (mit Perlmutt besetzte Gemälde auf Holz), Plastiken wie das Steinmonument "Teocalli des heiligen Kriegs" (1507) und Mosaikmasken, die aztekische Gottheiten wie den Schöpfungsgott Tezcatlipoca (Rauchender Spiegel) darstellen (Katalog: 40/25 Pfund).

Als Hernán Cortés 1519 im Reich der Azteken landete, empfing ihn Moctezuma mit offenen Armen und kostbaren Geschenken. Es ist möglich, so die Schau, dass er den spanischen Konquistador für den Gott Quetzalcoatl hielt, dessen bevorstehende Ankunft in Legenden vorausgesagt war. Die Schau beginnt mit einer idealisierten Darstellung des Herrschers als Krieger, mit Kopfschmuck und Schild, von Antonio Rodriguez vom Ende des 17. Jahrhunderts. Sie zeigt ihn, wie die spanischen Kolonialisten ihn darstellen wollten: als aufrechten, tapferen Krieger, der sich aus freien Stücken den Eroberern aus dem Westen unterwirft – eine Version, die die Schau in Zweifel zieht.

Kurator Colin McEwan glaubt, mit seiner Neuinterpretation "in ein Wespennest gestochen" zu haben. "Ja, Moctezuma übergab die Macht an die Spanier, aber sicher nicht freiwillig." Zeitgenössische Manuskripte aus Sammlungen in Mexiko und Glasgow zeigen ihn als winzige Figur in Ketten und mit einem Strick um den Hals. Auch dass er während der Niederschlagung einer Rebellion vom eigenen Volk gesteinigt wurde, entpuppt sich als spanische Propaganda. Andere Quellen sprechen davon, dass er von den Erobe-rern ermordet wurde, als er nicht mehr gebraucht wurde. So entspricht auch die mexikanische Lesart nicht der Wahrheit: Er war alles andere als der feige Verräter, dem bis heute die Errichtung eines Denkmals verweigert wird. "Unsere Schau wird viele Fragen aufwerfen“, sagt McEwan, „doch ich kann nicht versprechen, dass wir alle beantworten können."

"Moctezuma"

Termin: 24. September bis 24. Januar 2010, The British Museum, London
http://www.britishmuseum.org