Canell, Mayer, Robohm - Kunstverein Hamburg

Raum und Atmosphäre

Es geht um Interaktion und die Wiederentdeckung alter Schätze: Im Hamburger Kunstverein eröffneten drei neue Ausstellungen. Nina Canell zeigt "Five Kinds of Water", eine Gruppe von schwer greifbaren Installationen. Zwei Videoarbeiten von Ursula Mayer komplettieren unter dem Titel "Ellipse in Time" die Ausstellung im Obergeschoss. Im "Lebendigen Archiv" sind Arbeiten der Grafikerin Ali Maria Robohm ausgestellt.

Betrachtet man Nina Canells Arbeiten muss klar sein: Wasser in einer Flasche nimmt die Form der Flasche an. So einfach kann man beschreiben, was im Text des Hamburger Kunstvereins "transistorisch" heißt.

Hat man das im Hinterkopf, findet man deutlich leichter Zugang zur neuen Ausstellung im Erdgeschoss des Kunstvereins. Die Schwedische Künstlerin Nina Canell zeigt ihre sehr abstrakten Installationen unter dem Titel "Five Kinds of Water" (Fünf Arten Wasser) und lässt damit viel Raum für Spekulationen über deren Bedeutung. Der Bezug der Arbeit "Perpetuum Mobile" zum Ausstellungstitel ist noch einfach nachzuvollziehen. Hier kriecht Nebel aus einem Stahleimer. Mehrere Säcke Betonestrich werden davon direkt beeinflusst: Durch die permanente Feuchtigkeit verwandelt sich das Pulver im Laufe der Zeit zu festem Stein. "Ich mache keine starren, eigenständigen Statuen, die eine schöne Form haben", sagt die 30-Jährige. Ihr kommt es auf Prozesse an, die ihre Arbeiten durchlaufen.

Darum hatte sie auch Bedenken, was den Ausstellungsraum im Hamburger Kunstverein angeht: "Ich mag es eigentlich lieber, wenn Einflüsse von außen in den Raum kommen. Tageslicht oder Luft durch ein Fenster." Sie findet den hohen weißen Raum etwas "non-atmospheric", also ohne eigene Faktoren, die mit ihren Arbeiten interagieren könnten. Canell verbindet eben gerne: Unbelebtes mit Lebendigem, Natur mit Technik und Starres mit Fließendem. So wirkt sogar die Kombination von Neonröhren und Kabeln, die aus Betonbrocken hervorstehen, erstaunlich organisch. Leuchtstäbe, die von der Künstlerin erhitzt und in eine Form gebracht werden, schmiegen sich an völlig unverwandtes Material. Daran und vielleicht auch an dem Flackern des Neonlichts liegt es, dass "Nerve Variation" wirkt, wie zuckende Kriechtiere zwischen Baumwurzeln.

Düstere Atmosphäre

Auch im oberen Stockwerk des Kunstvereins geht es um Zusammenspiel und Ergänzung. Das additive Ausstellungskonzept wird durch die dritte und letzte Komponente "Video" abgeschlossen. Ursula Mayer zeigt zwei unglaublich langsame, ästhetische und atmosphärische Filme. Die Akustik ist durch Karla Blacks riesige rosafarbene Fläche aus Gipspulver gedämpft. Blacks Skulptur aus Packpapier, das wie eine Trennwand von der Decke hängt, teilt den Raum. Alle Fenster und Glastüren sind mit Vorhängen abgedeckt. So entsteht ein neuer, düsterer Ort, der komplett von Ursula Mayers Videoarbeit "Interiors" eingenommen wird. Die Besucher finden sich so in einem Haus wieder, das zugleich Gegenstand und Drehort des Filmes ist. Zwei Frauen – vielleicht ein und dieselbe Person, vielleicht zwei Fremde – gehen mit leerem Blick durch die Räume des Architekten Ernö Goldfinger. Sie begegnen sich nie, sind zu immer unterschiedlichen Zeitpunkten an denselben Orten und betrachten oder befühlen dieselben Skulpturen. Die an David Lynch erinnernde Spannung, die sich durch das Nicht-Aufeinander treffen und den andauernden bedrohlichen Ton im Hintergrund aufbaut, löst sich nicht auf. Beide 16 Millimeter-Stummfilme werden ratternd von einem alten Projektor an die Wand geworfen. "Mir kommt es auf die Auseinandersetzung mit dem Medium Film an", kommentiert die Regisseurin.

Ursprünglich "standen drei Künstler zur Debatte", sagt Florian Waldvogel über seine Entscheidung, die Filme der Wiener Künstlerin mit Kostis Velonis bühnenbildartigen Konstruktionen und Karla Blacks Arbeiten kombinieren. "Es war aber sehr schnell klar, dass es Ursula Mayer wird." Ihre Arbeiten seien offen und würden sich gut in das Gesamtbild der oberen Etage einfügen. Tatsächlich entsteht durch die jetzige Kombination eine besondere Spannung im Raum, die Atmosphäre ist einzigartig. Ob man, wie Florian Waldvogel sagt, die bereits vorhandenen Arbeiten durch die Filme wirklich besser versteht, sei dahingestellt.

Zeichnungen mit einer Schicht Patina

Die neue Ausstellung im "Lebendigen Archiv" des Kunstvereins ist weniger abstrakt als Ursula Mayers Videos und somit viel weniger abstrakt, als Nina Canells Installationen. Auch wenn Ali Maria Robohms handgezeichneten Grafiken aus den dreißiger bis sechziger Jahren thematisch nicht so gut zu den anderen Ausstellungen passen, sind sie doch interessant anzusehen. "Als wir hier angefangen haben, haben wir das ganze Lager aufgeräumt", erklärt Florian Waldvogel die Wiederentdeckung. "Dabei haben wir ihre Zeichnungen gefunden. Wenn man sich das mal anschaut: Sie sind echt fantastisch." Obwohl sie durch die vielen Jahre im Keller eine Schicht Patina angesetzt haben, ist das Blau, Rot und Gelb der Plakatentwürfe noch intensiv. Man kann nachvollziehen, wie die Arbeit eines Illustrators vor Erfindung von Grafikprogrammen ausgesehen hat und sieht die Grundlage heutiger Arbeitsweisen. Die Hamburgerin Ali Maria Robohm (1908 bis 1993) arbeitete als Rentnerin übrigens noch an der Kasse des Kunstvereines.

"Nina Canell & Ursula Mayer & Ali Maria Robohm"

Termin: bis 22. November 2009, Kunstverein Hamburg
http://kunstverein.de/