Galerienszene - New York

Zarte Linien, zerkratzte Autoteile und eine gigantische Welle

Die Sommerpause ist vorbei, und voller Begeisterung stürzen sich die New Yorker in die neue Kunstsaison. Beim Rundgang durch die Galerienszene hat art-Korrespondentin Claudia Bodin viele kraftvolle, aufregende und eigenwillige Arbeiten entdeckt.
"Vorsichtig optimistisch":Gelungener Start in die neue Kunstsaison

Die neue Arbeit von Takashi Murakami "Picture of Fate: I am but a fisherman who angles in the darkness of his mind", 2009 – bei der Galerie Gagosian

So mancher gab zur Eröffnung der neuen Kunstsaison wirklich alles. Vor der Galerie von Jim Kempner an der 10th Avenue begrüßten eine fröstelnde Bikini-Blondine und ein junger Mann in roter Badehose die Gäste. Eine junge Frau hatte ihren nahezu nackten Körper bemalt und schritt als zweibeiniges Kunstwerk die Vernissagen ab, um vor Installationen zu posieren. Immerhin trug sie bei den eher kühlen Temperaturen eine Wollmütze.

Im Highline-Park wurden zum Kunst-Video kostenlose Art-Tacos an hungrige Besucher verteilt. Wie im Vorjahr schoben sich die Menschenmassen durch die Straßen von Chelsea. Natürlich wurde zum Auftakt nach der langen Sommerpause einiges geboten. Doch "der große Knaller", wie ein alter Kunstkritiker meinte, sollte irgendwie ausbleiben. Energie sei zwar in der Luft, die Atmosphäre "vorsichtig optimistisch", urteilte das New Yorker Branchen-Sprachrohr Josh Baer. "Aber die Summe der Deals wird auch weiterhin niedriger bleiben. Jede Arbeit, die zum Verkauf steht, wird nicht gleich vom Markt aufgesogen."

"Regrand Opening" warb die erst 2003 eröffnete Galerie Ziehersmith mit einem gelben Plakat wie beim Schlussverkauf und legte in neuen, größeren Räumlichkeiten auf der 20th Street mit einer Gruppenschau und Dosenbier los. Leslie Tonkonow zeigt die anrührenden letzten Arbeiten der 2008 im Alter von 33 Jahren verstorbenen Foto-Künstlerin Tracey Baran, deren Fotografien an Nan Goldin erinnern. Bei Zach Feuer, der ein gutes Gespür für talentierte Nachwuchs-Künstlerinnen hat, traf die Wahl dieses Mal auf die 32-jährige, aus Moskau stammende Dasha Shishkin. Für ihre goldgelb unterlegten Farborgien wählte die Künstlerin geistreiche Titel wie "Wenn wenig mehr ist, ist nichts alles" ("If less is more, nothing is everything", 2001) oder "Engel fliegen, weil sie es leicht mit sich selbst nehmen".

Die Britin Rebecca Warren zeigt bei Matthew Marks weiblich pralle Tonskulpturen und Abwandlungen von Richard-Serra-Arbeiten. Mary Boone feiert ihren Direktoren Ron Warren, seit 25 Jahren an Bord, mit Arbeiten von 30 Künstlern, von denen manche wie Eric Fischl und Will Cotton als Jubiläums-Ständchen Porträts des Kunsthändlers geliefert hatten. David Zwirner überrascht mit zarten Bleistiftzeichnungen von Chris Ofili, der in der Vergangenheit gern mit großflächigen, kraftvollen Gemälden für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

Glitzernde Show-Bude mit silbernen Strohballen

Sein deutscher Kollege Friedrich Petzel zeigt in beiden Galerien eine Mini-Retrospektive des US-Künstlers Troy Brauntuch, ein Mitglied der Künstlergruppe der Pictures-Generation. Der deutsche Künstler Magnus Plessen (Gladstone Gallery ) fällt mit seinen eigenwilligen Kompositionen angenehm auf. In der 303 Gallery lässt der Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann Arrangements aus Rundbürsten, Plastikpuppen und der Freiheitsstatue zum Schattenspiel umherkreisen und gewährt mit dem in Originalgröße abfotografierten Bücherregal aus seinem Düsseldorfer zuhause einen unterhaltsamen Einblick in sein – den Buchtiteln nach zu urteilen – recht normales Leben. Die Sikkema Jenkins Gallery führt mit der für ihre Scherenschnitte bekannten Kara Walker und Mark Bradford ein interessantes Künstler-Duo zusammen, deren gemeinsame Ausstellung von Walkers wiederkehrenden Themen wie sexuelle Übergriffe und Demütigung an Schwarzen, dominiert wird. Zur Eröffnung trug die Künstlerin ein schwarzes Organzakleid, in dem sie aus der Ferne wie eine der Figuren aus ihren Schattenspielen auszusah.

Große Installationen stehen dies Jahr hoch im Kurs: Der aus Mexiko stammende und in Berlin lebende Künstler Damián Ortega, der früher als politischer Karikaturist arbeitete, stellt seine aus Ziegelsteinen geschlagenen Bauschutt-Skulpturen aus. Bei Pace Wildenstein errichtete Maya Lin eine gigantische Welle aus mehr als 50 000 Holzklötzen. Die Schönheit der Natur würde ein Gefühl der Demut in ihr erwecken, so die Amerikanerin. Bei aller Schönheit der Installation fragte man sich allerdings, warum sie die Natur nicht einfach walten lässt, anstatt mit ihr zu konkurrieren. Beliebt bei den Kunsttouristen sind die hell erleuchteten, kitschigen Köpfe des spanischen Bildhauers Jaume Plensa in der Galerie Lelong. Eine Art Zen-Garten in Großformat.

Anselm Reyle: "New King of Kitsch"

Wie zu erwarten drängelten sich die Besucher in die Galerie Lehman Maupin, um sich Jürgen Tellers neueste Bilder anzusehen, auf denen die von Teller so geliebte Charlotte Rampling und Model Raquel Zimmermann nackt im Pariser Louvre herumstehen. Da sind die zerbeulten, zerkratzten Autoteile von Unfallwagen, die der Däne Nicolai Howalt bei Bruce Silverstein zeigt, spannender. Die Schwarzweiß-Bilder von Filmstar, Regisseur und Künstler Dennis Hopper in der Galerie seines alten Freundes Tony Shafrazi lassen sentimentale Gefühle aufkommen. Neben Reportagefotos aus den sechziger Jahren zeigt der inzwischen 73-jährige Hopper vor allem Aufnahmen seiner berühmten Künstlerfreunde wie Ed Ruscha, Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Jasper Johns. "Die jungen künftigen Pop-Legenden wurden niemals besser portätiert", befand der sonst so überkritische New Yorker Kritiker Charlie Finch.

Wer Glamour wollte, musste die Gagosian Gallery besuchen, wo der deutsche Künstler Anselm Reyle, der "New King of Kitsch" so "Art Review", seine erste New Yorker Solo-Ausstellung hat, seit der von Gavin Brown überwechselte. Reyle verwandelte die Galerie-Räume in eine glitzernde Show-Bude mit silbernen Strohballen. Schillernde Folien füllen Bilderahmen. Auf der Leinwand vereinte Fundstücke wurden von dem 1970 geborenen, in Berlin lebenden Künstler ebenso mit reflektierenden Popfarben überzogen wie Skulpturen. Und mitten in seiner abstrakten Disco-Welt stand ein gut aufgelegter Künstler im lilafarbenen Oberhemd. In einem der Galerieräume auf der 24th Street stellte der in letzter Zeit über Geldsorgen klagende Gagosian-Star Takashi Murakami eine neue, wandfüllende Arbeit aus. Kunststudenten und Murakami-Fans versammelten sich wie die Jünger vor dem Gemälde.

Am Morgen nach der ersten Auftaktrunde der Eröffnungsshows fand in aller Stille die Einweihung eines Ausstellungsparks an der Canal Street in Downtown Manhattan statt. Auf dem Grundstück sollten eigentlich teure Eigentumswohnungen entstehen. Aber auf Grund der wirtschaftlichen Schieflage verschob der Bauherr das Projekt bis auf weiteres und stellte "LentSpace" für drei Jahre etablierten und jungen Künstlern für öffentliche Projekte zur Verfügung. Harte Zeiten können eben manchmal auch gut für die Kunst sein.

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