Fondazione Palazzo Strozzi - Florenz

Inszenierte Scheinwelten

Was ist in unserer massenmedialen Welt eigentlich noch real? Dieser Frage gehen Künstler wie Aernout Mik, Cindy Sherman und Thomas Demand in einer großangelegten Schau im Florenzer Palazzo Strozzi nach.

Niemand fuhr bisher der zeitgenössischen Kunst wegen nach Florenz. In der zum Museum erstarrten Renaissancestadt dreht sich alles um die Vermarktung der Vergangenheit. Doch fast unbemerkt hat sich die Gegenwartskunst mitten im Zentrum der Stadt ein Terrain erobert. Seit 2007 versucht die "Fondazione Palazzo Strozzi", finanziell bestens ausgestattet, Leben in den mächtigen Stadtpalast zu bringen. Die großen Tore stehen nach drei Seiten offen, im Innenhof gibt es ein Café, und eine steile Treppe führt in das Untergeschoss, wo in zwölf Sälen der aktuelle Stand der Kunst vorgeführt wird.

Generaldirektor der "Stiftung Palazzo Strozzi" ist James Bradburne, früherer Leiter des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst. Auch in Frankfurt hatte der ehemalige Mitarbeiter des Amsterdamer Multimediainstituts "newMetropolis" versucht, Innovationen in eine traditionelle Institution zu schleusen. Er gab damals den Anstoß für das Projekt "Digital Craft", in dessen Rahmen Artefakte aus der Datenwelt auf ihre Museumstauglichkeit geprüft wurden. Leiterin des Projekts war die deutsch-italienische Kunsthistorikerin Franziska Nori. Heute existiert nur noch die Website www.digitalcraft.org. James Bradburne hat Franziska Nori, 41, nach Florenz geholt und als Leiterin des neuen Zentrums für zeitgenössische Kultur "Strozzina" (Centro Cultura Contemporanea) engagiert. Mit thematischen Ausstellungen, ortsspezifischen Installationen im Innenhof und einem Preis für junge Talente hat Franziska Nori der zeitgenössischen Kunst in Florenz innerhalb kürzester Zeit einen festen Platz gesichert.

"Manipulierte Wirklichkeit. Wie Bilder die Welt neu definieren" ist der Titel einer soeben eröffneten Ausstellung, zu der die Kuratorin 23 internationale Foto-und Videokünstler eingeladen hat. Aber ist der Begriff "Wirklichkeit" überhaupt noch brauchbar? Wir sind in Florenz, und so ist die Erinnerung an Giorgio de Chirico unvermeidlich. Er betrachtete 1910 nach gerade überstandener Krankheit mit den Augen eines Rekonvaleszenten einen florentinischen Platz, erkannte in ihm zum ersten Mal die "zweite Realität" und malte das "Rätsel eines Herbstnachmittags". Das markierte den Beginn der Pittura Metafisica. Die Wirklichkeit war plötzlich fremd und löste sich später in der digitalen Bildmanipulation gänzlich auf.

Verlust der Objektivität in der Kriegsberichterstattung

Auch der amerikanische Fotokünstler Gregory Crewdson, 47, liebt das Zwielicht, wenn der Tag in die Nacht übergeht und das Vertraute plötzlich als Albtraum erscheint. Zwei seiner zwischen 1998 und 2002 unter Mithilfe einer Crew von 40 Leuten entstandenen, meisterlich ausgeleuchteten Fotoinszenierungen einer amerikanischen Kleinstadt sind in der Ausstellung zu sehen. Cindy Sherman, 55, die ihm auf dem Weg der Unterwanderung dokumentarischer "Wahrheit" vorausgegangen war, ist mit zwei ihrer "Maskeraden" als Dame auf der Höhe des sozialen Aufstiegs und am Beginn des körperlichen Verfalls präsent. Ein Teil der Ausstellung ist solch inszenierten Scheinwelten gewidmet: kombinierte Bilder real existierender Landschaften (Andreas Gursky), vorgetäuschte Wirklichkeit von aus Karton aufgebauten Innenräumen, die Bedeutung gewinnen, weil sie durch irgendein Ereignis im kollektiven Gedächtnis verankert sind (Thomas Demand), Aufnahmen von simulierten Naturkatastrophen (Sonja Brass), Fotos von in Flammen aufgehenden Wohnräumen, die Sarah Pickering, 37, in einem UK Fire Training College aufgenommenhat. Andreas Gefeller, 39, produziert mit aufwändigen technischen Verfahren Aufsichten von menschenleeren Wohn-und Arbeitsplätzen und simuliert damit wissenschaftliche Luftbildaufnahmen von Fundstellen urbaner Zivilisation.

Jeder Mensch hat aber auch den Wunsch nach einfacher, durchschaubarer Kundgabe von Wirklichkeit. Das ist die Grundlage des täglichen Lebens. Vor allem möchten wir, dass uns die Pressefotografie die Welt so zeigt, wie sie ist. Das scheint unmöglich zu sein. Der technologische Fortschritt ist so weit, dass man Manipulationen immer besser verstecken kann. In Erinnerung geblieben ist ein Fotograf, der nach dem Angriff israelischer Kampfflugzeuge die aus den Trümmern Beiruts aufsteigende Rauchwolke mit Adobe Photoshop verdunkelte, weil ihm das Bild der brennenden Stadt nicht dramatisch genug erschien. Vier Künstler in der Ausstellung beschäftigen sich mit dem Verlust der Objektivität in der Kriegsberichterstattung. 2003 wurde im Irakkrieg der Begriff "embedded journalist" geprägt. Die fotografische Berichterstattung unterlag der Zensur. Adam Broomberg, 39, und Oliver Chanarin, 38, folgten im Juni 2008 als "embedded journalists" den britischen Truppen nach Afghanistan. Jeden Tag setzten sie 20 Sekunden lang eine sechs Meter lange Filmrolle dem Licht aus. Das Ergebnis ist in der Ausstellung zu sehen: ein helles, von blassen Streifen überzogenes Band, das uns sagt: besser ein abstraktes Bild, als Informationen, auf die wir uns nicht verlassen können.

Aufwändig konstruierte Sets von Katastrophen

Getäuscht und hintergangen fühlt sich der Betrachter auch vor den Fotos von Paolo Ventura, 41, die Soldaten im Irakkrieg zeigen und die doch nur Puppen sind, die der Fotograf in seinem New Yorker Atelier meisterhaft und gemäß unserer Vorstellug vom Kampfgeschehen arrangiert hat. Der niederländische Videokünstler Aernout Mik, 37, der bisher aufwändig konstruierte Sets von Katastrophen mit Laiendarstellern inszenierte, hat diesmal sein Prinzip umgekehrt und zeigt Filmmaterial vom Balkankonflikt, das von den Presseagenturen als nicht ausreichend interessant aussortiert wurde. Hier ist zum ersten Mal in der Ausstellung die Wirklichkeit ganz nah. Man sieht Bauern auf den Feldern arbeiten, während die Soldaten vorbeiziehen, dicht gefolgt von den Presseleuten mit geschulterter Kamera.

Einen Großteil unserer Informationen nehmen wir indirekt, durch Medien wahr, nicht durch unsere eigene Erfahrung. Besser, man ist sich über die Mechanismen, nach denen das geschieht, im Klaren. Und dann kann man in dieses Getriebe auch ein wenig Sand streuen, wie die amerikanischen Künstler Robin Hewlett, 29, und Ben Kinsley, 27, die im Mai 2008 in Pittsburgh die Durchfahrt des Street-View-Vehikels von Google mit einem Straßenfest und viel Konfetti boykottierten.

"Realtà Manipolate. Manipulating Reality"

Termin: bis 17. Januar 2010, Centro di Cultura Contemporanea Strozzina, Palazzo Strozzi, Florenz; Katalog 20 Euro
http://www.strozzina.org/manipulatingreality/e_index.php

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