New York Minute - Rom

Grusel und Glamour

Street Punk, Wild Figuration, New Abstraction – das Städtische Museum für Zeitgenössische Kunst in Rom hat 60 junge Wilde der New Yorker Underground-Kunstszene eingeladen.

Für den traditionell linken Kulturbetrieb in Rom war es ein Schock, als sich vor einem Jahr Gianni Alemanno von der ehemals neofaschistischen Partei das Bürgermeisteramt eroberte und den rechtslastigen Umberto Croppi zum Kulturdezernenten machte. Aber allen Unkenrufen zum Trotz ist die Kunstszene aufgeblüht. "Im Ausland haben viele von der Ewigen Stadt nur eine Karikatur im Kopf", ärgert sich Croppi, "als ob hier immer noch wie bei den alten Römern die Centurionen herrschten."

Ein "Centurio" der römischen Legion hatte die Aufgabe, eine Hundertschaft anzuführen. Auch der römische Kulturdezernent will in großem Maßstab denken. Er lud 60 New Yorker Künstler in das Städtische Museum für Zeitgenössische Kunst (MACRO), das neben seinem Hauptsitz – der gerade durch einen Anbau der französischen Architektin Odile Decq erweitert wird – noch über eine Zweigstelle, das MACRO FUTURE in den Hallen des aufgegebenen Schlachthofs im Testaccio-Viertel verfügt. Ein kruder und passender Ort für die Schau der 60 New Yorker Downtown-Künstler. Kuratorin ist Kathy Grayson, eine junge amerikanische Kritikerin und eine der Direktoren der Jeffrey Deich Gallery. Unter dem Ausstellungstitel "New York Minute", hat sie die jungen Wilden der Underground-Kunstszene in drei Sparten geteilt: Street Punk, Wild Figuration, New Abstraction.

Chris Johanson hat das Logo der Ausstellung entworfen, eine Uhr mit 60 Zeigern, für jede Minute einen. Denn in New York geht eben alles viel schneller als in Rom. Damit auch hier ein wenig Schwung, Rebellion und Coolness in die Szene kommen, hat die Depart Foundation den geballten Auftritt der Amerikaner finanziert. Als treibende Kraft steht dahinter der junge Industrielle Pierpaolo Barzan. Glücklich wanderte er durch die Ausstellung. Sie ist sein erstes Projekt. 1997 gründete er vor den Toren Roms die Alta Scientific Spa, die technische Ausrüstungen für wissenschaftliche Labors in den Schulen herstellt.

Reinkarnationen der abstrakten Malerei

"Ich hatte in Italien nicht den geringsten Absatz", sagt er. "Ich fing an herumzureisen, und heute exportieren wir vor allem in die USA." In New York lernte er Kathy Grayson kennen. Sie sitzt heute mit im Wissenschaftlichen Rat der Stiftung Depart, deren Name ein Kürzel für "Discussion, Exhibition and Production of Art" ist. Kathy Grayson führte in schwarzen Leggins und hin und wieder ein Schlückchen aus ihrer Wasserflasche trinkend durch einen Dschungel voll Grusel und Glamour, Reinkarnationen der abstrakten Malerei (Cory Arcangel, Tauba Auerbach) und Op Art (Jim Drain, Ara Petersen), Leinwänden voller Lippenstift-Kussmünder (Dan Colen) und Polaroid-Aufnahmen des vor drei Monaten an einer Überdosis gestorbenen Dash Snow.

Die 27-jährige Aurel Schmidt zeichnet sorgfältig mit Buntstiften meist weibliche Figuren, die sich aus Maden oder Zigarettenkippen zusammensetzen. Der älteste Teilnehmer ist der 65-jährige Japaner Yuichi Yokoyama. Er lebt in Tokyo. "Er ist eine Art Manga-Underground-Künstler", sagt KathyGrayson. "Die New Yorker Underground-Kunstszene unterhält feste Beziehungen zu ihm." Kathy Grayson bezeichnet fast alle Künstler als "konzeptuell".

Was alle Künstler verbindet, ist die Performance als existentielle Haltung, die vom täglichen Leben nicht mehr zu unterscheiden ist. Die meisten Arbeiten in der Ausstellung sind technisch perfekt ausgeführt, was verwundert, da die meisten Künstler auch dank ihrer Exzesse in den Medien Beachtung fanden. "Ich kenne eine ganze Reihe von sehr jungen Künstlern, die Erfolg haben und jetzt so viel mit ihren acht Assistenten zu tun haben, dass sie nicht mehr nächtelang durchfeiern können", sagt Kathy Grayson.

"New York Minute: 60 Artisti della scena newyorchese"

Termin: bis 1. November, MACRO, Rom
http://www.macro.roma.museum/mostre_ed_eventi/mostre/new_york_minute_60_artisti_della_scena_newyorchese

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