Ai Weiwei - Haus der Kunst

Der Dissident wird zum Künstler

In den letzten Wochen ist der chinesische Künstler Ai Weiwei zum Medienphänomen geworden. Seine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst entwickelt sich zum Publikumsrenner. Aber bekommen Besucher die politische Kunst, die sie erwarten?

Ein solches Spektakel hat es lange um keinen Künstler gegeben: Ai Weiwei präsentiert sich seit Wochen in allen zur Verfügung stehenden Medien als twitternder Dissident, als Blogger für ein anderes China, als Pate der zeitgenössischen Kunstszene seines Landes. Kaum jemand kritisiert das Regime so offen wie er, und die Wunde am Kopf, die ihm Provinzpolizisten in Sichuan zugefügt haben, ist längst eine Art Märtyrersymbol geworden.

Für den Künstler Ai Weiwei hat der Rummel vor allem eine Folge: Das Publikumsinteresse an seiner Ausstellung "So Sorry" ist enorm; am Wochenende stürmten bereits tausende von Besuchern das Haus der Kunst. Schon seit letzter Woche prangt eine Installation an der Fassade des Hauses: Aus Kinderrucksäcken wurde der Satz "Sie lebte sieben Jahre glücklich auf dieser Erde" dort angeschrieben. Er stammt aus einer E-Mail, die Ai von der Mutter eines Mädchens bekam, das letztes Jahr beim Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan beim Einsturz ihrer unzureichend gesichterten Schule ums Leben kam. Ein plakatives politisches Statement.

Viele Besucher werden auch im Innern des Museums eine Kunst erwarten, die Missstände anprangert und zum Widerstand aufruft – nichts davon bietet Ai. Seine Werke umgibt eine gewisse Ruhe, die dem Medienstar fehlt. Ai ist Bildhauer, er spricht die undeutliche Sprache der dreidimensionalen Form und des Materials. Eine Arbeit immerhin dürfte dem Publikum bekannt vorkommen: Im ersten Raum hat Ai eine Arbeit wieder aufbauen lassen, die zuerst 2007 auf der Documenta 12 in Kassel zu sehen war. Dort hatte er einen Turm aus alten chinesischen Türen gebaut; bei einem Sturm war dieser eingestürzt. "Die Natur hat das Werk ein zweites mal geschaffen", sagte damals der Künstler – jetzt, zwei Jahre später, hat er den eingestürzten Turm akribisch rekonstruiert.

Ai Weiwei setzt der chinesischen Kultur ein Denkmal

Das Natürliche und das Künstliche gehen oft seltsame Wechselwirkungen ein im Werk des Chinesen. So legte er im zentralen Raum des Museums einen Teppich aus, der dem darunter liegenden Steinboden exakt nachgebildet ist. Als wolle er dem Gebäude, das immer noch mit der Hypothek seiner Nazivergangenheit belastet ist, die Schwere nehmen. Auf diesem Teppich aber liegen riesige Baumstümpfe, die Ai aus einer chinesischen Provinz geborgen hat, um sie in München zu einem archaischen toten Wald zu arrangieren. Der hat etwas Märchenhaftes – hatte Ai seine Arbeit damals in Kassel nicht "Fairytale" genannt?

Regimekritisch ist Ais Kunst nur insofern, als dass sie nicht einstimmt in das große Lied vom kapitalistisch-sozialistischen Fortschritt. Antike chinesische Möbel, Tore von abgerissenen Tempeln, Baumstümpfe und Perlen erinnern daran, dass es auch schon vor Mao Tse Tungs Revolution ein Reich namens China gab. Es gibt so etwas wie eine chinesische Kultur, die wohl auch den Sozialismus überdauern wird – Ai Weiwei setzt ihr ein Denkmal.

Das geht bis in die Gestaltung des Museums selbst: Das Café im Haus der Kunst, die "Goldene Bar", hat Ai mit chinesischen Möbeln ausstatten lassen.

Das große art-Interview mit Ai Weiwei präsentieren wir Ihnen in der Dezember-Ausgabe!

"So sorry"

Termin: bis 17. Januar 2010, Haus der Kunst, München
http://www.hausderkunst.de/

Mehr zum Thema im Internet