Cranach und die Renaissance - In Berlin

Heilige, Fürsten und Mythen

Im neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg sind Werke der deutschen Renaissance zu bestaunen – darunter das einzige Selbstporträt von Lucas Cranach dem Älteren

Das Porträt, das Lucas Cranach der Ältere 1529 von Kurfürst Joachim I. von Brandenburg gemalt hat, zeigt einen bulligen Mann, dem man ein zupackendes Wesen durchaus zutraut. In der Tat räumte Joachim mit dem Raubritterwesen auf, bekämpfte geradezu erbittert Martin Luther und die Reformbewegung, setzte aber seinerseits eine Reform des Erbwesens durch – die "Constitutio Joachimica" – um "frecher und unzimlicher Begierde", "Gezenk und Uneynigkeit gegen yre Nechsten", wie es im O-Ton heißt, endlich einen Riegel vorzuschieben.

Und er war ein Förderer der Künste. Unter der Ägide des Hohenzollern-Sprosses (1484 bis 1535) und seines Sohnes Joachim II. hielt die Renaissance Einzug in die Mark Brandenburg und damit in deren Hauptresidenz Berlin. Joachim II. ließ ab 1538 das im Stile der Renaissance gehaltene ursprüngliche Berliner Schloss errichten, und der kursächsische Hofmaler Lucas Cranach der Ältere und später dessen Sohn lieferten die Kunst an den Hof und das dazugehörige Domstift.

Es handelte sich um Altartafeln, mythologische Szenen und Porträts, die Cranach und seine gut florierende Werkstatt malten, und die heute zum Grundstock der Kunstsammlungen in den preußischen Schlössern gehören. Sie stehen auch im Mittelpunkt der Schau "Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern" im neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg.

Höhepunkte sind das vermutlich einzige autonome Selbstporträt von Cranach, die neun Tafeln des "Passionszyklus" aus dem alten Berliner Dom, Fürstenporträts wie das des Prinzen Johann von Anhalt und eine frühe Version der "Quellnymphe". "Ein so neues und aktuelles Thema wie die Quellnymphe, deren Typus auf antike Skulptur und Epigrafik zurückgeht, erschien in der deutschen Kunst zuerst im Medium der Zeichnung", schrieb Dieter Koepplin 2002 im Katalog zu einer Cranach-Ausstellung im Hamburger Bucerius-Kunstforum. "Cranach aber nobilitierte den Gegenstand in der Gattung der Tafelmalerei."

In der St. Marienkirche werden im zweiten Teil der Ausstellung unter dem Titel "Kirche, Hof und Stadtkultur" die politischen, religiösen, künstlerischen und gesellschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen dem Hof und der städtischen Gesellschaft untersucht. Gezeigt werden Kunstwerke aus den mittelalterlichen Stadtkirchen unter anderem vom Maler Michel Ribestein und dem Bildhauer Hans Schenck. Es sind neben Urkunden und Briefdokumenten – unter anderem des Reformators Philipp Melanchthon – auch Bände aus der Propstei- und Kirchenbibliothek von St. Nikolai und St. Marien, der ältesten Berliner Bibliothek, zu sehen.

"Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern"

Termin: 31. Oktober bis 24. Januar 2010. Katalog: Deutscher Kunstverlag, 34,90 Euro.
http://www.spsg.de/index_6706_de.html