Naomi Harris
America Swings
"EINE ANTHROPOLOGISCHE STUDIE"
Die kanadische Fotografin Naomi Harris, 35, reiste quer durch die USA – und besuchte in den letzten fünf Jahren über 40 Swingerpartys. Das Ergebnis ist in ihrem neuen Buch "America Swings" zu bestaunen und zeigt eine ganze Nation bei der schönsten Nebensache der Welt. art sprach mit Harris über Gruppensex, Doppelmoral – und Fressorgien.
// INES MEISNER
Frau Harris, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Swingerpartys zu besuchen und dort zu fotografieren?
Naomi Harris: Ich habe eine Zeit lang in Miami Beach alte Menschen fotografiert. Das war an einem Nacktbadestrand namens Haulover. Keiner der Badegäste hat sich daran gestört, weil ich selbst auch nackt war. Irgendwann hat mich, ich war damals 27, ein etwa 60-jähriger Mann angesprochen und mich gefragt, ob ich ihn auf eine Swingerparty begleiten würde, weil Singlemänner dort nicht alleine hin dürfen. Er sagte: "Du bist doch Fotografin, das ist bestimmt interessant für Dich." Und das war es dann auch.
Hatten Sie keine Angst davor, dass Ihnen jemand zu nahe kommen würde?
Nein. Der Mann sagte, es gäbe keine Verpflichtungen. Er ist extra ein bisschen früher mit mir in den Club gefahren und hat mir die Räume gezeigt. Dann kamen die Gäste und alle waren total verrückt gekleidet. Die Frauen trugen Schuhe mit durchsichtigem Absatz und ich dachte: Wahrscheinlich habe ich ein paar Stunden vorher noch im Supermarkt an der Kasse neben einer dieser normalen Hausfrauen gestanden und habe nichts geahnt. Dann gab es da dieses riesige Buffet – die Swinger luden sich Tomaten und Fleisch auf ihre Teller und zwanzig Minuten später gingen sie in den nächsten Raum und feierten eine Orgie. Das war seltsam.
Sind Sie in Versuchung gekommen, selbst mitzumachen?
Nein. Das ist nicht mein Ding. Ich habe viel Respekt für diese Menschen, und dass sie alle miteinander Sex haben wollen, ist wundervoll. Aber es sind einfach nicht die Menschen mit denen ich Sex haben möchte.
Haben Sie auf diesen Partys immer nackt fotografiert?
Wenn das Motto einer Party "Sexy Lingerie" lautete, dann habe ich mir auch reizvolle Unterwäsche angezogen. Die Menschen denken, ich würde immer nackt fotografieren. Aber das kam nur selten vor. Nur manchmal im Sommer, wenn es richtig warm war und ich auf einem Boot oder am Stand fotografiert habe.
Gibt es eigentlich den typischen Swinger?
Schwer zu sagen. Ein Grund warum ich diese Partys in den ganzen USA fotografieren wollte, war der, dass ich die regionalen Unterschiede zeigen wollte. In Kalifornien beispielsweise schützen sich die Swinger besser. In Florida gibt es mehr operierte Brüste.
Was ist der Unterschied zwischen Ihren Arbeiten und pornografischen Bildern?
Meine Bilder werden oft als erotische Fotos bezeichnet, was ja auch noch einmal ein Unterschied zu pornografischen Fotos ist. Ich sehe mich nicht als Aktfotografin. Ich denke, dass erotische Fotografie vor dem Hintergrund entsteht, dass der Fotograf sich für diese Dinge interessiert und sich auch in gewisser Weise angemacht fühlt. Das war bei mir nicht der Fall! Für mich war das Projekt eine anthropologische Studie. Es ging mir nicht um den Sex, sondern um die Menschen. Aber natürlich sind viele der Bilder sehr explizit. Wenn sich einige Menschen deshalb sexuell erregt fühlen, ist das auch okay.





