Interview: Naomi Harris

Denken Sie, es hätte einen Unterschied gemacht, wenn Sie Swinger in Europa porträtiert hätten?

Ich war noch nie in einem Swingerclub außerhalb der USA. Aber es soll in Europa einige schöne Clubs geben. Ich stelle mir auf jeden Fall vor, dass dort viele schöne und junge Menschen sind, und ich glaube, es gibt auch nicht so viel zu essen wie in den USA.

Ich frage auch deshalb, weil ich gehört habe, dass in einigen US-Staaten bestimmte sexuelle Praktiken gesetzlich verboten sind. Ist das Swingen nicht illegal?

Diese Gesetze gibt es natürlich, aber es sind sehr alte Gesetze, und ich habe auch noch nie gehört, dass jemand verhaftet wurde, weil er Analsex hatte.

Gab es negative Reaktionen auf Ihr Buch?

Bis jetzt hat mich niemand direkt darauf angesprochen, aber ich merke, dass mir Auftraggeber verloren gehen. Ich habe Redakteure erlebt, die die Swinger-Fotos auf meiner Webseite gesehen haben und mir daraufhin den Auftrag entzogen haben. Das ist verrückt. Ich habe den Zugriff auf diese Fotos mittlerweile mit einem Passwort geschützt. Ich würde sie natürlich viel lieber für jeden zugänglich machen. Vielleicht hätte ich diese Probleme nicht und wäre genauso bekannt wie Terry Richardson, wenn ich heiße junge Menschen beim Sex fotografiert hätte. Menschen, die von der Norm abweichen will in den USA einfach keiner sehen.

Das wäre in Europa vielleicht anders.

Wahrscheinlich. Aber in den USA muss ich mich quasi selbst zensieren, damit ich weiterhin Aufträge bekomme.

Das zeugt von einer gewissen Doppelmoral.

Die ist in den USA sehr groß. Ich würde sagen, 65 Prozent der US-Amerikaner sind bisexuell, aber dennoch will niemand diese Menschen beim Sex sehen. Das Gleiche gilt für dicke Menschen, von denen es in den USA jede Menge gibt, aber man will sie sich nicht als sexuelle Menschen vorstellen. Aber auch sie wollen Sex haben. Wie kann man das verleugnen?

Denken Sie, Sie können mit ihrem Buch etwas verändern?

Das hoffe ich. Viele Menschen auf diesen Bildern sind Republikaner oder Christen. Sie feiern die ganze Samstagnacht eine Orgie und stehen dann am Sonntag früh auf, um in die Kirche zu gehen. Und dann sagen uns diese Menschen, wie wir unsere Kinder erziehen sollen. Das muss natürlich nicht schlecht sein. Aber ich denke, und ich sage das als gebürtige Kanadierin, dass Amerikaner gerne anderen Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben, selbst aber nicht nach diesen Prinzipien handeln. In den USA ist es so: Man kann tun und lassen was man will, solange es keiner herausfindet. Ich denke in anderen Ländern dürfen Menschen viel ehrlicher und freier mit sich selbst sein.

"Naomi Harris: America Swings"

Taschen Verlag, Format 37 x 29 cm, 256 Seiten, 350 Euro.

http://www.taschen.com

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