Tony Oursler - Kunsthaus Bregenz

Wiedergänger mit kindlichem Humor

Das ganze Haus wollte er in einen furiosen Kreislauf von Bild und Sprache versetzen. Der amerikanische Videokünstler Tony Oursler kehrt nach acht Jahren mit einer Soloschau ans Kunsthaus Bregenz zurück. Ein mit Spannung erwarteter Auftritt, nachdem es um den Künstlerstar in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden war. Leider ist der Tanz der Videobilder bis auf einige Splatter-Movie-Elemente ein eher dürres Vergnügen.

Wer wäre in den Neunzigern nicht dem Schielen seiner Video-Augen, dem Lamento seiner sprechenden Köpfe und Puppen erlegen? Da zischelte ein unter einem Sofa gequetschtes Girlie zornig von Missbrauch, da brabbelten unter Wortdiarrhö leidende menschliche Figuren von ihren inneren Nöten. Ja, und manchmal unterhielten sich auch zwei von Videobildern überspielte Figuren wie die leibhaftigen Spaltpilze ein- und derselben Person.

Der amerikanische Künstler Tony Oursler befreite die Videokunst aus ihrer zweiten Dimension, verlieh dem übermächtigen Medienfluss an Bildern und Wörtern einen festen Körper. Genauer gesagt: einen ausgestopften Körper, der als Dummie oder Attrappe für den scheinbar hemmungslos aus dem Unterbewusstsein hervorbrechenden Strom an Einbildungen diente. Nach sensationellen Erfolgen ist es um den Publikumsliebling Oursler im neuen Jahrtausend etwas ruhiger geworden. Insofern fieberte man der letztes Wochenende im Kunsthaus Bregenz eröffneten Soloschau bereits im Vorfeld entgegen. Laut Ankündigung wollte Oursler mit eigens für die Architektur entwickelten Video-Loops menschlicher Handlungen eine "Kette von Ereignissen" entfachen. In der Installation "Lock 2, 4,6" soll man versinken können, bis sich das Gefühl einstellt "in einem unheimlichen System gefangen zu sein."

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Ausstellung lässt Oursler-Fans, vermutlich aber auch Besucher mit einer gewissen Ernüchterung zurück. Keinen Moment fühlt man sich wirklich gefangen in dem – sagen wir – hübsch bunten Arrangement an choreografisch dirigierten Bilder. Im losen Verbund sieht man hier und da einen Kopf parlieren oder singen, mit viel toten Zwischenräumen fächert Oursler diesmal seine Monologe, rituellen Handlungen des Alltags und häusliches Dekor. Man sieht weniger bedrängte Seelen, die sich Luft verschaffen, als ein Spektrum von domestizierten Aktionen wie der allgegenwärtige Griff zur Fernbedienung. Und das verleiht dem in überschaubare Raumelemente gesplitteten Vorgängen eine nicht unbedingt fesselnde Berechenbarkeit. Fingen früher wattierte Körper Ourslers Projektionen auf, so sind es jetzt flache Pappkameraden oder die betonierte Museumswand. Dieses fehlende Volumen im realen wie übertragenen Sinn entzieht Ourslers Videosequenzen ihre vormals hypnotische Kraft. Da hilft es auch nicht weiter, dass er den einen oder anderen Ausflug ins Terrain der Psychoanalyse unternimmt.

Oursler hat im Großen und Ganzen unsere kontrollierte Existenz im Visier. Das hochzivilisierte Leben, wie sie sich zwischen notwendigen und zwanghaften Handlungen einrichtet, um dann und wann seine Façon zu verlieren. Tony Oursler konjugiert auf jedem Stockwerk ein gewisses Grundvokabular durch: Choräle, einzelne übedimensionierte Köpfe, Rauchschwaden, Interior-Versatzstücke, Flüssigkeiten, High-Tech ... Es ist, als wäre man in eine Sprachlandschaft geraten, in der man zwar jedes plakative Wort blitzschnell begreift, aber deren krause Grammatik keinen wirklichen Sinn stiftet. Im Erdgeschoss lauern in einer verkitscht mit Glimmer übersäten weißen Höhle ein Mann und eine Frau. Sie debattieren darüber, wie man sich am besten von der Realität loslöst. Auf einem Stockwerk sieht man wie ein Haus aus Ziegelsteinen gebaut wird, daneben fackelt gerade eine Zigarette ab. Ja, man ahnt natürlich, worauf Oursler hinaus will: In der Konstruktion und Dekonstruktion der Videoloops soll sich das ewige Werden und Vergehen spiegeln. Süchtig machende Elemente kommen unter anderem in Form von Schnapsflaschen und eben Nikotin vor. Die rauschhafte Auflösung der Körper wird als Art Nirvana begangen. Oursler schwärmt: "Es ist ein einziges Schlamassel: Das Innen- und Außenleben, Informationen, Gifte, Energie, Unterhaltung, Risiko, Liebe, Horror, Rubbelkarten, Feuerzeuge, der Körper eines anderen – alles beginnt sich miteinander zu verbinden."

Bei aller Unverbindlichkeit gelingen dem heute 52-Jährigen dennoch phanömenale und auch humorvolle Bilder. Sein hysterischer Chor kreischender Kinder, die als negative Videoprojektion auf einer Wand auftauchen, ist eine Wucht. Es handelt sich um kleine Wiedergänger von Monstern, die mit ihren ohrenbetäubenden Obertönen vor allem die Kids unter den Besuchern magisch anlocken. Borderliner waren schon immer Ourslers Thema. Jetzt entdeckt er die Kraft der kindlichen Ekstase neu, vor allem auch dann, wenn er sich selbst mit grünem Schleim über dem Kopf als Witzfigur eines Splatter Movie fokussiert. Eckhard Schneider, der bereits von dem neuen Direktor Yilmaz Dziewior abgelöst wurde, hat diese Schau im Kunsthaus Bregenz noch initiert. Er war es auch, der Ourslers ersten Solouftritt 2001 in der Architektur von Peter Zumthor ermöglichte. Damals versetzte Oursler die ganze Außenfassade des gläsernen Kubus in ein riesiges Transparent, das den fast schon okkulten Einfluss der Massenmedien auf den Menschen zum Leuchten brachte. Vielleicht war es einfach keine so gute Idee, eine Art Remake mit neuen Mitteln zu versuchen.

Tony Oursler: "Lock 2,4,6" - Ausstellung im Kunsthaus Bregenz

Termin: 24. Oktober bis 17. Januar 2010; Ort: Kunsthaus Bregenz
http://www.kunsthaus-bregenz.at/

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