Urs Fischer - New York

Das Geheimnis der Matrix

Vor zwei Jahren brachte er es fertig, den Fußboden der Galerie von Gavin Brown herausreißen zu lassen, den Untergrund aufzuwühlen und den Ausstellungsraum in eine riesige Erdhöhle zu verwandeln. Er hat Häuser aus Broten gebaut. Er hat Skulpturen aus Kerzenwachs niederbrennen lassen und arbeitet gern mit Materialien wie verfaultem Gemüse. Dem neuesten Auftritt von Urs Fischer im New Museum in New York wurde entsprechend erwartungsvoll entgegengesehen
Spiel mit Proportionen:Fantastischer Auftritt des Schweizers im New Museum

Urs Fischer: "Noisette", 2009 - die Zunge wird durch eine Bewegungsmelder gesteuert

"Urs Fischer wird sicherlich an den Käfigen der Ästhetik rütteln, uns die Stirn runzeln lassen und uns sogar noch mehr beeindrucken", hatte der bekannte New Yorker Kritiker Jerry Saltz schon vor Beginn der neuen Ausstellung im New Museum auf der Bowery geschrieben. Was die PR-Leute des Museums prompt dazu brachte, das Zitat von Saltz wie einen Werbeslogan auf Einladungsschreiben zu drucken. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Schließlich hatte das Museum dem aus Zürich stammenden und seit 2006 in New York lebenden Urs Fischer sein komplettes Museum mit drei Ausstellungsetagen zur Verfügung gestellt, das er nach eigener Choreographie mit seinen Arbeiten füllen oder auch verunstalten durfte.

Fischer hielt sich vom Öffnungstrubel weitgehend fern. Selbst zur Eröffnung seiner ersten New Yorker Solo-Ausstellung, die prominente Kollegen wie Chuck Close und Cindy Sherman besuchten, erschien der Künstler nicht. Bei der anschließenden Party schaute er dann tatsächlich auf eine Zigarette vorbei – und verschwand wieder. Immerhin hatte er den Besuchern im Museum eine kleine Botschaft hinterlassen: Wer sich neugierig dem winzigen Loch in der Wand im dritten Stock näherte, dem schoss eine rosarote Zunge ("Noisette") entgegen, die durch einen Bewegungsmelder gesteuert wird. Vielleicht ist es Fischers Art, den New Yorker Kunstbetrieb zu begrüßen. Vielleicht wollte er mit dem Gimmick auch auf die an ihn gestellten Erwartungen anspielen. Denn Fischer hatte seinen ersten großen Auftritt in den USA 2006 mit zwei riesigen Löchern. Die Installation war Teil der Biennale im Whitney Museum, die Löcher legten damals den Blick auf Arbeiten von Rudolf Stingel frei. Stingel ist ein guter Freund von Fischer, mit dem er sich in der Vergangenheit Ateliers in Berlin und in New York teilte.
Wände ließ Künstler zwar dies Mal stehen. Doch natürlich machte der 1973 als Sohn eines Schweizer Ärzte-Ehepaars geborene Fischer auch vor der Konstruktion des New Museum nicht halt. Dass er die Deckenhöhe im dritten Stockwerk senken ließ, kam einem logistischen Alptraum gleich. Stromleitungen und die Sprenkleranlage mussten versetzt sowie die Genehmigungen für die Umbauten von der Stadtbehörde eingeholt werden. Fischer ließ den nackten Raum samt Decke, Exit-Schildern und Feuermeldern fotografieren. Aus den Bildern kreierte er eine Fototapete, mit der er den kompletten Raum ausstattete. Das Licht der Neonröhren ließ diese Fototapete violett aussehen. Und mitten in dieser violetten Szenerie postierte der Künstler einen zerschmolzenen Konzertflügel und einen einsamen Croissant mit Schmetterling.

"Ich weiß nicht, wonach ich in meiner Arbeit suche"

Auch auf den beiden weiteren Etagen machte Fischer mit seinem Spiel mit Proportionen der Museumsleitung das Leben schwer. Eine der fünf kolossalen Skulpturen aus Aluminium, die der Künstler mit bloßen Händen aus Ton geformt hat, in den Computer einscannte und originalgetreu in China produzieren ließ, wurde nicht rechtzeitig fertig und musste für mehrere zehntausend Dollar per Flugzeug nach New York befördert werden. Die Arbeiten seien "größer als das Leben", so Kurator Gioni Massimiliano, der mit dem Künstler gemeinsam die Ausstellung erarbeitet hat. "Urs Fischer veranlasst uns, mehr zu sehen. Es geht ihm um die Wahrnehmung der Dinge und uns selbst." Dem amerikanischen Sammler Peter Brandt gefielen Fischers Aluminium-Klumpen derart, dass er eine zehn Meter große Version kaufte. Sie soll im nächsten Jahr auf seinem Grundstück in Connecticut installiert werden.
"Manchmal hatte ich das Gefühl, Urs würde das Geheimnis der Matrix kennen", scherzte Massimiliano, als er Fischers Installationsprozess beschrieb, bei dem es noch in letzter Minute Änderungen gegeben hätte. Die mehr als 50 Boxen aus Metall mit ihrer polierten, spiegelnden Oberfläche, die das zweite Stockwerk bevölkern, bringen es auf ein Gesamtgewicht von mehr als 10 000 Kilo. Die Fotos auf den Boxen von Birnen, High Heels, schweren Ketten, einem rohen T-Bone-Steak, einer Londoner Telefonzelle oder dem Empire State Building, auf dem King Kong herumturnt, scheinen durch den Raum zu schweben. Jedes Bild wurde aus hunderten von Schüssen zu einer perfekten, plastisch wirkenden Version am Computer zusammen montiert. Bei einem Bild von klebrig bunten Kinderfrühstücks-Flakes kamen ganze 2 000 Bilder zum Einsatz. 25 000 wurden bei der gesamten Installation eingesetzt.
Auf Grund der aufwändigen Herstellung reisten Fischers Boxen von Finnland, über Österreich in die Schweiz, bevor sie schließlich in New York landeten. Damit legten sie fast so viele Umwege wie der Künstler selbst hin. Er lebte in Amsterdam, London, Los Angeles, London und Berlin, bevor er sich mit seiner Freundin und der in diesem Jahr geborenen Tochter in New Yorker einrichtete. "Ich weiß nicht, wonach ich in meiner Arbeit suche", hat Fischer Kurator Gioni Massimiliano erzählt. "Aber ich betrachte sie als einen guten Freund."

"Urs Fischer: Marguerite de Ponty"

Termin: Bis 7. Februar 2010, New Museum, New York
http://www.newmuseum.org/exhibitions/417/urs_fischermarguer

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