Pedro Cabrita Reis - Kunsthalle Hamburg

Freiheit ist ein Risiko

Achtung Baustelle: Wie Pedro Cabrita Reis mit seinen raumgreifenden Installationen die Hamburger Kunsthalle besetzt – erste große Retrospektive des bedeutenden portugiesischen Künstlers in Deutschland.

Orange! Das ist es, was einem bei Pedro Cabrita Reis in der Hamburger Kunsthalle zuerst ins Auge sticht. Ein unregelmäßig breites Band orange Signalfarbe zieht sich rings um die Wände des ersten Ausstellungsraums. Darauf sind Neonröhren an rohen Holz- und Aluminiumbalken angebracht, Stromkabel schlängeln sich in unordentlichen schwarzen Linien von den Lampenfassungen zu den Steckdosen am Boden. Das ganze wirkt unfertig, improvisiert, verunsichernd. Ist das hier schon die Kunst, oder wird hier gerade eine Beleuchtungsprobe gemacht?

Um eventuellen Missverständnisen gleich vorzubeugen: Natürlich handelt es sich um ein Kunstwerk. Es trägt den schönen Titel "I dreamt your house was a line" (Hamburg-Version). Und es verdeutlicht anschaulich den künstlerischen Ansatz des portugiesischen Künstlers, der 1956 in Lissabon geboren wurde und zu den bedeutendsten Kunstschaffenden seines Landes zählt. Obwohl Cabrita Reis 1992 an Jan Hoets Documenta 9 teilnahm und 2003 Portugal auf der Biennale in Venedig vertrat, ist sein Werk hierzulande noch relativ unbekannt. Die aktuelle Schau, die rund 60 Werke, darunter große Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Fotografien aus den Jahren 1985 bis 2009 umfasst, ist seine erste große Retrospektive in Deutschland. Kuratiert wurde sie von Sabrina van der Ley, der neuen Leiterin der Galerie der Gegenwart.

In seinen raumgreifenen Installationen beschäftigt sich Cabrita Reis immer wieder mit Themen wie Haus, Behausung, Architektur und Territorium. Mit brachialen Strukturen nimmt er Ausstellungsräume in Besitz, blockiert Durchgänge mit gemauerten Ziegelwänden, zwingt massige Stahlträgerkonstruktionen in niedrige Innenräume oder schneidet Löcher in die Wände und hängt Neonröhren darin auf. In der Hamburger Kunsthalle bespielt er das gesamte Sockelgeschoss. Dafür wurden die labyrinthischen Kellerräume, in denen sonst Sammlungsbestände gezeigt werden, komplett leer geräumt. Was nicht zu bewegen war, wie etwa die tonnenschweren Bleigüsse von Richard Serra oder der Ed Kienholz-Raum, wurden vorübergehend eingemauert. Die Ausstellung folgt keiner zeitlichen Chronologie, sondern präsentiert Cabrita Reis’ Arbeiten aus verschiedenen Jahrzehnten im formalen Kontext zueinander und im spannenden Dialog mit der rigiden quadratischen Raumstruktur des Ungers-Baus.

Riesiges Lager für gefundenes Material

Die bevorzugten Materialien des Künstlers kommen vom Baumarkt oder vom Müll. "Ich bin kein Freund von Läden für Künstlerbedarf", erklärt der 53-Jährige. Nur für hochwertiges Zeichenpapier würde er dort Geld ausgeben. Ansonsten recycelt er lieber Dinge aus den Containern vor Abrisshäusern: Türen, Fensterrahmen, Heizkörper und Glasscheiben. Sein Atelier in Lisabon sei inzwischen ein riesiges Lager für gefundenes Material. "Zivilisatorisches Treibgut" nennt van der Ley diese Dinge. Dennoch haben Cabrita Reis’ Arbeiten nichts mit der wucherndern Recycling-Kunst jüngster Zeit zu tun. Seine Skulpturen strahlen trotz ihres rohen Charakters ein hohes Maß an Präzision aus – und eine gewisse Rätselhaftigkeit.

Immer wieder taucht die Farbe Orange auf, als übermalte Fläche auf einer Serie von Landschaftsfotos ("Sleep of Reason", 2009), als Farbrest auf den Aluminiumbalken einer Bodenskulptur, als Quadrat auf einer an der Wand lehnenden Glasscheibe oder in Form von neonbeleuchteten orangeroten Ziegelsteinen. In den seriellen Konstruktionen aus Sperrholz, Gipskarton oder Aluminiumprofilen erkennt man Bezüge zur Minimal Art, die gerahmten Farbtafeln (Cabinet d’amateur, 1999) lassen an Hans Hofmann und Imi Knoebel denken und die weißen Bilder im dunkelvioletten Oktagon verweisen auf Mark Rothkos "Chapel" in Houston.

"Zeichnen ist meine Art von Meditation"

Solche Bezüge sind durchaus gewollt, rauben den Arbeiten aber keineswegs ihre Eigenwilligkeit. Wenn Pedro Cabrita Reis, ein beleibter Mann mit lebhaftem Temperament und einer Vorliebe für kubanische Zigarren und schottischen Whiskey, über sein Werk spricht, erkennt man hinter den spröden Oberflächen eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Skulptur und der Malerei. Eigentlich begreife er all seine Skulpturen und Installationen als eine erweiterte Form von Malerei, sagt der Künstler: "Ich war immer Maler und als Maler setze ich mich in Bezug zur Welt. Alles, was ich gemacht habe, ist Malerei." Die Basis seines Werkes findet sich in seinen Zeichnungen: "Zeichnen ist meine Art von Meditation. Andere mögen Yoga machen, ich zeichne."

Bereits ein paar Tage vor der Eröffnung hatte der Künstler eine Gruppe Interessierter durch die noch im Aufbau befindliche Ausstellung geführt. Da standen noch Leitern herum, Werkzeuge lagen am Boden und unter mancher Skulptur noch schützende Schaumstoffkissen. An einer Säule klebte eine DIN-A4-Skizze des Künstlers mit handschriftlichen Anweisungen für die Maler, die die orangefarbenen Flächen für "I dreamt your house was a line" auf die Wände aufbringen sollten. Die Flächen hatte Cabrita Reis frei Hand aufgezeichnet – ohne exakte Maßangaben. Stattdessen war da als Anweisung an die Handwerker zu lesen: "Folgen Sie in etwa der Zeichnung. Vergleichen Sie die relativen Proportionen zwischen Zeichnung und Raum mit ihren eigenen Augen." Und dann in großen Lettern an die Kuratorin: "Sag den Malern, Freiheit ist ein Risiko, keine Handelsware." Am Vernissageabend war der Zettel natürlich weg. Schade eigentlich. Denn er taugte auch als Motto für die Ausstellungsbesucher, die immer gleich nach erklärenden Wandtexten suchen, anstatt ihren eigenen Augen zu trauen.

"Pedro Cabrita Reis: One after another, a few silent steps"

Termin: bis 28. Februar 2010; Kunsthalle Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de/start/start.html