Tim Eitel - New York

Badeszenen, Endzeit-Sekten und Orgien

Viele von Tim Eitels Bildern spielen sich in irrealen Welten ab, die mit der Zeit immer dunkler geworden sind. Seine Figuren sind im Moment gefangen, sie scheinen in sich gekehrt zu sein und wurden von vielen als das Abbild seiner Generation empfunden. Der 1971 in Leonberg bei Stuttgart geborene Maler ist einer der prominentesten Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Ein Etikett, das der Schüler von Arno Rink und Mitgründer der Produzentengalerie Liga in Berlin mit dem Erfolg der vergangenen Jahre immer mehr abstreifte. Seit einem Jahr lebt Tim Eitel in New York, wo die Bilder für seine neueste Ausstellung bei Pace Wildenstein entstanden.

art: Herr Eitel sind Sie vor einer Ausstellung in New York etwas nervöser als sonst?

Eitel: Die Anspannung ist schon zu spüren – auch wenn man sich einbildet, es sei nicht so. Eine Ausstellung in New York ist doch etwas Größeres. Viele Künstler geben sich hier besonders viel Mühe, was auch an den überdimensionierten Galerie-Räumen liegt.

Was hat Sie überhaupt nach New York gezogen?

Einfach der Wunsch, hier einmal zu leben. Meine erste Ausstellung bei Pace Wildenstein 2006 war das erste Mal Anlass, mehr Zeit in der Stadt zu verbringen. Vergangenes Jahr kehrte ich zurück.

Hilft die Distanz zu Deutschland, sich mehr auf die Arbeit konzentrieren zu können?

New York ist insofern gut, weil mir die Dinge hier gleichzeitig vertraut und fremd sind. Zunächst wirkt die Kultur vertraut. Sobald man aber einige Zeit in New York verbracht hat, fühlt man sich eben doch wie auf einem anderen Planeten. Dieses Moment der Verunsicherung empfinde ich als sehr anregend. Weil man dadurch Dinge mit anderen Augen sieht, die einem vermeintlich bekannt sind.

Und inwiefern wird Ihnen dabei bewusst, dass Sie aus Deutschland stammen?

Vor allem im Umgang mit Amerikanern merkt man, wie deutsch man ist. Ich meine damit die Vorstellungen von Höflichkeit oder wie Kommunikation funktioniert. Eine Zeitlang hat mich irritiert, dass einen hier niemand zurückruft. Ich habe lange gebraucht, um festzustellen, dass das nicht persönlich gemeint ist.

Hat Sie der Erfolg der vergangenen Jahre beengt oder freier gemacht?

Beengt hat er mich auf keinen Fall. Das Gefühl der Freiheit hat sich ebenfalls nicht geändert. Was daran liegt, dass meine Galerien mir nicht reinreden.

Sie arbeiten nach wie vor ohne Assistenten und nehmen sich viel Zeit...

Darüber nachgedacht, mehr zu machen, habe ich durchaus. Sicher wäre das marktstrategisch sinnvoll. Andererseits habe ich keine Ahnung, wie das funktionieren sollte. Denn meine Arbeit lebt davon, wie sie entsteht. Dieser ganze altmodische Kampf, dass man Dinge hin- und herschiebt und ausprobiert, obwohl man das am Ende nicht auf der Oberfläche sieht, verleiht dem Bild eine gewisse Dichte. Oder Schwere und Zwangsläufigkeit, als müsste das einfach so sein. Ich habe nun mal vorab keine klare Vision. Herauszufinden, was mich an einem ursprünglichen Bild interessiert und dass ich während dieses Prozesses auf andere Gedanken komme, ist ja der ganze Spaß.

Ein Gefühl von Melancholie

Fotos dienen Ihnen bei Ihren Arbeiten als Vorlage. Dann beginnen Sie mit den Figuren und widmen sich schließlich der Außenwelt?

Der Anfang ist meist die Figur oder auch ein Objekt, das Bild baue ich quasi darum herum auf. Mein Ausgangsmaterial sind Fotografien. Schnappschüsse, die ich unterwegs auf der Straße mache. Weil die Figuren nicht aus einer Quelle stammen, sondern aus unterschiedlichen Materialien und Fotos zusammengebaut werden, kommt am Ende eine Form von Collage heraus.

Die Fotos für Ihre neuen Arbeiten haben Sie in Paris, Los Angeles, Berlin und New York geschossen. Spielt es für das gemalte Bild eine Rolle, von welchem Ort die Fotos stammen?

Die Bilder können von überall sein. Es ist letztlich nicht wichtig. Am Ende entsteht eine Fiktion und kein Dokument. Vage Bilder habe ich immer im Kopf. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist dann die Notwendigkeit da, daran zu arbeiten. Davor schlummern sie in einem latenten Zustand.

Lassen Sie sich bei Ihrer Bildersuche durch die Straßen treiben?

Ich bin eigentlich meistens im Atelier. Auf gezielte Bildersuche gehe ich nicht, denn dann passiert nichts. Meine gesammelten Bilder im Computer gucke ich immer wieder durch, um zu sehen, was hängen bleibt.

Und schließlich landet die Summe aller gefilterten Eindrücke und Bilder auf der Leinwand?

Letztlich ist einiges in den Bildern erfunden. Es handelt sich um einen Prozess, der ein Dialog ist. Während ich an einem Bild arbeite, klärt sich für mich, was ich da überhaupt mache. Es kommen Assoziationen hinzu, weil mich das Bild an andere Dinge erinnert, die ich erfahren oder gesehen habe. Das ist es genau, was ich anstrebe. Das Optimum wäre, wenn ein ähnlicher Prozess auch beim Betrachter stattfindet. Dass die Bilder offen sind und der eine beispielsweise bei einem Bild eine Badeszene sieht, der nächste eine Endzeit-Sekte oder das Ende einer Orgie.

Ihre Bilder wurde vieles gedeutet. Vor allem, dass es sich um das melancholische, kalte Spiegelbild Ihrer Generation handelt..

Das Gefühl der Melancholie kann ich schon nachvollziehen. Wenn ich die Arbeiten betrachte, die ich 2001 bis 2003 gemacht habe, denke ich manchmal, dass etwas dran ist an diesen Deutungen. Interessant ist vor allem, dass das Gefühl der Vereinzelung als das Gesamtphänomen einer verlorenen Generation gedeutet wurde.

Handelt es sich dabei um ein großes Missverständnis?

Damals habe ich Leute in Museen fotografiert und sie zum Teil in andere Zusammenhänge transportiert. Im Museum nimmt man nun mal diese ruhige, introspektive, beobachtende Haltung an. Diese Stimmung als Einsamkeit zu empfinden, ist eine Sache der Interpretation. Für mich war es mehr ein Alleinsein, und das beinhaltet nicht unbedingt etwas Negatives. Es ist wichtig, dass man bei der heutigen Dauerberieselung gelegentlich einen ruhigen Moment für sich hat.

Warum verpflanzen Sie Ihre Protagonisten meist in eine völlig sterile Umgebung?

So steril finde ich sie gar nicht. Auf diese Weise funktioniert eine Szene mehr wie eine Bühne. Vor allem lasse ich alles Überflüssige weg, an Dekorationen bin ich nicht interessiert.

Wie kam es, dass Sie das Alltägliche als Thema wählten?

Ich kann einfach nichts erfinden, das ist nicht meine Welt. Mich interessieren Dinge, die ich erlebe, die mir über den Weg laufen. Kunst, die sich nur um die Kunst dreht, empfinde ich als langweiliges Spezialistentum. Natürlich beschäftigt sich Kunst immer auch mit Kunst. Was man macht, ist ja am Ende immer auch ein Statement dazu, was Kunst soll.

In einem deutschen Ausstellungstext stand, dass Sie sich um eine Synthese zwischen Abstraktion und Figuration bemühen würden.

Eigentlich muss man da schon seit der Höhlenmalerei nichts mehr fusionieren. Das Prinzip von Malerei ist Abstraktion. Da kommt man gar nicht drum herum. Die Frage ist nur, bei welchem Bewusstseinsgrad man dies tut. Ich borge mir zum Teil die Sprache von Abstraktion aus.

Sind Sie froh, dass sich der Hype um die Leipziger Schule gelegt hat?

Mir war immer gar nicht so richtig klar, worin der bestanden hat. Aber ich bin schon froh darüber, dass sich dieses Gruppenphänomen erledigt hat. Die Leute gucken sich an, was die einzelnen Künstler machen und vereinen nicht mehr alles unter einem Label.

Wieweit hat Sie der Erfolg von Neo Rauch damals beeinflusst?

Es hat keiner damit gerechnet, dass der wirkliche Erfolg kommt. Für mich war Neo Rauch immer eine Ausnahmeerscheinung. Niemand in Leipzig hatte die Idee, dass man da anknüpfen könnte. Leipzig befand sich am äußersten Rand der Kunstwelt.

Sind Sie weiterhin in Kontakt mit den anderen Künstlern der Produzentenliga?

Kaum. Allein schon, weil ich ein anderer Jahrgang bin, war ich immer ein wenig am Rand. Es war schon skurril, weil jeder dachte, dass eine Strategie hinter dem Erfolg der Leipziger Schule oder hinter der Liga gesteckt hätte. Wir hingegen waren damals alle davon überzeugt, dass die Idee reine Geldverbrennung sein würde.

"Tim Eitel: Invisible Forces"

Termin: 6. November bis 5. Dezember, Pace Wildenstein, New York
http://www.pacewildenstein.com/