Jean-Antoine Houdon - Frankfurt/Main

Gegen Hof, Kirche und Barock

Der französische Bildhauer Jean-Antoine Houdon war einer der bedeutendsten Künstler im Zeitalter der beginnenden Aufklärung. Das Frankfurter Liebieghaus widmet ihm eine Werkschau

Leicht zusammengekrümmt steht sie da, ein Tuch eng um Kopf und Schultern geschlungen; ihr Unterkörper ist weitgehend nackt. Kein Wunder also, dass der jungen Frau kalt ist, aber schließlich ist sie als Allegorie des Winters geschaffen. "Frileuse", die Fröstelnde, ist der Titel der aparten Marmorskulptur, die Jean-Antoine Houdon zwischen 1783 und 1785 geschaffen hat.

Sie gehört zu den berühmtesten Skulpturen ihrer Zeit und wurde als Pendant zur Darstellung des "Sommers" entworfen. Die beiden Mädchenskulpturen aus der Sammlung des Musée Fabre in Montpellier bilden nun das Zentrum der Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus, das dem Werk eines der bekanntesten französischen Künstler des 18. Jahrhunderts gewidmet ist.

Während dem Wintermädchen lediglich eine durch gefrorenes Wasser zerbrochene Vase zur Seite gestellt ist – ein Symbol sowohl für Vergänglichkeit als auch für verlorene Unschuld –, schwelgt die Sommerdame in einer Fülle von Accessoires, darunter sind diverse Früchte und Blüten, ein Tamburin, außerdem Sinnbilder männlicher Sexualität wie Sichel und Gießkanne. Beide Figuren, von denen die des Winters als qualitativ hochwertiger gilt, vereinen demnach jahreszeitliche und erotische Konnotationen und sind damit typisch für die Kunst der Aufklärung, eines Zeitalters, in dem sich zahlreiche Künstler von ihren bisherigen Auftraggebern, Hof und Kirche, zu lösen begannen. Sie entwickelten eine neue Formensprache für alte Themen, auch, um sich vom Barock abzugrenzen.

In einem zweiten Teil widmet sich die Schau Houdons Porträtbüsten, die er für Persönlichkeiten wie die Philosophen Voltaire und Jean-Jacques Rousseau, den Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin, Kaiser Napoleon oder den amerikanischen Präsidenten George Washington anfertigte, und vergleicht sie mit Werken zeitgenössischer Bildhauer wie Jean-Baptiste Pigalle, Augustin Pajou und Jean-Baptiste Lemoyne. Auf der Suche nach einer modernen Ausdrucksform bediente sich Houdon (1741 bis 1828) diverser Materialien, die eine jeweils unterschiedliche Oberflächenmodellierung zulassen, und erreichte in Marmor, Bronze, Terrakotta oder Gips eine Meisterschaft in der Wiedergabe von Stoff, von der die meisten Zeitgenossen nur träumen konnten.

"Jean-Antoine Houdon: Die sinnliche Skulptur"

Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, 29.Oktober bis 28. Februar 2010. Katalog: Hirmer Verlag, 39,90 Euro, im Buchhandel 48 Euro. Weitere Station: Musée Fabre, Montpellier, 16.3.–27.6.2010
http://www.liebieghaus.de/lh/

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