Meidner und Barlach - Hamburg

Der Mensch als zerrissenes Rätselwesen

Ludwig Meidner und Ernst Barlach, beide Vertreter einer expressiven Malerei, treffen in einer Ausstellung des Hamburger Ernst-Barlach-Hauses aufeinander – Gemeinsamkeiten werden deutlich gemacht.

"Ich denke mir die großartigsten Dinge aus, apokalyptische Gewimmel, hebräische Propheten und Massengrab-Halluzinationen – denn der Geist ist alles, die Natur kann mir gestohlen bleiben", so beschrieb der Maler Ludwig Meidner (1884 bis 1966) seine Weltsicht.

Und in der Tat: Meidner war ein Visionär. Bereits ab 1912, also zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, nahm er in Bildern, die er "apokalyptische Landschaften" oder "apokalyptische Städte" nannte, die Schrecken der vier Kriegsjahre vorweg. In diesen Bildern sind die Naturgesetze grotesk außer Kraft gesetzt. Menschliche Behausungen, von grellen Blitzen überzuckt, sind wie von einer unsichtbaren Macht durcheinander gewirbelt und aus ihren Grundfesten gerissen. "Sein Werk – ein Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche und persönlicher Krisen – besticht durch Leidenschaft, Sensibilität und Eigensinn", heißt es dazu der Ankündigung einer Ausstellung des Hamburger Ernst-Barlach-Hauses, die unter dem Titel "Unter unerforschlichen Meteoren" Meidners Werk des ersten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert zeigt.

Dazu gehören auch Straßen- und Caféhauszenen der Großstädte, faszinierende Selbstporträts und Darstellungen von Propheten. Auch der Maler und Bildhauer Ernst Barlach (1870 bis 1938) hat sich mit ähnlichen Themen wie Meidner befasst – allerdings weniger exzessiv als dieser. Barlach hatte durchaus Vorbehalte der Kunst des Kollegen gegenüber und schrieb 1918: "Er lädt immer viel Pulver in seine Kanone, es gibt immer eine gewaltige Explosion. Er weiß nicht, dass man auch sanft sein kann und dass das Sanfte sehr oft viel lauter ist als aller Kanonendonner."

Meidner der "Großstadtrebell", Barlach der "fromme Einsiedler" – diese Klischees will das Ernst-Barlach-Haus nun mit seiner Ausstellung zur Disposition stellen und hat dazu Hauptwerke Barlachs mit denen von Meidner vereint. "Meidners Kunst offenbart ihre introspektive Dimension, Barlach gewinnt zeitkritische Brisanz und aggressive Dynamik zurück", heißt es dazu. "Zugleich wird ein gemeinsamer Ausgangs- und Bezugspunkt deutlich: der Mensch als in sich 'zerrissenes, unheimliches Rätselwesen’", wie es Barlach selbst formuliert hat. In der Ausstellung sind Leihgaben aus großen deutschen Museen versammelt, darunter die Nationalgalerie Berlin, die Pinakothek der Moderne München, die Staatsgalerie Stuttgart, das Museum Folkwang Essen und das Institut Mathildenhöhe Darmstadt.

"Unter dem unerforschlichen Meteoren. Ludwig Meidner – Ernst Barlach"

Termin: bis 31. Januar. Katalog: Kerber Verlag, 25 Euro
http://www.barlach-haus.de/

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