Klimawandel in der Kunst - Royal Academy London

Die Bombe tickt

Ein Edelstahl-Erdball, eine Landschaftsidylle aus Müllbergen und eine goldene Zeitbombe: Die Londoner Royal Academy of Arts zeigt in einer Ausstellung Werke von 35 Künstlern zu Umweltsünden und Naturzerstörung.

Hunderte von Augenpaaren blicken uns an, ihrem starren, fordernden Blick kann man sich nur schwer entziehen. Fragen sie? Wenn ja, was? Klagen sie an? Wenn ja, wen und wofür?

Antony Gormleys "Amazonian Field" (1992) entstand vor fast 20 Jahren. Ein Raum voller winziger Figuren, grob aus rötlichem Lehm geformt, mit zwei Löchern als Augen. Der Künstler stellte sie zusammen mit Ureinwohnern des brasilianischen Regenwaldes her, dicht an dicht stehen sie, mit ihrem fordernden Blick, füllen jeden Zentimeter des Fußbodens, einige wenige der Milliarden Erdbewohner, Opfer der Zerstörung unseres Planeten.

Mit ähnlicher Leidenschaft argumentiert auch "Hot Spot" (2006) von Mona Hatoum. Die in London lebende Palästinenserin hat aus Edelstahldraht einen Erdball geflochten und auf ihm die Umrisse der Kontinente mit roten Neonleuchten angedeutet. Diese glühen, tauchen den Raum in ein unwirkliches Licht, ihr leises Knistern lässt an Überhitzung denken, an eine mögliche Explosion.

Vieles bleibt an der Oberfläche

Erstaunlich, wie frisch diese beiden Arbeiten sind, und wie widerstandslos sie sich in das Thema der Schau einfügen: Klimaveränderung. Was man nicht von allen Werken der insgesamt 35 Künstler sagen kann, die die Kuratoren in der Royal Academy versammelt haben. Vieles bleibt an der Oberfläche, wirkt plakativ, vor allem, wenn versucht wird, wissenschaftliche Ergebnissse in Kunst umzusetzen. Wie "CO2morrow" (2009) von Marcos Lutyens und Allessandro Marianantoni, ein von einem Kohlendioxyd-Molekül inspiriertes Gebilde, das über dem Eingang zur Royal Academy thront, und dessen wechselndes Lichtspiel von Messdaten gesteuert wird.

Andere beeindrucken auch und gerade wegen ihrer Einfachheit. "Tide" (2008) von Dexter Dalwood ist eine aus 350 synchronisierten Digitaluhren bestehende Wand, die das unaufhaltsame Fortschreiten der Zeit anschaulich macht. Der Kanadier Edward Burtynsky fotografiert mit großem Sinn für Schönheit Verstöße gegen die Umwelt. Ganz besonders ernüchternd sein Foto einer Hühnerfabrik in China: endlose Reihen von identischen Arbeiterinnen in rosa Mänteln sortieren Hühnerteile. Und der junge chinesische Fotograf Yao Lu hat mit grünen Netzen abgedeckte Müllberge abgelichtet und sie mithilfe des Computers zu idyllischen Landschaften verfremdet, wie auf traditionellen chinesischen Gemälden.

Neben Dalwoods Uhren warnt auch Kris Martins Arbeit "100 Years" (2004) davor, dass uns nicht viel Zeit bleibt, mit den Gefahren von Umweltverschmutzung und Klimaveränderung fertigzuwerden. Sein goldfarbener Ball liegt unscheinbar in einer Ecke auf dem Boden. Doch in seinem Inneren verbirgt sich eine winzige Bombe, die genau 100 Jahre nach seiner Entstehung explodieren wird. Werden wir das Problem bis dahin gelöst haben?

"Earth: Art of a changing world"

Termin: bis 31. Januar 2010, GSK Contemporary, Royal Academy of Arts, London
http://www.royalacademy.org.uk/earth