Franz West - Museum Ludwig, Köln

Brocken aus Papier­maché, Motorräder im Schlamm und kotbraune Würste

An­ti­­­heroi­sche Monumente sind das Markenzeichen von Franz West: Jetzt hat der grantelnde Grand­seigneur aus Österreich eine große ­Retrospektive in Köln. art hat West im idyllischen Wien besucht.
Brocken aus Papier­maché, Motorräder im Schlamm:Franz West in Köln

Ausstellungsansicht: Franz West, Autotheater, Museum Ludwig, Ergebnis, 2008

Im ehemaligen Lager von Peter Pakesch, der heute Intendant und künstlerischer Leiter am Universalmuseum Joanneum in Graz ist, wohin die Kölner Ausstellung ebenfalls wandern wird, hat West heute eines von zwei Ateliers, seine "Autowerkstatt" ist man versucht zu sagen, denkt man an den­ Titel der Kölner Ausstellung "Auto­theater", der sich natürlich aufs "Selbst" bezieht.

Schelm, der dabei an schnödes Motorisiertes denkt, an übergossene Maseratis oder in Fango­schlamm getauchte Ducati-Motorräder. "Das war eine Auftragsarbeit, sie heißt ja auch so schön Ducati-Fango – wie Dukatenfangen", erklärt West verhalten grinsend. Nach dem ersten Abtasten im Büro führt West einen dann doch in die Werkstatt dahinter, zehn Mitarbeiter etwa beschäftigt er, sie führen seine Ideen aus, nur hier und da legt er selbst Hand an. Wie zum Beweis greift er gleich zu einem Pinsel und strichelt an einem der großen Papiermachétrümmer herum. Was die eigentlich darstellen? Charakterköpfe? "Eher Meteoriten des Inneren", meint er kryptisch.

In einer Halle im Keller werden Stahlgerüste für Wests berühmte Möbel geschweißt, Sofas, Diwane, Fauteuils, in einer Ecke stapeln sich bunte Sessel. Wests ambivalent bequeme Sitzbänke hatten ihre Sternstunde 1992, als Jan Hoet West bat, das Freiluftkino der Documenta 9 mit ihnen auszustatten. Worauf West 72 Diwane mit Teppichen belegte, so wie Freud es mit seiner berühmten Couch machte. Von der Wiener Werkstätte, die ebenfalls die Grenze zwischen Handwerk und Kunst aufweichte, bis West kann hier eine verschlungene Linie gezogen werden. Aber ebenso gut kann eine andere gezogen werden, etwa die der L’art pour l’art eines Cy Twombly, dessen Kringelbild im Wiener Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wests Kopf schon früh auf die Kringelzeichen von Ludwig Wittgenstein trafen. Twombly galt auch Wests bislang letzte, ziemlich mutige Gemeinschaftsarbeit: Zur Eröffnung der Twombly-Ausstellung im Wiener Mumok im Juni 2009 ließ er den Komponisten Michael Mautner und den elektronischen Musiker Philipp Que­henberger einen Text von ihm vertonen, der in schlaflosen Nächten beim Spielen mit seinem Handy entstanden ist, zufällig, im automatischen SMS-Programm.

SMS scheinen überhaupt eine Leidenschaft Wests zu sein, immer wieder krümmt er sich hinunter zu seinem Mobiltelefon. "In einer halben Stunde kommt er", kann er so etwa freudig berichten, spätnachts im winzigen Free-Free-Jazz-Keller des Wiener Lo­kals "Celeste" nahe dem Naschmarkt. Jeden Montag sitzt er hier, trinkt Tee, raucht, tauscht mit Andreas Reiter Raabe, dem einzigen anderen Künstlerstammgast hier, Kinderfotos am Handy aus – und wartet auf den Auftritt von Quehenberger. Es wird laut, wild, intensiv, aber um Mitternacht ist aller Spuk vorbei. West, der frischgebackene Vater zwei­er Kinder kann nach Hause gehen. Und irgendwie versteht man den Weltstar, der immer weg wollte aus Österreich, aus Wien, aus seinem kulturellen Biotop, es aber doch nie geschafft hat. "Ja, das Blei­gewicht der Ge­müt­lichkeit", bestätigt West schelmisch das Klischee. Und lacht leise in sich hinein.

Stark gekürzter Text: Lesen Sie den kompletten Studiobesuch in der kommenden art-Ausgabe Januar 2010 (ab Freitag überall am Kiosk)

"Franz West: Autotheater"

Termin: 12. Dezember bis 14. März 2010, Museum Ludwig, Köln
http://www.museenkoeln.de/museum-ludwig/default.asp?s=2647

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