Gabriel Orozco - New York

Meine Hände sind mein Herz

16 Jahre nach seiner ersten Solo-Austellung im New Yorker Museum Of Modern Art schenkt Kuratorin Ann Temkin Gabriel Orozco nun eine große Retrospektive.

Er liebt es, Erwartungen zu enttäuschen. Vor 16 Jahren hatte das Museum of Modern Art dem damals recht unbekannten mexikanischen Künstler Gabriel Orozco seine erste Solo-Ausstellung in den USA gegeben. Der Auftritt kam bescheiden daher. Anstatt sich in den Ausstellungshallen auszubreiten, suchte sich der damals 31-jährige verborgene Winkel, installierte eine Hängematte im Skulpturengarten und ließ Orangen in den Fenstern von Apartmenthäusern und Bürogebäuden auf der anderen Straßenseite des Museums arrangieren. Seine Arbeiten waren eine Reaktion auf die protzigen Boomzeiten der achtziger Jahre mit ihrer manchmal dekadenten Kunst.

Zu gern hätte MoMA-Chefkuratorin Ann Temkin eine Neuauflage der Orangenaktion als Teil von Orozcos erster großer Retrospektive gesehen. Wiederholt versuchte sie, ihn davon zu überzeugen. Doch der inzwischen 47-jährige zog es wie gehabt vor, Erwartungen zu ignorieren. Orangen gibt es diesmal nicht. Dafür brachte Orozco ein Walskelett ("Mobile Matrix") mit, das er mit Hilfe eines 20-köpfigen Teams mit schwarzen Mustern bemalte und das wie ein gewaltiges Mobile von der Museumsdecke baumelt. Er zeigt seinen mit Schachbrettmuster bemalten Totenschädel ("Black Kites", 1997), neuere abstrakte Malereien und Formspiele. Einen mit Augen bestückten Elefantenfuß. Den Haufen Ton, den er 1991 in seinen Händen zu einem Herzen formte und die Handlung auf Fotos mit dem Titel "My Hands Are My Heart" verewigte. Und natürlich fehlen Orozcos berühmter, wie im zu heißen Waschgang eingelaufener Citroën ("La DS" von 1993) und der leere weiße Schuhkarton mit dem treffenden Namen "Empty Shoebox" nicht, mit dem er Anfang der neunziger Jahren bei einer Ausstellung mit Marian Goodman bei der Biennale in Venedig schockiert hatte.

Der Künstler hängte seine bis auf den blauen Rand transparenten Joghurtbecherdeckel von Danone an die kargen Museumswände. Ließ einen Fahrstuhl, den er auf seine eigene Körpergröße zurechtgestutzt hatte, aufstellen und transportierte mit einem gewaltigen Arbeitstisch und einem Arrangement aus Töpferschalen, Kugeln und Farbklecksen sein Atelier in das Museum. Wobei Orozco kein klassisches Atelier besitzt, sondern lieber am Küchentisch arbeitet und sich über viele Jahre als Weltenbummler herumtrieb. Inzwischen pendelt der Künstler mit seiner Familie zwischen Paris, Mexiko-Stadt und New York.

Bescheidenheit und eine Dosis Humor

Als Konsument all der Dinge, die er im Leben findet, hat sich Orozco immer gesehen. Er nimmt sich Sachen vor, die bereits existieren und denen er damit eine neue Identität verpasst. Eine Kunst, die nichts neu erfinden, sondern neu übersetzen will. Der frühere Rebell ist längst ein gefeierter Kunststar, seine Arbeiten befinden sich in den Sammlungen der großen New Yorker Museen. Als "Magie" beschrieb MoMA-Chef Glenn Lowry die Ausstellung. Der Generalkonsul von Mexiko erklärte mit schweren Worten, wie bedeutend Orozco, der sich in seiner Kunst nie mit seinem Heimatland auseinander gesetzt hat, als einer der wichtigsten Botschafter des Landes sei. "Wieso eine derart große Ausstellung mit Gabriel Orozco?", sei sie in den vergangenen Wochen gefragt wurden, bekannte Kuratorin Temkin. Weil er für seine Generation repräsentativ und doch so einzigartig sei. Weil er Kunst, besonders die Bildhauerei, mit einer engen Verbindung zum wirklichen Leben umdefiniert habe. "Und weil seine Arbeit von einer gewissen Bescheidenheit oder Melancholie mit einer Dosis Humor spricht", meinte Temkin. Wie damals in den achtzier Jahren schlägt der Künstler in heutigen Finanzkrisenzeiten den richtigen Ton an. Orozko selbst folgte dem ganzen Trubel mit flinken, unruhigen Augen und dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der große Worte und Erfolg gewohnt ist.

Er würde sich schnell langweilen, hat Orozco einmal gesagt. Weshalb er sich und seine Kunst ständig überdenkt, gern ohne großen Mitarbeiterstab agiert und versucht, sich immer wieder in das Gefühlsleben eines Anfängers zu versetzen. "Ich will kein Meister sein", so Orozco, sondern neugierig wie ein Kind.

"Gabriel Orozco"

Termin: bis 1. März 2010
http://www.moma.org/