Islamische Bildwelten und Moderne - Berlin

Wahrheit in Bildern

Ex-Documenta-Leiter Roger M. Buergel sieht die Arbeit am Begriff einer islamischen Mo­derne in der Berliner Schau durch großartige Ausstellungsstücke angeregt
Ausstellungskritik:Großartige Stücke, anregende Wirkung

Arbeit der syrischen Künstlerin Buthayna Ali: "We (nous/nahnu)", 2006, Installation, Kautschuk, Sand, Projektion

Dem Künstler rinnt eine Träne die ­Wange hinunter, und er schaut den Betrachter lange an. Der aber kann ihm nicht helfen, weil er sich in der gleichen ausweglosen Lage befindet. "Stammeln - Eine Theorie-Vorlesung" (2007) von Shady El Noshokaty ist ein ebenso ­unaufwendiger wie ergreifender Kommentar zur Schwelle zwischen dem Sag- und Unsagbaren. Das Video zeigt den Künstler vor einer Schultafel, ein Lehrbuch in der Hand. Als sei es der Koran, sucht er, den Text und die ihm innewohnende Wahrheit sprechend zur Geltung zu bringen. Er versagt, greift zur Kreide, zeichnet: Kreise, abstrakte Kraftlinien, Beziehungssysteme. So manifestiert die gewöhnliche Schultafel eine höhere Ordnung oder jedenfalls den Versuch, zu ihr vorzudringen. Und schließt damit an die großen Themen der islamischen Kultur und dieser Aus­stellung an: Kalligrafie, Spur des Göttlichen, Schrift, die in glücklichen Momenten in reinen Ausdruck übergeht.

Ursprünglich hatte die Kuratorin Almut Sh. Bruckstein Çoruh den Wunsch, der "Flachheit des Diskurses über Europa und Islam, über Demokratie, Sharia und Koran durch eine gemeinsame Arbeit mit Gelehrten aus aller Welt an den in Europa verdrängten, vergessenen, negierten literarischen Quellen klassischer arabischer (und jüdischer) Tradition" zu begegnen. Dieses Vorhaben aber drohte an den Wahrheitsansprüchen zu scheitern, mit denen die Gelehrten ihre Texte belegten. Weil also Wahrheit, wird sie nicht ästhetisch verstanden, unflexibel macht, bekamen einmal mehr Bilder den Vorzug – (Katalog: Nicolai Verlag, 19 Euro, im Buchhandel 34,95 Euro).

"Taswir", der arabische Titel der Aus­stellung, umfasst die Bedeutungen von Bild und Trugbild gleichermaßen. Tatsächlich geht es um "und" in dieser Schau, und weniger um "oder". Wobei sich der Parcours nicht enzyklopädisch verquatscht – was an­gesichts der Fülle großartiger Artefakte verzeihlich wäre –, sondern einer schlanken poetischen Ordnung in 18 thematisch geglie­derten Räumen folgt. Entlang der Begriffe "Kalligrafie", "Miniatur" und "Ornament" werden Korrespondenzen zwischen 50 Gegenwartskünstlern und über 120 klassischen Werken persischer, indischer, arabischer und osmanischer Prove­nienz hergestellt.

Zeitgenössisches offenbart dabei historische Tiefenbezüge, wenn etwa Mona Hatoum in ihrer Installation "Light Sentence" (1992) das bilderlose Licht dynamisiert, dem in der arabischen Sehtheorie eine zentrale Rolle zukommt. Es wird eine Tür aufgestoßen hin zur Frage nach einer is­lamischen Moderne, etwa im Rück­griff auf Hossein Zenderoudi, der 1977 mit "Zwölf Finger" die Reibung zwischen einer internationalen gestischen Abstraktion und dem persischen Bezug auf die Schrift belegt. Doch ergeht sich die Ausstellung gerade nicht im Beforschen von gewussten Iden­titäten und Differenzen. Eher macht sie sich auf die Suche nach den Spuren einer künftigen Moderne, deren Textur nicht den westlichen Ausschließungs- und Verdrängungsmustern gehorchen würde, sondern den Prozess der Auseinandersetzung mit dem Eigenen und Fremden befördert. Das ist keine fromme kuratorische Willensbekundung, sondern greifbarer Teil der Schau, die sich um ein diskursives Kraftzentrum organisiert, eine Werkstatt also, die sich durch die Objekte anregen und gewiss produktiv in die Irre führen lässt.

"Taswir. Islamische Bildwelten und Moderne"

Termin: Bis 18.1.2010, Martin-Gropius-Bau, Berlin
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/11_gropiusbau/mgb_start.php