Jeppe Hein - Aarhus

Kugeln rollen durchs Museum

Der dänische Künstler zeigt in seiner aktuellen Ausstellung "Sense City" in Aarhus Kunst, die zum Fühlen einlädt und Menschen zusammenbringen will

"Sie sind hier." Der rote Punkt auf der Übersichtskarte und die dazugehörigen drei Wörter stellen es gleich zu Beginn klar: Es ist wichtig zu wissen, wo man sich befindet. Erst dann darf man sich verlieren. Verlieren in "Sense City“, der aktuellen Einzelausstellung des dänischen Künstlers Jeppe Hein.

Kaum ein Werk kommt aus ohne Interaktion des Ausstellungsbesuchers, der damit mehr als nur Betrachter ist. Der "invisible text" etwa wird erst sichtbar, wenn ein Bewegungsmelder registriert, dass jemand den Raum betritt. Dann geht das Licht aus und auf der weißen Wand erscheinen wie mit leuchtender Geisterhand geschrieben Anweisungen wie "please use a camera", "please be happy", "please wonder" und "please criticise". Solche Aufforderungen sind wichtig, um Heins Ausstellung und seine Arbeiten generell zu erschließen.
Zu vielen Arbeiten gehört, das Licht durch den Betrachter an- und ausgeschaltet wird. Wenn sich zu viele Ausstellungsbesucher in der Nähe eines Werkes befinden, funktioniert der Effekt oft nicht. Ebenso sind die Sensoren manchmal so gesetzt, dass der von Hein angestrebte Lichteffekt nicht eintritt, wenn man sich in einem bestimmten Winkel nähert. Ein quadratischer Kubus aus Neonröhren ("Changing Neon Sculpture"), der wiederum aus kleinen Quadraten besteht, die zufällig aufleuchten, funktioniert deshalb ebenso eingeschränkt wie die fünf von der Decke hängenden leuchtenden Objekte "Enlightenment".

Der Kunstbetrachter wird zum Egozentriker

Ob allein oder zu mehreren – "Rotating Labyrinth" ist stets faszinierend und steht sicher nicht zufällig im Zentrum der Ausstellung. Auf einem runden Podest befinden sich etwa zwei Meter hohe und handbreite verspiegelte Pfosten in ebenfalls handbreitem Abstand voneinander im Kreis. An einer Seite ist genug Platz, um ins Innere zu gelangen, wo ein weiterer Kreis mit kleinerem Durchmesser, aber ansonsten identisch, steht. Dieser kann und sollte ebenfalls betreten werden. Spätestens in der Mitte stillstehend wird klar: Hier dreht sich etwas. Aber was? Das gesamte Podest? Nur der innere Teil? Nur der äußere? Der Gang in den Spiegelkreis ist wie der Sprung durch den Spiegel im aktuellen Kinofilm "Das Kabinett des Dr. Parnassus" – Verwirrung pur und der Kunstbetrachter wird zum Egozentriker, um den sich alles dreht. Er sieht sich auf allen Pfählen, zum Greifen nah, doch schaut er einem seiner Spiegelbilder ins Auge, merkt er schnell, dass sich dieses dem Blick zu entziehen versucht. Es sind nämlich lediglich die zwei schmalen Ringe, auf denen die Pfähle stehen, nicht aber die komplette Plattform, die sich dreht. Deshalb ist ein Fixieren des eigenen Gegenübers, wie man es sonst vom Spiegelbild gewohnt ist, eine Sysiphus-Aufgabe. Und wie bei Albert Camus gilt "wir müssen uns Sysiphus als einen glücklichen Menschen vorstellen".

Am meisten Raum nimmt "Distance" ein, eine 400 Meter lange Kugelbahn. Diese durchzieht eines der oberen Geschosse des Museums. Bowlingkugelgroße weiße Kunststoffkugeln rollen auf an eine Achterbahn erinnernden Gleisen vorbei an der "ARoS Art City", den Räumen mit Gegenwartskunst. Die Werke von Wim Wenders, Michael Kvium, Tracey Moffat und anderen werden zur Kulisse degradiert, so wie die Wandbemalungen einer Achterbahn.
Diese Arbeit ist verstörend – ein typischer Hein also, gleichzeitig aber auch störend: Die rollenden Kugeln lenken von den anderen Werken ab. Nicht zuletzt wegen des Rollgeräusches habe das Ganze etwas von Tivoli, sagt deshalb die finnische Künstlerin Johanna Lecklin.

Schade aber, dass die Kugelbahn nicht durch die oberste Etage des Museums führt, wo die Kunst von 1770 bis 1830 hängt. Dort sind die dänischen Klassiker zu finden – darunter Skagenmaler, L.A. Ring und Vilhelm Hammershøi. Hier hätte Heins Kugelbahn noch viel mehr Schwung bringen können und wäre ein stärkerer Kontrast gewesen. Aber das kann ja noch kommen, schließlich hat das ARoS Museum in Aarhus die Kugelbahn für die eigene Sammlung eingekauft. Außerdem lautet einer von Hein`s im Untergeschoss zu lesenden Sätzen "Why are you here and not somewhere else".

"Jeppe Hein – Sense City"

Termin: Bis 21. Februar im Aarhus Kunstmuseum ARoS
http://www.aros.dk/