Kunst aus Vietnam - Berlin

Radikal bis rätselhaft

Eine Ausstellung in der ifa-Galerie in Berlin informiert über die Kunstzsene Vietnams und will eine Wissenslücke schließen.

Harmlos wirkt das bunte Spielzeug und die Kinderbekleidung. Wie in einer Boutique werden kleine Figürchen, liebevoll gehäkelten Kapuzenwolljäckchen und oder bonbonfarbene Mädchenkleidchen in den Ausstellungsräumen des Berliner Instituts für Auslandsbeziehungen (Ifa) präsentiert. Doch schnell wird klar, dass die Designs, die der 1968 in Vietnam geborene Dinh Q. Le hier in der Gruppenausstellung zur zeitgenössischen Szene Vietnams präsentiert, sich grundlegend vom Angebot in den schicken Baby-Boutiquen um den Hackeschen Markt oder im Prenzlauer Berg unterscheiden. Ihre Doppelkapuzen und Doppelkragen sind für Kinder mit schweren Missbildungen sowie für siamesische Zwillinge gemacht.

Mit dem Werkkomplex "Zerstörte Gene/Damaged Gene" (1998/2009) berührt Dinh Q. Le ein Thema, dass über 30 Jahre nach dem Kriegsende noch immer die vietnamesische Gesellschaft bewegt. Weil die US-Truppen den flächendeckenden Einsatz chemischer Kampfstoffe wie Agent Orange während des Krieges forcierten, werden aufgrund der bis heute gefährlich hohen Dioxin-Belastung in Grundwasser und Boden in vielen Gegenden noch in dritter Generation viele Kinder mit schweren Missbildungen geboren und sterben ungewöhnlich viele Menschen an Krebs. Doch während die US-Veteranen – so lässt sich einer ebenfalls ausgestellten Fernsehdokumentation entnehmen – die mit den Chemikalien in Berührung kamen, längst entschädigt sind, wollen die amerikanischen Chemiegiganten, die einst das profitable Geschäft mit dem Tod betrieben, von den Opfern auf vietnamesischer Seite nichts wissen. Dinh Q. Le hat ihre Firmenlogos wie Modemarken auf seine Kinderkleider gestickt.

"Bildhafte Aneinanderreihung von Gefühlen"

Folgt man der Intention der beiden Ausstellungskuratorinnen Barbara Barsch und Veronika Radulovic, die mit "Connect: Kunstszene Vietnam" den Arbeiten von elf zeitgenössischen Künstlern eine Momentaufnahme der zeitgenössischen Szene Vietnams liefern wollen, so darf die Arbeit "Zerstörte Gene" in ihrer radikalen Ästhetik jedoch nicht als exemplarisch für das Kunstgeschehen des Landes gelten. Doch viele der ausgestellten Stücke erschließen sich dem kontextfremden Besucher nur schwer. Wie etwa die assoziative Videoarbeit "Rote Etüde" Nguyen Minh Phuoc, in der eine uniformierte Frau mit zwei roten Fächern eine rätselhafte Choreografie vollführt. In den Hintergrund hat der 1973 in Hanoi geborene Künstler Straßenszenen in Schwarzweiß montiert. Da hilft auch der sonst sehr aufschlussreiche Katalog nicht weiter, in dem der Künstler seine Arbeit sehr knapp als "bildhafte Aneinanderreihung von Gefühlen" beschreibt, "die zwischen dokumentarischen Bildern, angedeuteten Assoziationen und Klang zum Ausdruck kommen sollen".

Weniger verschlüsselt ist hingegen das Modell eines Hochhauses das der 1976 geborene Bildhauer Nguyen Manh Hung nach Berlin geschickt hat. An seiner wunderbaren Hausskulptur lässt sich ablesen, wie sich durch individuelle Anpassung und Umnutzung von Plattenbauten die von den Gegnern der architektonischen Moderne gern vorgetragene Brutalismus- und Sterilitätskritik ganz von selbst erledigt. "Apartment Block" (2009) sieht aus wie ein vertikales Dorf und zeigt, wie durch Eigeninitiative der teuren, vorgestanzten Individualität hiesieger Townhouse-Projekte zu entfliehen ist. Auch in Vietnam bleibt die Moderne ein nie vollendetes Projekt.

"Connect: Kunstszene Vietnam"

Termin: bis 5. April, ifa-Galerie, Berlin, Katalog: Kerber Verlag, 28 Euro
http://www.ifa.de/ausstellungen/