Eberhard Havekost - Schirn Frankfurt

Unkenntlichkeit durch Fokussierung

"Malerei ist eine Lüge, die näher an der Wahrheit ist, als Fotografie", sagt Eberhard Havekost: art traf den Dresdner Maler zur Eröffnung seiner großen Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Nach dem Inhalt seiner Gemälde gefragt, wirkt Eberhard Havekost einen Moment lang regelrecht unwirsch. Es könne doch wohl nicht sein, dass er jetzt hier seine eigenen Bilder erklären müsse. Bilder, wohlgemerkt, die nichts abzubilden scheinen, offenbar nur fluffiges Bunt zum Motiv haben, wenngleich auf einem der sechs Gemälde der neuen Serie "Retina", die derzeit in der gleichnamigen Ausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle gezeigt wird, ein grauer, scharf abgegrenzter Streifen am unteren Rand dem schlierigen Farbgebilde eine Art Bodenhaftung gibt.

Immerhin etwas, bei dem der auf der Suche nach Anhaltspunkten umherirrende Blick einen gewissen Halt findet. Freilich handelt es sich – daraus macht Havekost gar kein Geheimnis – in Wahrheit um Gemälde, die auf Digitalfotografien beruhen. Jene wiederum zeigen Fragmente von Flachbildschirmen, die wiederum etwas abbilden, was hier weder dechiffriert werden kann, noch zur Debatte steht. Man erfährt dann zwar, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme ein Kanal namens Comedy eingeschaltet war, doch darauf kommt es nicht an. Vielmehr geht es dem Künstler darum, einen "Interpretationsraum" zu schaffen. Etwas anzubieten, das reizvoll genug ist, um den Blick anzusaugen und zugleich offen genug, um die Gedanken in Bewegung zu setzen, das Gehirn zu einem Abgleich mit Gespeichertem zu bewegen. Das Ergebnis ist im Idealfall individuell sehr verschieden, weshalb der Künstler, der 1967 in Dresden geboren wurde und längst in Berlin lebt, seine Bilder logischerweise eben nicht erklären kann.

Ja doch, so Havekost, er verstehe schon, dass der Betrachter daran interessiert sei, den Denk- und Schaffensprozess des Künstlers zurückzuverfolgen, finde dies aber schade. "Man darf ja nicht vergessen, dass man dabei seine eigene subjektive Sichtweise einnimmt. Ein anderer kann ja mein Selbstbild nicht konstruieren. Jeder Mensch ist doch unterschiedlich determiniert." Allenfalls werde durch ein Zuviel an Absichtserklärung der Interpretationsraum des Bildes minimiert. Daher versuche er, seine Bilder so zu konstruieren, dass sie schnellstmöglich zu möglichst subjektiven Deutungen verleiteten.

"In den malerischen Prozess einsteigen"

Ob Havekost, wie in früheren Bildern, die Farben manipuliert, den Kontext entfernt oder verfremdet oder das gleiche Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln malt, stets scheint es dem Künstler jedoch nicht nur darum zu gehen, unsere eigenen Erinnerungen zu aktivieren, sondern auch darum, uns misstrauisch zu machen, uns zuzurufen: Das, was ihr seht, hat sich niemals so zugetragen wie es den Anschein hat. Und obwohl wir längst wissen, dass Fotografie – mehr oder weniger absichtsvoll – lügt, stand die Malerei doch bislang ungebrochen im Ruf einer gewissen Wahrhaftigkeit. "Malerei", so drückt es Havekost aus, "ist eine Lüge, die näher an der Wahrheit ist, als Fotografie."

Anders als frühere Arbeiten, auf denen zumeist wieder erkennbare Motive (wenngleich außerhalb ihres Kontextes) zu Reflexionen über das Wesen zeitgenössischer Medienkultur verleiteten, sind die aktuellen Werke durch Fokussierung noch weit stärker, bis hin zur Unkenntlichkeit, abstrahiert. "Ich gehe mit den Jahren immer näher heran", erklärt der Maler, der dies durchaus auch im übertragenen Sinn meint.

Als Vorlagen dienen dem Künstler nach wie vor Fotografien aus Zeitschriften und Zeitungen, Schnappschüsse, Videos sowie eigene Fotografien. Bilder, die er in einem digitalen Archiv nach bestimmten thematischen Kriterien ordnet. Für Eberhard Havekost dienen die Vor-Bilder in erster Linie dazu, "in den malerischen Prozess einzusteigen". Doch genauso wichtig ist alles, was sich im weiteren Bearbeitungsprozess auf dem Bild ereignet: Störungen, die durch eine fehlerhafte Leitung zwischen Computer und Drucker zustande kommen, oder verunklärende Lichtblitze – für Havekost befindet sich alles "auf der gleichen digitalen Grundebene", ob Farbverschiebung oder eine ins Bild geratene Tischkante, alles wird mit der gleichen Wichtigkeit behandelt, denn "Fehler sind etwas Wunderbares".

"Eberhard Havekost. Retina"

Termin: bis 14.März, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Katalog: Verlag Walther König, 14,90 Euro (Schirn), 16,80 Euro (Buchhandlung)
http://www.schirn-kunsthalle.de/index.php?do=exhibitions_detail&id=98&lang=de

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