Goldene Zeiten - Haus der Kunst München

Kein Platz für Helden

Wie konstruiert ist Geschichte? Und muss man sie nicht immer wieder neu lesen? In der Münchner Gruppenausstellung "Goldene Zeiten" gehen Steven Claydon, Diango Hernández, Mai-Thu Perret der Fiktion von Geschichte unter kulturell aufgesplitterten Aspekten nach.

Eine seltsamere Büste wurde noch nie gesehen – ein Hybrid aus Dagobert Duck, Dichterkopf, Imperator und expressiv verzerrter Karikatur. Sie thront in ihrer ganzen lächerlichen Erhabenheit im Haus der Kunst, fordert, dass man spontan mit bewunderndem Blick zu ihr aufschaut und sogleich für eine Schrecksekunde zusammenzuckt. Heldenzeit war vorvorgestern!

Mit dem gelben Entenschnabel aus Gussschaum könnte Dagobert Duck gemeint sein, der übergeworfene Lodenmantel spricht eher für süddeutsche Jagdfreuden. Schöpfer Steven Claydon hat noch andere sarkastische Einfälle zur Skulptur und ihren uralten Repräsentationsformeln auf Lager. Er mixt – ziemlich kühn – verschiedene Materialien zu Assemblagen, stellt das Verhältnis von Sockel und Skulptur bizarr auf den Kopf, führt Wunderkammereffekte und Handwerkliches in seine plastischen Metamorphosen ein. Und jeder noch so befremdliche Kunstgriff sitzt. Erstaunlich ist das nicht: Der Londoner Künstler (Jahrgang 1969) bezieht seine unter anderem von Naturkundemuseen entliehenen Inszenierungsideen auf kosmopolitische Philosophien wie etwa des deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt.

Steven Claydon ist einer von drei Künstlern der Schau "Goldene Zeiten", die um das zwangsläufig Fragmentarische heutiger Geschichtsbilder kreist. Laut Aussage der beiden Kuratorinnen geht es um die Frage von "Interpretation, Erzählung und Fiktion – wie auch den historischen Goldenen Zeitaltern etwas Verklärendes, fast Mythisches anhaftet." Mai-Thu Perret, eine 1976 in Genf geborene Künstlerin mit vietnamesischem Elternteil, lässt seit zwei Jahren ihre frei erfundene Frauenkommune "The Crystal Frontier" für sich arbeiten. Diesmal verschwindet sie aber als Autorin nicht hinter dieser feministischen Pseudo-Utopie und ihren Artefakten, sondern erzählt von dem sozialen Scheitern des polnischen Avantgarde-Bildhauerpaars Katarzyna Kobro und Wladyslaw Strzeminski. Auf die nach einem Vorbild von Kobro riesengroß aufgeblähte konstruktivistische Skulptur in Weiß projiziert sie elegische Bilder: Man sieht etwa eine Frau mit hölzernen Bauklötzchen Skulpturen zusammensetzen, die in anderer Einstellung als Brennstoff herhalten müssen. Der Kubaner Diango Hernández zeigt eine fragile Konstruktion aus verrostetem Stahl. Dieser skelettartige Raumteiler setzt sich aus den Ziffern der Jahre 1959 bis 2008 zusammen, der Amtszeit Fidel Castros von dessen Zeit als Premierminister im Jahr 1959 bis zu seinem altersbedingten Rücktritt im Frühjahr 2008. Die Arbeit "Years" deutet an, wie die man die weiteren Arbeiten von Diango Hernández in diesem Raum betrachten kann: die Geschichte Kubas von der Revolution bis heute.

Eine gelungene Schau mit viel Denkstoff. Sie zeigt, dass zeitgenössische Kunst weder zur linearen Geschichtserzählung aufgelegt ist noch politische Überkorrektheiten nötig hat. Dank des Einsatzes vielfältiger Medien lassen sich Geschichtskonstruktionen und ihre immer auch subjektiven Facetten der Betrachtung blitzlichtartig aufgreifen. Einziger Kritikpunkt an diesem für das Haus der Kunst begrüßenswerten Ausstellungsexperiment ist, dass zur theoretischen Begleitung nicht etwa eine triftigen Rückbindung der Ausstellungsbeiträge an das ausgegebene Thema stattfindet, sondern man sich hinter zweifelsohne klugen Köpfen wie etwa dem französischen Philosophen Alain Badiou versteckt: "Die Geschichte ist letztlich nur ein symbolischer Ort“.

Immerhin will die vermeintlich "Goldene Zeiten" beschwörende Schau auch an die Münchner Sezessionsbewegung anknüpfen. Die Künstlerin Mai-Thu Perret hat nicht von ungefähr im Müller'schen Volksbad, einem der schönsten Jugendstilbäder der Welt, gedreht – das wird leider nur in keinem Satz erwähnt. Claydon betreibt einen mit Malerfürst Franz von Stuck & Co vergleichbaren Manierismus am Rande hermaphroditischer Anzüglichkeiten. Und Hernández (Jahrgang 1970) stellt sein dekonstruiertes Alltagsmobiliar zu Kubas Vergangenheit in ein prekäres Spannungsverhältnis: Eine Champagnerflasche bildet etwa den labilen Fixpunkt eines Arrangements. "Goldene Zeiten", ob in dem Luxushafen des alten Pompeji oder unter dem Glimmerfirmament des europäischen Jugendstils, haben im Rückblick immer etwas Rauschhaftes, das schon den Zusammenbruch in sich zu bergen scheint. Übrigens fehlt der letzte Part der Ausstellung noch: Der in New York lebende Südkoreaner Sung Hwan Kim (geb. 1975) gibt erst ab 12. Februar in Videocollagen den Regisseur, Zeichner, Cutter, Erzähler, Performer und Komponisten zu krausen Legenden seiner Heimat.

"Goldene Zeiten"

Teil 1: Steven Claydon, Diango Hernández, Mai-Thu Perret. Termin: bis 11.März, Haus der Kunst, München. Kostenlose Broschüre zur Ausstellung
http://www.hausderkunst.de/