Jos de Gruyter und Harald Thys - Kunsthalle Basel

Wäschebeutel, Bomberjacken und Käseplatten

Das belgische Künstlerduo Jos de Gruyter und Harald Thys wagt den Ausstieg aus der Tretmühle des künstlerischen Selbstzitats – und verwandelt die Kunsthalle Basel in ein bildgewaltiges Paralleluniversum.

Die Aushändigung eines Faltblatts mit einem Grundriss vor Betreten der Basler Kunsthalle ist eine merkwürdige Geste. Zeigt der Plan doch nichts weiter, als dass fünf in L-Form liegenden Ausstellungssäle in einer linearen Raumfolge miteinander verbunden sind. Eigentlich ist es unmöglich, sich hier zu verlaufen. Vielleicht aber soll auf diese Weise diskret darauf verwiesen werden, dass die Architektur gar nichts dafür kann, dass man sich plötzlich nicht mehr zurechtfindet.

Wieso diese Vorsicht? Allein schon die Aufstellung von über 50, in Zickzackformationen angeordneten, menschenhohen Holztafeln durch das belgische Künstlerduo Jos de Gruyter und Harald Thys erschwert ganz offensichtlich die Orientierung. Wohin man sich wendet: Immer hat man ein Brett vor dem Kopf. Auch die gut 500 Bleistiftzeichnungen, die mit doppelseitigem Klebeband an diesen weißgetünchten Tafeln befestigt sind, machen die Durchdringung der Schau mit dem mysteriösen Titel "Projekt 13" nicht einfacher. Denn fast wie in jenen lehrreichen Bild-Enzyklopädien hat das Duo von Porno- bis Postkartenmotiv buchstäblich alles aufgezeichnet (besser: abgepaust), was es in der modernen Welt gibt: Stadtansichten, Menschengruppen, Wäschebeutel, Herrenschuhe, Baum- und Bodenbrüter, Bomberjacken, Videotext-Wetterkarten, Malereimer, Elektrobusse, Restaurantszenen, Möbel, Schokocreme-Rezepte, Hundeschulen, Käseplatten, Unterwasserwelten und vieles mehr. Selbst Joachim Zeller, der ehemalige CDU-Baustadtradt von Berlin Mitte, wurde nicht vergessen: Als Phantom-Bild taucht der heutige EU-Abgeordnete mit seinem Konterfei gleich mehrmals auf. Doch wie bitte, hängt dieser Bilderwust zusammen?

Anders als etwa in herkömmlichen Bildwörterbüchern wird in der Ausstellung auf Systematisierung oder Hierarchisierung der Zeichen verzichtet: vom Nahen zum Fernen oder vom Einfachen zum Komplizierten – das gibt es bei de Gruyter & Thys nicht. Die kindliche Lust der Ausstellungsbesucher, alles kennen und alles
wissen zu wollen, wird ignoriert. Stattdessen folgt "Projekt 13" einer anderen Logik: Weil allen alles gezeigt wird, ist alles gleich wichtig. Die groben und die feinen Unterschiede, welche der Mensch im Alltag erst mühsam erkennen und verinnerlichen muss, finden sich hier so flach und eben wie der frisch geteerte Parkplatz vor einem Ikea-Center. Unterbrochen wird die Display-Orgie nur durch eine wiederkehrende Skulpturengruppe aus drei hohen weißen Sockeln, auf denen drei in unterschiedliche Richtungen blickende Köpfe von Crashtest-Dummys thronen. Nur die Hohlen behalten den Überblick? Die Künstler nennen diese seltsamen Trios "De Drie Wijsneuzen van Erembodegem" ("Die drei Naseweise von Erembodegem") – sie gehen angeblich auf einen nie realisierten Entwurf für eine Kreisverkehrsinsel in der Nähe eines Dorfes in der belgischen Provinz Ostflandern zurück.

Sadomasochistische Kammerspiele

Im fünften und letzten Ausstellungssaal, der wie eine Mischung aus Fahrschule und Dorfkirche wirkt, ist dann plötzlich alles anders: in den Ecken längliche Lautsprecher, drei Reihen mit je sechs kantigen Holzbänken und ein monströser Industriebeamer der belgischen Marke Barco, der sonst nur bei Rockkonzerten in Fussballstadien Verwendung findet. Das so lichtstark projizierte Video "Über das Verhältnis der wirklichen zu der parallelen Welt" (2010) kommt also ohne
Verdunkelung aus und negiert nicht nur die meist schwelgerische Ästhetik zeitgenössischer Videokunst, sondern auch das bisherige filmische Werk von de Gruyter & Thys, deren quälerisch langsam vorankommende, sadomasochistischen Kammerspiele zuletzt auf der 5. Berlin-Biennale ("Die Fregatte", 2008 ) oder der Manifesta 7 in Trento ("Der Schlamm von Branst", 2009) das Kunstpublikum das Gruseln lehrten. Doch der neue, 25-minütige Film zeigt im Grunde nichts weiter als zwei Kreise, die sich anziehen, überlappen oder abstoßen, je nachdem, was eine väterliche Stimme aus dem Off in schönster parawissenschaftlicher Gewissheit über die Koexistenz beider Welten zu dozieren weiß.

Mit "Projekt 13" versuchen de Gruyter & Thys also die Befreiung aus der Tretmühle des künstlerischen Selbstzitats, indem sie nichts von dem abliefern, wofür sie in den vergangenen Jahren von Biennale-Kuratoren so sehr geliebt und umarmt wurden. Gleichzeitig gelingt der Ausstellung die Veranschaulichung eines ewigen Grundwiderspruchs aller Bildproduktion: die endlose Abbildung aller sichtbaren und unsichtbaren Phänomene der Welt und die fortwährende Enttäuschung darüber, dass die Macht der Bilder dennoch eine begrenzte ist. Die Welt der Kunst, so könnte man "Projekt 13" interpretieren, bleibt immer Parallelwelt, von der man sich immer nur temporär verschlingen lassen kann. Doch dass es sich lohnt, sich immer wieder zu versenken, und in welch prachtvoll entfalteten Parallel-Universen man so mitunter landet, das zeigt die Basler Schau selbst am besten.

"Jos de Gruyter und Harald Thys: Projekt 13"

Termin: bis 14. März, Kunsthalle Basel
http://www.kunsthallebasel.ch/