Rodney Graham - MACBA Barcelona

Der Hobbymaler im Schlafanzug

Barcelonas Museum für Gegenwartskunst MACBA blickt auf das Werk des Konzeptkünstler Rodney Graham zurück. Die Retrospektive mit dem Titel "Through the Forest" zeigt neben konzeptuellen Arbeiten auch Ölbilder.

Es muss wie eine Art Phantomschmerz gewesen sein. Gut 30 Jahre war der Kanadier Rodney Graham (geboren 1949) schon in der Konzeptkunst unterwegs, als er vor ein paar Jahren – endlich? – mit dem Malen anfing. Zuerst sollte es vor allem ein Zeitvertreib sein, eine Form von meditativem Pinseln, das den Kopf frei ließ fürs konzeptuelle Denken.

Aber ganz so einfach konnte man mit Farbe und Leinwand doch nicht umspringen, weshalb die beiden Parallelwelten irgendwann einander entgegenkamen. Graham nahm die Malerei ein wenig ernster – und band sie zugleich in sein Konzept-Universum ein. Deshalb endet die große Graham-Retrospektive in Barcelonas MACBA nun mit einer kleinen Fake-Retrospektive, in der der Künstler knapp 20 Ölbilder aus den letzten drei Jahren unter dem Titel "Ein Querschnitt durch meine kurze modernistische Karriere" versammelt. Wer sie in der schönen Rotunde des MACBA abschreitet beziehungsweise im Zusammenhang betrachtet, hat wirklich ein wenig Mühe, den richtigen Blick dafür zu finden. Grahams Bilder sehen aus, als sei der Künstler in Hypnose versetzt und dann vom Hypnotiseur gezwungen worden, die abstrakte Nouvelle École de Paris der vierziger und fünfziger Jahre malerisch nachzuempfinden, ein ums andere Mal. Ein etwas irritierender Schlusspunkt, der andererseits aber auch ganz wunderbar passt zu einem Künstler, dessen Werk immer wieder die Unmöglichkeit des kontextlosen, unschuldigen Sehens zum Thema hat.

Die eigene Rolle als Jäger und Sammler

Mitte der siebziger Jahre begann Graham als Teil der Vancouver School damit, in Fotoserien, Camera-Obscura-Installationen und nächtlichen Natur-Lightshows Blick und Bild grundsätzlich zu problematisieren. In den achtziger Jahren warf er sich vor allem auf die Literatur, brachte manipulierte Editionen von Poe oder Freud heraus, entwarf ein "Lesegerät" für Büchners "Lenz" oder steckte Klassiker in neue Schuber, die Donald Judds minimalistischen Skulpturen nachgebildet waren. In den neunziger Jahren kamen Filmarbeiten hinzu, teilweise starring Rodney Graham, teilweise mit neuen Blicken auf die Natur und die Medien ihrer technischen Reproduktion. In den letzten zehn Jahren wurde er auch in großen Foto-Leuchtkästen wiederholt zum Hauptdarsteller seiner selbst, am beeindruckendsten sicherlich in "The Gifted Amateur, Nov. 10th, 1962", einer dreiteiligen Aufnahme von 2007.

Darin stellt Graham einen kunstinteressierten, wohlhabenden Amerikaner dar, der eines Morgens, noch im Schlafanzug und mit Zigarette im Mundwinkel, Zeitungen im Wohnzimmer ausbreitet, eine Leinwand vorbereitet und spontan ein Farbstreifen-Bild schafft, als wäre der Geist von Morris Louis in ihn gefahren. Im MACBA teilt der "Begabte Amateur" einen Saal mit anderen Leuchtkästen, die Graham auch als Modell eines Schlachtenmalers aus dem 19. Jahrhunderts oder als Flötist eines Alte-Musik-Ensembles zeigen. Doch der Hobbymaler im Schlafanzug ist zweifellos eine besondere Selbstdarstellung, anspielungssatt wie viele seiner Werke, persönlich wie nur wenige. Denn hinter den kühlen Inszenierungen vieler konzeptueller Arbeiten verbirgt sich auch der künstlerische Kampf des "appropriation artist" mit der art of appropriation, das heißt mit der eigenen Rolle als Jäger und Sammler im Dickicht der bekannten Ausdrucksformen. "The Gifted Amateur" wirft, wunderbar doppelbödig, zugleich einen selbstkritischen und einen selbstbehauptenden Blick auf diese Praxis.

Wald voller Zeichen und Strategien

Schon einmal war Graham übrigens im Schlafanzug unterwegs. Für seine erste Filmarbeit "Halcion Sleep" aus dem Jahr 1994 hatte er eine doppelte Dosis Schlafmittel geschluckt und sich dann auf die Rückbank eines Minivan gelegt. Der Film zeigt den bewusstlosen Graham, wie er durch die beleuchtete städtische Nacht fährt. Das Werk war damals schon ein bewusster Schritt weg von der Appropriation, und es ist nicht ohne Ironie, dass Graham dieser Schritt nur im Schlaf gelingen wollte, unter mutwilliger Ausschaltung des (Kunst-)Verstandes. Nicht ohne Ironie auch, dass MACBAs Kurator Friedrich Meschede der Retrospektive den Titel "Through the Forest" gegeben hat.

Das spielt zum einen auf einen Schlüsselaspekt von Grahams Büchner-Arbeit an, bezieht sich aber genauso auf den Lebensweg des Konzeptualisten durch einen faszinierenden Wald voller Zeichen und Strategien. Manches Mal drohte der Künstler dabei im Unterholz stecken zu bleiben, etwa in der Auseinandersetzung mit Freud in den achtziger Jahren, als der "begabte Amateur" zwei Jahre lang tief eintauchte in die psychoanalytische Literatur und darüber fast die Arbeit am eigenen Werk vergaß.

Bisher ist allerdings noch auf jede Sackgasse eine neue Selbsterfindung gefolgt. Und wer die Barceloneser Ausstellung aufmerksam durchwandert, kann nicht nur auf ein spannendes Werk zurückblicken, sondern auch gespannt beobachten, wie ein Künstler sich stets mit neuen Disziplinen anlegt und dabei immer Oberwasser behält. Im Kopf – wenn schon nicht mit dem Pinsel – ist er eben doch ein begabter Profi.

"Trough the Forest"

Termin: bis 18. Mai, MACBA Barcelona, anschließend in Basel und Hamburg zu sehen; Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro
http://www.macba.es