Candice Breitz - Kunsthaus Bregenz

Der Spalt im Medienkorsett

Nach ausgemachten Fans von John Lennon und Michael Jackson holt Candice Breitz nun Zwillinge vor die Kamera. Die in Berlin lebende Videokünstlerin beweist wieder einmal die durchschlagende Kraft ihrer auf dem Zwist zwischen Persönlichkeit und Idol basierenden Videoarbeiten. Das Kunsthaus Bregenz liefert den idealen architektonischen Rahmen für die Identitätsforschung in mehreren Videokapiteln.

Sie ist eine charismatische und energische Person. Und kunsttheoretisch tritt Candice Breitz derart versiert auf, dass ihr im Mediendiskurs so schnell niemand etwas vormachen kann. Schließlich unterrichtet die 1972 in Johannesburg geborene Video- und Fotokünstlerin mit der markanten Kurzhaarfrisur in Wasserstoffblond seit drei Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.

Während des von ihr sonst in Englisch abgehaltenen Künstlergesprächs im Kunsthaus Bregenz kontert Candice Breitz mit einem Mal sehr bestimmt in kristallklarem Deutsch auf einen etwas flapsigen Einschub: "Nein, Herr S., Sie haben nicht Recht! Sie müssen sich meine Filme doch etwas genauer ansehen." Das sitzt! Tatsächlich fordern Candice Breitz Arbeiten schon etwas Konzentration auf das Erzählte, die Zwischentöne und die Beziehung der innerhalb einer Rahmenstruktur aufgesplitteten Videoporträts. Was angesichts der auch hymnischen Arbeiten der heute in Berlin lebenden Künstlerin eigentlich nicht weiter schwer fallen dürfte.

Candice Breitz untersucht in ihren stets parallel auf Bildschirmwänden ablaufenden Filmen das Verhältnis von Mythos und Projektion, von Idol und Identität. Sie verleiht gerade auch den Menschen von der Straße einen performativen Spielraum vor der Kamera, wie er in unserer massenmedialen Populärkultur sonst eigentlich nur Celebrities eingeräumt wird. Die wiederum finden sich wie Jack Nicholson und Meryl Streep in "Him" und "Her" (2008) über ihre Filmrollen so dekonstruiert, dass bei aller schauspielerischen Virtuosität vor allem die von Hollywood erwarteten, exaltierten Mann-Frau-Stereotypen hervortreten: Nicholson als ständig um sich selbst kreisender Sexmaniac und Streep als notorisch Beziehungsgeschädigte am Rande des Nervenzusammenbruchs. "Ich versuche mit den Arbeiten eine dialektische Struktur aufzubauen", erklärt Breitz. "Mich interessiert der Zwischenraum zwischen den Somebodies und Nobodies, zwischen den Namlosen und Namhaften."

Ping-Pong-Spiel mit dem Ich und dem Anderen

Ihre gerade erst eröffnete Soloschau im Kunsthaus Bregenz hat den aussagekräftigen Titel "The Scripted Life" – was sich ins Deutsche am besten mit "Das Leben nach Drehbuch" übersetzen lässt. Nach der ziemlich einhellig gelobten Schau in der Temporären Kunsthalle in Berlin schlägt Breitz neben der dort bereits präsentierten Videoinstallation "Working Class Hero (A Portrait of John Lennon)" nun ein neues Kapitel ihrer langwierigen Videostudien auf: eine an eineiigen Zwillingen vorgenommene Recherche über den Einbruch des Persönlichen in einer durch welche gesellschaftlichen Modelle auch immer vorgeformten Existenz. Wie die eingefleischten Lennon-Fans erhalten nun die von Breitz gecasteten Zwillinge einen konzeptuell eng abgesteckten Rahmen, innerhalb dessen sie selbstdarstellerisch agieren dürfen. Als lebende Pendants geben sie nun auf getrennten Monitoren ihre spezifische Zwillingsbiografie zum Besten. Während ein Paar schönheitsoperativ gereifter Ladies von ihren jeweiligen Hochzeiten und Trennungen berichtet, erzählen zwei junge Zwillingsschwestern von der konkurrierenden Sucht nach einem möglichst dünnen Körper. Frappante Eigenwilligkeiten kommen im Vergleich der Zwillinge ebenso zum Tragen wie ungeahnte Schnittmengen. Breitz und ihren Laiendarstellern gelingt ein faszinierendes Ping-Pong-Spiel zwischen dem "Ich" und dem zum Verwechseln ähnlichen "Anderen".

Vier ihrer in Kanada aufgestöberten Zwillinge spielten auch bei ihrer zweiteiligen Aufführung mit, die sie letzten Herbst anlässlich der "Performa" in New York als erste Live-Performance überhaupt auf die Bühne brachte. An zwei aufeinander folgenden Tagen sollten die separierten Zwillinge halbwegs einstudierte Rollen spielen. Die zentral positionierte Kamera nahm den wie ein altmodisches Boulevardtheater eingerichteten Bühnenkasten auf. In Bregenz sieht man nun das Quartett der Zwillinge parallel auf zwei Videoprojektionen lächerliche Handlungen und Gespräche ausführen. Immer wieder aber schert einer aus dem Skript der Künstlerin aus, drückt mächtig auf die Tube. Breitz ist ihrem Collagenwerk treu geblieben. Zerschnippelte sie früher Fotos im Zuge ihrer ethnisch untermauerten Gender-Studies, so baut sie nun an einem gefilmten Kaleidoskop von gesellschaftlichem Korsett und individueller Freiheit. Das Persönliche sucht sich in ihren Videos immer einen Spalt am Rande zur Persiflage.

"The Scripted Life"

Termin: bis 11. April, Kunsthaus Bregenz
http://www.kunsthaus-bregenz.at